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Tim Walter: „Mentalität wird nicht zugelassen“

Tim Walter: „Mentalität wird nicht zugelassen“

Ende 2019 erlebte Tim Walter seine erste Entlassung als Fußballtrainer. Dabei war er mit dem VfB Stuttgart auf Aufstiegskurs. Auch deshalb vertraut der 44-Jährige weiter auf Meinungsstärke, eine offensive Spielweise und sein Credo: Erfolg durch Entwicklung.


Im März dieses Jahres sprachen Sie bei Sky90 erstmals seit Ihrer Entlassung beim VfB Stuttgart Ende Dezember 2019 wieder öffentlich. Warum nicht vorher?

Ich sah keine Notwendigkeit, mich öffentlich zu äußern. Alles was ich in den Wochen nach meinem Aus beim VfB gesagt hätte, hätte wahrscheinlich wie eine Rechtfertigung gewirkt.

Und das wollten Sie nicht?

Ich wollte in erster Linie keine Unruhe stiften. Am Ende geht es ausschließlich um das Wohl des VfB. Da ist ein ruhiges Arbeiten ganz wichtig. Man darf nicht vergessen: Mit Thomas Hitzlsperger, Sven Mislintat und mir hatten zu Saisonbeginn drei Personen in neuen Funktionen die sportliche Führung des Vereins übernommen.

Hitzlsperger als Sportvorstand, Mislintat als Sportdirektor, Sie als Chefcoach.

Genau. Wir alle waren top motiviert, aber natürlich hatten wir alle auch unsere eigenen Ansprüche und Vorstellungen. Wie bei einer neu zusammengesetzten Mannschaft braucht es auch bei einem komplett neuen Führungsteam immer ein bisschen Zeit, bis alle Rädchen perfekt ineinandergreifen. Das war uns allen bewusst, aber wenn dann das ein oder andere erhoffte Resultat ausbleibt, wird es vielleicht schneller etwas schwerer, das Ergebnis nicht direkt mit der Entwicklung der Mannschaft gleichzusetzen. Man wird dann vielleicht schneller unruhig als nach vielen gemeinsamen Jahren der Zusammenarbeit. Die Zeit, um komplett als Trio zusammenzufinden, hat am Ende leider nicht ausgereicht. Aber deswegen kann ich Thomas und Sven keinen Vorwurf machen. Ich bin beiden dankbar für die Möglichkeit, dass ich den VfB trainieren durfte. 

Dennoch: Sie hätten durchaus fehlende Rückendeckung monieren können.

Grundsätzlich bin ich kein Trainer, der jeden Tag Schulterklopfer der Verantwortlichen benötigt. Im Gegenteil: Ich bin ein Freund davon, sich intern kritisch mit allen Dingen auseinanderzusetzen – immer im Sinne der Weiterentwicklung der Mannschaft. Und ich habe es immer so wahrgenommen, dass das auch Thomas und Sven wichtig war.

Kurios: Als Sie bei Sky90 zu Gast waren, stand Stuttgart exakt auf dem gleichen Tabellenplatz wie bei Ihrer Entlassung.

Auf Platz drei – punktgleich mit dem HSV, der hinter Tabellenführer Bielefeld Zweiter war. Die Mannschaft lag immer gut im Rennen. Dass sich daran nach meinem Aus nichts geändert hat, zeigt mir, dass die Mannschaft absolut intakt ist und ich meinen Teil dazu beitragen konnte, das Ziel des Vereins schnellstmöglich zu erreichen.

Sie sprechen vom Aufstieg.

Wir wollen, aber wir müssen nicht aufsteigen – das war von Anfang an unsere gemeinsame Philosophie für diese Saison. Wichtig war, die Mannschaft weiterzuentwickeln. Die einen verfolgen dabei den Ansatz „Entwicklung durch Erfolg“, die anderen sehen es genau umgekehrt: „Erfolg durch Entwicklung“. Darauf vertraue auch ich. Ich habe bei meinen bisherigen Trainerstationen stets die Erfahrung gemacht, dass durch kontinuierliche Ausbildung wichtige Automatismen nach den ersten Spielen und vor allem nach einer gespielten Vorrunde immer mehr greifen – und du in der Rückrunde sowie in der Folgezeit  von dieser Arbeit auch bei den Ergebnissen maximal profitierst. Du musst aber dafür in Kauf nehmen, dass anfangs das eine oder andere Resultat möglicherweise ausbleibt. Vielleicht haben beim VfB unsere anfänglichen Erfolge über den eigentlichen Entwicklungsstand der Mannschaft hinweggetäuscht. 

Trotzdem haben Sie Ihre Mannschaft öffentlich stets stark dargestellt, prägten den Satz: Am Ende können wir uns nur selbst schlagen. 

Dass mir so ein Satz um die Ohren fliegt, wenn wir verlieren, war mir bewusst. Damit muss und kann ich dann auch leben. Mir war es gerade in der Anfangsphase jedoch wichtig, meinen Jungs auch nach außen zu demonstrieren, dass ich zu 100 Prozent von ihnen überzeugt bin und für jeden einzelnen Spieler einstehe. Dabei hatte ich allerdings nie die Absicht, dem Gegner gegenüber respektlos zu wirken. Generell bin ich einfach sicher, dass meine Jungs nur schwer zu schlagen sind, wenn sie alles geben – die Betonung liegt dabei auf dem „Wenn“. In Zukunft werde ich bei diesem Aspekt aber möglicherweise meine öffentlich getätigten Aussagen überdenken.

Um zu verhindern, als arrogant wahrgenommen zu werden?

Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich das nun wirklich nicht bin. Was ich aber durchaus bin, ist meinungsstark. Sowohl nach innen als auch nach außen. Die Alternative wäre, dass ich vor jeder Partie so etwas sage wie: „Wir müssen von Spiel zu Spiel schauen.“ Und nach jedem Match: „Es war das erwartet schwere Spiel.“ Dann bekomme ich vielleicht weniger Kritik, aber das bin dann auch weniger ich.

Wie wichtig sind Ihnen meinungsstarke Spielertypen?

Enorm wichtig. Ich habe lieber einen mündigen Spieler, der vorangeht und auch mal aneckt, als einen Spieler, der sich wegduckt, wenn es unbequem wird. Gerade bei uns in Deutschland ist es doch häufig so: Jeder will Mentalität auf dem Platz, aber lässt sie eigentlich nicht zu. Sobald einer etwas aus der Reihe tanzt, mal mutig nach vorne prescht, prügeln wir auf ihn ein. So wird es meiner Meinung nach schwierig, charakterstarke Typen zu entwickeln, die in den entscheidenden Momenten Verantwortung übernehmen. Ich lege großen Wert darauf, dass sich meine jungen Spieler zu Persönlichkeiten entwickeln. 

Auch der Umgang mit einer Entlassung ist eine Mentalitätsfrage. In Stuttgart erlebten Sie erstmals einen Rauswurf. Wie gingen Sie mit der neuen Erfahrung um? 

Ganz ehrlich: Solange du die Erfahrung nicht gemacht hast und obwohl dir natürlich die Mechanismen des Fußball-Geschäfts bestens bekannt sind, denkst du: ‚Das passiert dir nie.‘ Von daher war der Moment der Entlassung schon ungewohnt und neu. Du bist als Trainer komplett überzeugt von dem, was du tust – ansonsten dürftest du ja gar nicht erst einen Vertrag bei einem Verein unterschreiben. Wenn du zu Beginn schon ans Ende denkst, hast du verloren. Ich will mit meinen Mannschaften grundsätzlich etwas aufbauen und bewegen – etwas, das von möglichst langer Dauer ist. Dass es in unserem Business trotzdem an irgendeinem Punkt zu einer Trennung kommen kann, gehört dazu. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Wichtig ist, dass du als freigestellter Trainer die Zeit danach bestmöglich nutzt.

Der Artikel erschien zuerst in Ausgabe #43: Jetzt nachbestellen

Und das haben Sie?

Ich habe die für mich neue Situation schnell als Chance begriffen. Sie gab mir die Möglichkeit, mich als immer noch recht junger Trainer noch mal weiterzuentwickeln. Ich habe mich unter anderem intensiv mit der Frage beschäftigt, wie ich Entwicklungsschritte wie beispielsweise Tiefenläufe und Pässe in die Tiefe nach erfolgreichem Gegenpressing bei einer Mannschaft nochmals forcieren kann.

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Ich denke schon. (schmunzelt) Mir war es aber auch ein Anliegen, einen 360-Grad-Blick über das Geschehen zu bekommen. Deshalb habe ich mir von ehemaligen Spielern Rückmeldung zu meiner Arbeit eingeholt, mich bei Spielen unter die Fans im Stadion gemischt und aus ihrer Sicht Partien verfolgt. Mit Journalisten habe ich mich ausgetauscht, um das mediale Geschehen noch besser nachvollziehen zu können und die eigene Wirkung zu hinterfragen. Und natürlich habe ich aus der Außenperspektive auch andere Trainer beobachtet: Wie reagieren sie in bestimmten Situationen, wie wirkt sich das jeweilige Verhalten auf die Mannschaft aus? Ich war als Zaungast zudem bei einigen Trainingseinheiten von Profi- und Jugendmannschaften dabei.

Ein bisschen Zeit für die Familie ist dennoch geblieben?

Ja, sicher. Das war mir auch wichtig, weil meine Familie in den vergangenen Jahren viel zu kurz gekommen ist. Meine drei Kinder ganz bewusst aufwachsen zu sehen, mit ihnen den kompletten Tag zu verbringen, klingt banal, aber dafür bleibt sonst im normalen Traineralltag keine Zeit. Auch einfach mal zu erleben, was meine Frau den ganzen Tag über leistet, war sehr lehrreich für mich. Zu Beginn war es auch für sie eine Umstellung, dass ich sie in manchen Dingen plötzlich unterstützen konnte und wollte. (lacht)

Fragen die Kinder schon: „Papa, wann trainierst du wieder?“

Klar, das kommt vor. Ich glaube, gerade mein Sohn wäre froh, wenn ich bald wieder bei einem neuen Verein anfangen würde.

Und, wann trainieren Sie wieder?

Am liebsten sofort. Wenn man als Trainer auf der Tribüne sitzt, geht es einem wie einem Spieler, der verletzt ist oder nicht im Kader steht: Man verspürt die Lust und den Willen, auf das Spiel Einfluss zu nehmen und mitzuhelfen, Spieler zu entwickeln und Spiele zu gewinnen.

Als während der Saison in Berlin oder in Augsburg Trainer getauscht wurden, war auch Ihr Name in den Medien zu lesen. 

Wenn man auf dem Markt ist, wird der eigene Name schnell in der Gerüchteküche gehandelt. Auch das habe ich gelernt. (lacht) Die viel wichtigere Lehre, gerade aus meiner Zeit beim VfB, ist aber: Das sportliche Führungsteam muss perfekt zueinanderpassen, die Vorstellungen sollten sich idealerweise komplett decken. Wer mich verpflichtet, weiß sehr genau, was für einen Trainer er bekommt.

Einen Offensiv-Coach?

Ich bin ein Trainer, der seine Mannschaft dominanten, offensiven und attraktiven Fußball spielen lässt. Dazu stehe ich, das ist meine Kernkompetenz. Was mir dabei jedoch oft zu kurz kommt, ist der Hinweis darauf, dass keine Offensive funktioniert, wenn die Defensive nicht stimmt.

Heißt genau?

Wenn du schlecht im Gegenpressing bist und keine guten Abstände zueinander hast, dann funktioniert das Ballbesitzspiel nicht. Die Ballrückeroberung und die Restfeldverteidigung sind daher Kernelemente meiner Arbeit. Sie nehmen im Training mindestens genauso viel Zeit ein wie das Forcieren des Ballbesitzes. Sie sind sozusagen die Voraussetzung für meine Spielweise.

Daten belegen, dass Stuttgart unter Ihnen mehr Torschüsse abgab, mehr Großchancen und Ballbesitz hatte als jedes andere Team der 2. Liga. Und dass kein Team höher verteidigte. Die Verteidigungslinie bleibt unter Ihnen also auch in Zukunft maximal hoch?

Je höher ich verteidige, desto näher bin ich am gegnerischen Tor. Ich sehe darin nur Vorteile. Wie Sie aber sehen, sprechen wir trotz offensiver Gedanken auch hier wieder über das Verteidigen, weil man, ohne diesen Aspekt zu berücksichtigen, immer sehr konteranfällig ist. 

Welche Gefahr läuft Ihr Ex-Verein Stuttgart, gleich wieder abzusteigen, wenn personell nicht nachgebessert wird?

Die vorhandene Basis ist super, der Kader hat absolut die Qualität, um direkt aufzusteigen. Aber natürlich gilt es, schon jetzt strategische Entscheidungen zu treffen und vorauszudenken. Um große Ziele zu erreichen, die der VfB perspektivisch auf jeden Fall hat, brauchst du hungrige, willige Spieler, die etwas erreichen wollen. Spieler, die für diesen Verein brennen. Aufgrund der großen Konkurrenzsituation auf dem Transfermarkt musst du da als VfB sicherlich auch eine gewisse Fantasie entwickeln.

Ein enger Kontakt zu deutschen Top-Talenten, über den Sie aufgrund Ihrer früheren Arbeit im Nachwuchs des FC Bayern und des Karlsruher SC verfügen, hätte da sicherlich nicht geschadet.

Es ist doch ganz normal, dass man zu dem einen oder anderen Spieler, den man in der Vergangenheit mitentwickeln durfte, einen besonderen Draht hat. Natürlich habe ich die ein oder andere Idee im Kopf, wenn es darum geht, spannende Talente einzubauen. Es geht aber auch darum, den Talenten im eigenen Verein Perspektiven aufzuzeigen, wie sie den Sprung zu den Profis schaffen können. Sie schnellstmöglich auf dieses Level zu bringen, sehe ich ebenfalls als eine Hauptaufgabe von mir.

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