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Chapuisat: „Hitzfeld hat mich verblüfft“

Chapuisat: „Hitzfeld hat mich verblüfft“

Stéphane Chapuisat war als Torjäger eine prägende Figur der wohl erfolgreichsten Epoche der BVB-Geschichte. Als Legende sieht er sich deshalb nicht unbedingt. Lieber schwärmt er von Ottmar Hitzfeld, dem Spirit von 1997 und seinem „zweiten Leben“.


Herr Chapuisat, woran denken Sie am liebsten zurück?

An den Champions-League-Triumph 1997 in München gegen Juventus Turin. Er war die Krönung einer wundervollen Zeit. In Dortmund habe ich die schönsten Jahre meiner Laufbahn verbracht. Damals war der Zusammenhalt unsere große Stärke. Im Halbfinale gegen Manchester United und im Endspiel hatten wir das Gefühl, förmlich unbesiegbar zu sein. Wir spürten, dass unsere Solidarität den Weg zum ganz großen Triumph ebnen könnte.

Jeder BVB-Fan würde Sie eine Legende des Klubs nennen. Fühlen Sie sich als Legende?

Das ist schwer zu sagen. In der Schweiz ist dieser Ausdruck nicht wirklich gebräuchlich. Die ehemaligen Sportler werden irgendwie anders wahrgenommen als vielleicht in Deutschland. Auf jeden Fall bin ich stolz darauf, eine wichtige Rolle in der Geschichte von Borussia Dortmund gespielt und solche Erfolge mit dem Klub gefeiert zu haben. Ich werde nie vergessen, was wir für emotionale Momente dort mit den unglaublichen Fans erleben durften. 

Würden Sie zustimmen, wenn wir Ottmar Hitzfeld, der 1997 mit dem BVB und 2001 mit dem FC Bayern die Königsklasse gewann, als Legende bezeichnen? 

Absolut. Allein die Tatsache, dass er den Henkelpott mit zwei verschiedenen Teams innerhalb von nur vier Jahren gewonnen hat, sagt alles. Er war ein Ausnahmetrainer und die Arbeit unter seiner Regie war wundervoll.

Können Sie das näher beschreiben?

Ottmar Hitzfeld konnte die ganze Kabine mobilisieren. Er besaß so viel Fingerspitzengefühl auf der menschlichen Ebene und verstand es, jederzeit an den richtigen Schrauben zu drehen. Er war ungeheuer kompetent. Dazu muss man wissen, dass damals die Trainerteams noch nicht so groß waren wie heute, sodass sehr, sehr viel Verantwortung auf seinen Schultern lag. Was mich immer verblüffte, war seine Gabe, gut zu antizipieren und vorausschauend zu arbeiten. Das können nicht viele Trainer, und das war eine seiner großen Qualitäten.

Er wusste sich aber auch mit guten Leuten zu umgeben, oder?

Genau. Seine Zusammenarbeit mit Michael Henke war ein Eckpfeiler unseres Erfolgs. Beide haben sich blind verstanden und perfekt ergänzt. Sie mussten nicht viel sagen, manchmal reichte ein einziger Blick.

Sie sind seit mehreren Jahren als Stürmertrainer bei den Young Boys Bern tätig. Haben Sie die Ambition, mittel- oder langfristig Cheftrainer zu werden? 

Nein, ich peile keine Trainerkarriere an. Cheftrainer zu werden würde heißen, unheimlich viel Verantwortung übernehmen zu müssen – und darauf habe ich keine Lust. Ich wollte eigentlich noch nie Chef werden und daran wird sich auch nichts mehr ändern.

Sie sind also rundum glücklich? 

Von A bis Z. Ich kümmere mich ja nicht nur um die Stürmer, sondern bin auch als Scout aktiv. Dieser Job bereitet mir ebenfalls unheimlich großen Spaß.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich sehe mir viele Spiele im Fernsehen an, um einen Eindruck von bestimmten Spielern zu bekommen. Gleichzeitig reise ich kreuz und quer durch die Schweiz, um interessante Spieler für Young Boys zu entdecken. Unsere Priorität ist die Schweiz und das Ziel lautet, kein Ausnahmetalent zu übersehen und womöglich der Konkurrenz zu überlassen. Dann gehört es zu meiner Tätigkeit, Kontakt zu dem jeweiligen Spieler und seinem Management aufzunehmen. Als Stürmertrainer versuche ich, meine langjährige Erfahrung als Profi an unsere Spieler weiterzugeben und sie davon profitieren zu lassen. Mein Job ist eine gesunde Mischung, die mich sehr glücklich macht.

Können Sie sich vorstellen, die nächsten 10 oder 20 Jahre so weiterzumachen? 

Es ist immer schwierig, so weit nach vorne zu schauen, aber augenblicklich bin ich mit meinem „zweiten Leben“ mehr als zufrieden. Ich stehe jeden Tag auf und fahre mit einem Lächeln zur Arbeit. Dementsprechend habe ich das Gefühl, dass ich alles richtig gemacht habe.

Wie hat sich die Rolle des Stürmers seit Ihrer aktiven Zeit verändert?

Ich habe das Gefühl, dass es ein Stürmer heute einen Tick schwerer hat, weil er regelmäßig als alleinige Spitze agieren und somit mehr Laufarbeit verrichten muss. Für einen Stürmer ist es immer von Vorteil, wenn er einen Partner neben sich hat. Damals beim BVB war ich froh, einen Karl-Heinz Riedle an meiner Seite zu haben. Wir haben uns immer top ergänzt. Außerdem ist das Spiel insgesamt schneller geworden und infolgedessen wird individueller trainiert.

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Welche Stürmer gefallen Ihnen aktuell am besten?

Robert Lewandowski gefällt mir ganz gut. Er ist der Prototyp eines modernen Stürmers, der einfach alles kann. Cristiano Ronaldo und Lionel Messi sind einfach von einem anderen Planeten. Sie sind unglaublich, dabei sind sie gar keine klassischen Torjäger. Auch Edinson Cavani schätze ich sehr.

Und welche Fußballer sind für Sie die größten aller Zeiten?

Spontan fallen mir Michel Platini, Diego Maradona und Zinédine Zidane ein. Das sind alles Zehner, die sehr gerne den Ball hatten. Ich liebe solche Spieler, die technisch überragend sind und die Zuschauer zum Träumen bringen. Diese Spieler hatten magische Momente und für solche Momente geht man als Fan ins Stadion. Sie waren auf ihre Art und Weise einzigartig.

Blicken wir über den Tellerrand. Welche anderen Sportler haben oder hatten diese Qualität? 

Ich bin ein großer Tennisfan und habe Boris Becker immer bewundert: seinen Siegeswillen, seine Einstellung und seine Power. Er war ungemein authentisch. Eine sensationelle Ausstrahlung hatte auch Wayne Gretzky, der Eishockey-Superstar. Er war ein Ausnahmetalent. Bei ihm wusste man, dass in jedem Spiel und jederzeit etwas Großartiges passieren konnte.

Pardon, müssten Sie als Schweizer nicht längst Roger Federer erwähnt haben?

Roger ist natürlich unglaublich. Seine Fähigkeit, in diesem Alter immer noch auf dem absolut höchsten Niveau zu spielen, wieder die Nummer eins der Welt zu werden und immer noch Grand-Slam-Titel zu gewinnen, ist schlichtweg grandios. Jeder Schweizer ist stolz auf Roger.

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