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Außergewöhnlich normal

Außergewöhnlich normal

Toni Kroos ist einer der besten Spieler der Welt. Nur hat es gedauert, bis auch dem letzten Zweifler ein Licht aufging. Eine Anerkennung, die sich der Superstar von Real Madrid selbst erarbeitet hat.


So ein bisschen war es wie auf dem Oktoberfest. Frauen und Männer in Trachten, ganz viel Bier und noch mehr (mutmaßlich dadurch verursachtes) Gegröle und Gejaule. Dazu noch der Ministerpräsident des Freistaat Bayern, Horst Seehofer, und der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, Dieter Reiter. In Tracht natürlich. Und noch einige andere Großkopferte, wie man hier in Bayern sagt, die ihre Aufwartung machten. Erwartet haben sie aber nicht Pferdekutschen, die auf die Theresienwiese einfahren, um literweise Bier dazulassen, sondern ein Privatflugzeug, das am Münchener Flughafen ankommen sollte. An Bord: Die frischgekürten Weltmeister der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die in Brasilien den größtmöglichen Titel in dieser Sportart gewannen. Das musste gefeiert werden.

Die Landesregierung, die Stadtväter und der FC Bayern organisierten einen pompösen Empfang, um die Helden, zumindest die, die in München spielten, zu ehren. Dass bei all der freudigen Erwartung auf die nun offiziell besten Fußballer des Planeten erst DFB-Manager Oliver Bierhoff und DFB-Vizepräsident Rainer Koch aus dem Flieger stiegen, war ein kleiner Dämpfer nach der ganzen Warterei. Aber okay. Gleich danach trotteten die anderen heraus: Schweiniiiii, Manuuuuu, Thoomaaaas... Aus allen Ecken brüllten die Feierlustigen die Namen, wobei erstmal keine Zeit für Selfies und Abklatschen war. Die Großkopferten mussten unbedingt Hände schütteln und ein paar warme, wichtige Worte loswerden. Kann ja sein, dass die Weltmeister-Kicker nicht wussten, was sie erreicht hatten und die arrivierten Politiker sagten es ihnen, damit sie auch wirklich Bescheid wussten.



Kroos suchte die Ferne

Bastian Schweinsteiger genoss den warmen Empfang sichtlich, Thomas Müller war trotz Müdigkeit zu Witzen aufgelegt, Manuel Neuer grinste, was das Zeug hielt und wirkte dabei so souverän wie während des ganzen Turniers. Die Algerier wissen, was gemeint ist. Final-Torschütze Mario Götze war besonders im Fokus. Er lachte und wurde geehrt wie sonst nie in München. Nur einer suchte mehr oder weniger verzweifelt die Ferne. Der Mann, der vielleicht sogar all das möglich gemacht hatte, weil er in den Wochen zuvor, während der WM 2014, so überragend Fußball gespielt und Deutschland zum Titel dirigiert hatte. Toni Kroos.

Gut, die paar Hände schüttelte er artig, er kommt ja aus gutem Elternhaus. Aber sonst? Wo ist der Ausgang? Wenige Minuten zuvor, als Kroos und Co. im Landeanflug auf München waren, sprach sein Noch-Chef Karl-Heinz Rummenigge darüber, dass Kroos vor einem Wechsel zu Real Madrid stehe, weil man sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen konnte. Aufgrund der „finanziellen Sorgfaltspflicht“, die man gegenüber dem Klub, dem FC Bayern München, habe, wolle man Kroos im Jahr danach nicht ablösefrei ziehen lassen. Also musste er verkauft werden. Rummenigge sagte das in einer Überzeugung, dass man geneigt war, ihm Recht zu geben. Dass man Kroos eigentlich wegen Eitelkeiten und Machtspielchen nicht halten konnte (oder wollte), verschwieg der Vorstandschef des Rekordmeisters.

"Weil er der Beste ist"

Große Bestürzung schien der Verkauf des Mittelfeldspielers bei den Anhängern ohnehin nicht auszulösen. Kroos wurde respektiert, als brauchbar gesehen, aber geliebt? Nein, die Lieblinge waren andere. Kroos war das (ewig) große Talent, das schon bei seinem Europokal-Debüt als 17-Jähriger beim Gastspiel gegen Roter Stern Belgrad ein Freistoß-Tor von Miroslav Klose auflegte und das zweite dann selbst machte. Dass sich das Ganze in einem sogenannten Hexenkessel abspielte, interessierte ihn offenbar nicht sonderlich. Er spielte einfach drauf los. Bayerns damaliger Trainer Ottmar Hitzfeld verstand die Fragen im Anschluss des Spiels im Marakana zu Belgrad nicht, warum ausgerechnet ein Teenager auf Anhieb die Standardsituationen ausführte. „Weil er der Beste ist.“ Klang damals schon irgendwie logisch.

Mehmet Scholl, nicht bekannt dafür, in Sachen Lob besonders spendabel zu sein, sagte zu dieser Zeit: „So einen Spieler hat es beim FC Bayern seit 20 Jahren nicht gegeben!“ Aber so eindeutig und nachhaltig sein Talent auch war, so sehr sich Kroos auch entwickelte, war er nicht Mitglied der Geliebten. Mia san mia, aber der Toni ned. Dass auch auf Führungsebene diese Liebe offenbar nicht ausgeprägt war und somit eine weitere Beschäftigung nicht kompromisslos durchgesetzt wurde, bewertete man beim FC Bayern Jahre später dann auch als Fehleinschätzung. „Ein Verein muss manchmal harte Entscheidungen treffen – und das war eine harte, vielleicht die falsche“, sagt Bayerns damaliger Präsident Uli Hoeneß im Dokumentarfilm Kroos, der am 30. Juni 2019 Kinopremiere feierte. In dem Film, in dem Kroos auch offen über seine schwierige Zeit in München spricht.

Der Artikel erschien zuerst in Ausgabe #35: Jetzt nachbestellen

Nicht nur Talent

Wer hätte an der Säbener Straße gedacht, dass der junge Mann, der einst aus dem Rostocker Internat geholt wurde und noch gerne in Bettwäsche von Werder Bremen schlief, so in den Fokus geraten würde, dass ein Kinofilm über ihn gedreht wird, in dem illustre Namen wie Zinédine Zidane, Robbie Williams und Co. in höchsten Tönen von ihm schwärmen. Wer hätte gedacht, dass Kroos seinem Sechsjahresvertrag bei Real einen weiteren Kontrakt über vier Jahre folgen lässt und nach Uli Stielike der Deutsche mit den meisten Spielen im edlen Real-Trikot wird. Kroos weiß selbst, dass man es ihm nicht zugetraut hatte. „Viele haben gedacht, dass ich es dort nicht packe, mussten aber im Nachhinein doch zugeben, dass ich etwas kann“, sagt er.

„Das, wobei unsere Berechnungen versagen, nennen wir Zufall“, sagte einst Albert Einstein. Oft kommt es anders und dann anders, als man denkt. Dass aber Kroos zu einer Institution geworden ist, hat nichts mit Zufall zu tun. Es ist auch keine glückliche Fügung, dass er einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Der inzwischen 30 Jahre alte Nationalspieler betont: „Ich wehre mich immer sehr dagegen, dass mich mein Talent hierhergebracht hat. Aus diesem Talent das zu machen, was ich erreicht habe, ist viel Arbeit. Nur mit Arbeit ist das zu schaffen.“ Sicherlich hat da auch eine große Portion Ehrgeiz mitgespielt, es seinen Kritikern zeigen zu wollen. Ihnen zu demonstrieren, dass er kein Stehfußballer ist. „Vielleicht wurde ich von vielen zu schnell in eine Schublade gedrängt, auch aufgrund meines Spielstils, der in Deutschland lange umstritten war“, sagt Kroos: „Nach dem Motto: Der kämpft und grätscht nicht – die typisch deutschen Tugenden halt.“ Ein Problem mit dem beispielsweise auch Michael Ballack, zufälligerweise (?) beim FC Bayern, zu kämpfen hatte. 

Die Liebe zum Spiel

Doch Ballack hatte diese Probleme mit Mitte, Ende 20. Kroos war noch nicht mal 20, als es erste Diskussionen um seine Person gab. Selbst der Vorwurf, Kroos sei zu langsam, ist eigentlich absurd. „Gerade in der Offensive, bei begrenztem Raum und begrenzter Zeit, bringt einem die normale Schnelligkeit wenig, weil man ja nicht einfach mit dem Ball loslaufen kann. Man muss schnell und geschickt handeln.“ Als es beim FC Bayern nicht mehr lief und Kroos zu Bayer Leverkusen ausgeliehen wurde, sagte er schon damals: „Ich habe mir gesagt: Du musst so gut werden, dass dich kein Trainer stoppen kann.“ Spätestens bei Real Madrid gab es diese Diskussion nicht mehr. Dass in Bernd Schuster ausgerechnet ein Deutscher wieder mal das Thema Schnelligkeit kritisierte, ist fast schon tragikomisch. Denn besonders unter Zidane reifte Kroos zur Elite. „Es gibt etwas, das Toni und mich verbindet. Die Liebe zum Spiel. Ich liebe das Spiel. Für mich kommt es an erster Stelle. Gewinnen ist wichtig, klar. Aber spielend. Das haben wir gemeinsam.“ Was beide verbindet, ist aber auch, dass sie so überragend Fußball spielen, als wäre es das Normalste der Welt. Kroos hatte in seiner Karriere sicherlich viele magische Momente, aber er definiert sich nicht über eine Rolle als Spieler, der Videoschnipsel für ein Potpourri aus extravaganten Toren und Tricks sammelt.

Das Rezept

Das Rezept

Jean-François Domergue war der geheime Held hinter Frankreichs EM-Sieg im Jahre 1984. Wir sprachen mit Domergue, der heute als Leiter der UEFA-Abteilung Fußballentwicklung arbeitet, über die neue französische Welle und die Nachwuchsförderung.

Er spielt effizient, die Pässe, die es braucht und bestimmt das Tempo. „Wenn er will, dass wir schnell spielen, spielen wir schnell. Will er, dass wir langsam spielen, spielen wir langsam“, sagte mal Casemiro, Kroos’ Mitspieler bei Real. In einer Mannschaft, in der auch Luka Modrić und Co. spielen, ist es schon eine bemerkenswerte Aussage. Aber in Madrid hat man die geradlinige Art und Weise des Toni Kroos schätzen gelernt – und auch über die Grenzen hinaus. „Toni Kroos ist die Idealverkörperung, was das Ausland an Deutschland erkennt: deutsches Handwerk, deutsche Ernsthaftigkeit, deutscher Sonnenbrand“, sagt Paul Ingendaay in der Kroos-Doku. Kroos selbst sagt: „Ich weiß, dass ich in einer Welt lebe, die eigentlich nicht normal ist.“ Aber Kroos ist normal. Außergewöhnlich normal.

Dass er in Madrid zurückgezogen lebt, das Extravagante offenbar auch privat nicht sucht, mag zufällig sein, macht aber doch die Persönlichkeit des deutschen Vorzeigespielers aus. Dass er dann auch ausschließt, zum Karriereende noch mal in eine Plastik-Liga in Katar, China oder in die USA zu gehen, spricht auch für Kroos, der sogar schon mal darüber sinnierte, mit 33 – zum Ende seines neuen Real-Vertrages – die Karriere zu beenden. Ob es dann noch ein, zwei Jahre weitergeht, weiß man nicht. Klar ist nur, zum Abschied wird es sicher keine Trachten geben. Und auch kein Gegröle.

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