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Die Kinder in den Banlieues

Die Kinder in den Banlieues

Warum ist der Fußball in Westeuropa so erfolgreich und warum ist er ein Türöffner für Vieles. Der renommierte Autor Simon Kuper sinniert darüber im Gespräch.


Sie haben in vielen verschiedenen Ländern gelebt und Bücher über sie geschrieben. Also könnte vielleicht niemand verschiedene Sportkulturen so gut vergleichen wie Sie. Was macht Ihrer Meinung nach Frankreich so besonders und so gut in zahlreichen Sportarten?

Na ja, zunächst liegt es an Westeuropa. Die letzten vier Weltmeisterschaften gewannen westeuropäische Länder. Also muss man sich fragen, warum diese Region so gut im Fußball ist. Das ist natürlich auf die historische Tradition zurückzuführen. Wir spielen länger Fußball als alle anderen. Und dann liegt es an Sozialdemokratie. Wenn Sie um Paris, aber auch um Amsterdam oder München fahren, sehen Sie überall städtisch finanzierte Sportanlagen. Die Stadt bezahlt die Trainer und die Trainer haben große Möglichkeiten. Alles ist sehr gut organisiert und die Anlagen sind großartig. Und es geht um die zentrale Organisation. In Deutschland ist es der DFB und in Frankreich die FFF, die die besten Spieler scouten und sie zur Zentrale in Clairefontaine oder in Frankfurt holen. Und dann gibt es noch den Gedankenaustausch.

Inwiefern? 

Also wenn in Frankreich die Sachen nicht gut laufen, schauen sie, was in Deutschland gemacht wird und lernen von ihnen. Als es in Belgien nicht so gut lief, haben sie die Niederlande, Frankreich und Deutschland unter die Lupe genommen. Diese Länder lernen also immer voneinander. Westeuropa ist also die fruchtbarste, produktivste Region im Fußball und hinzu kommt die Sozialdemokratie. Und in Paris herrscht eine besondere Situation; das ist, wo die Minderheiten ins Spiel kommen. Man hat diese recht armen Banlieues, die aber eindeutig reicher sind als in Brasilien oder in der Türkei. Und sie haben gute Sportanlagen und eine gute Gesundheitsversorgung, was ja ebenfalls wichtig ist. Fast alle sind gesund genug, Sport zu betreiben. Es gibt eine Menge Kinder, die nach der Schule nicht so viel zu tun haben, so dass sie in den Sportanlagen der Stadt spielen. Das passiert nicht nur in Paris, sondern auch in Lille oder Lyon. Also gibt es diese Kinder, die fünf Stunden am Tag draußen spielen und über sehr gute Trainer und eine sehr gute Gesundheitsversorgung verfügen. Diese Kombination ist es, die den Unterschied ausmacht...

Sie haben lange in den Niederlanden gewohnt. Dann zogen Sie nach Paris...

Mein Leben führte mich einfach zu diesen Orten. Mein Vater arbeitete in den Niederlanden, so bin ich dort aufgewachsen und zu einer Art internationalen Menschen geworden. Ich lebte in London gelebt und danach studierte ich ein Jahr in Deutschland. Also führte mich mein Leben in Westeuropa, aber auch in den USA ziemlich viel herum. Ich habe auch in ein paar anderen Ländern gelebt und versuche zu begreifen, was Länder voneinander unterscheidet und warum der Fußball in Westeuropa besser ist als der in den USA. In den USA gibt es 25 Millionen Menschen, die Fußball spielen, aber sie sind nicht gut. Also woran liegt das?

Migration ist ein wichtiges Thema. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen steigender Migration und der Entwicklung der Fußballländer? 

Na ja, seitdem die Minderheiten in die westeuropäischen Länder gekommen sind, sind sie in den Fußballnationalmannschaften äußerst wichtig geworden. Deutsch-Türken stellen ein Beispiel dafür dar. Man kann Mesut Özil in diese Kategorie einordnen. Wie ich sagte, da sie in ärmeren Vierteln aufwachsen, haben sie nicht so viele Vergnügungsm.glichkeiten, so dass sie schließlich viel Fußball spielen. Fußball ist ein Geschicklichkeitssport; man wird also im Fußball nicht so sehr wegen seiner Genetik gut. Es ist nicht wie beim Sprinten, sondern man wird gut, wenn man viel spielt, und natürlich, wenn man gut trainiert wird. Wir haben in Westeuropa gutes Coaching. Wenn ein Kind wöchentlich 25 Stunden Fußball spielt, wird es ein guter Fußballspieler. Ich sehe, dass Mittelschichtskinder wie meine sehr gute Trainer haben und gut werden, aber nicht so viel Fußball spielen wie die Kinder aus diesen Milieus; denn wir, ihre Eltern, sagen: „Du musst deine Hausaufgaben machen“ oder mit ihnen in den Urlaub fahren. Sie haben andere Möglichkeiten im Leben, um sich zu vergnügen. Sie lesen zum Beispiel Bücher. Wenn man sich nicht die ganze Zeit auf Fußball fokussiert, wird man nicht so gut. Das ist es, meiner Meinung nach, was die Arbeiterklasse und die Minderheiten so besonders macht.

Sie verfolgen inzwischen auch intensiv den Frauenfußball. Würden Sie sagen, dass das Argument „Westeuropa“ auch hier zieht?

Es wird mit jedem Jahr größer. Ich sehe es auch an meiner Tochter, die hier Fußball spielt. Als sie vor fünf Jahren anfing, war es sogar sehr schwer eine Mädchenmannschaft zu finden; jetzt spielen mit jedem Jahr mehr Mädchen Fußball. In Westeuropa ging das sehr schnell, und wie Sie wissen, haben die USA einen großen Vorsprung. Sie haben Millionen von Mädchen, die Fußball spielen, so dass sie mehr gute Spielerinnen haben. Momentan spielen in Westeuropa, sogar in der ganzen Welt im Vergleich zu Jungen immer noch sehr wenig Mädchen Fußball. In den meisten Ländern ist die Qualität, die technische Qualität, niedriger. Das wird sich aber sehr schnell ändern. Und Fußball wurde immer als Männersport, als ein Männerspiel betrachtet. Diese Meinung verschwindet jetzt sehr schnell. Ich habe im Fußball noch nie ein Frauenturnier gesehen, das so intensiv verfolgt wurde wie die Fußballweltmeisterschaft der Frauen letzten Sommer. Es war das erste Mal, dass ich als Journalist dafür bezahlt wurde, über Frauenfußball zu schreiben. So etwas war noch nie passiert. Ich sehe eine Menge Anzeichen, die darauf hinweisen, dass es sich sehr schnell ändern wird.

Das Interview erschien zuerst in Ausgabe #38 im Dezember 2019: Jetzt nachbestellen

Wie ist der Konkurrenzkampf an der Spitze? 

Na ja, da es jetzt mehr Länder mit vielen Fußballspielerinnen gibt, gibt es auch mehr Länder, die gut sind. Und Länder wie Frankreich und die Niederlande haben eine starke Fußballtradition, sie wissen, wie man Fußball spielt. Wenn es also genug Frauen gibt, die Fußball spielen, wird man gute Mannschaften haben; denn diese Länder haben ein gutes Fußballverständnis. Sie haben gute Trainer. Und Deutschland war das einzige große Land, das Frauenfußball wirklich ernst nahm. Da es jetzt alle ernst nehmen, herrscht nun – genauso wie im Männerfußball – Konkurrenz. Die Konkurrenz zwingt die Länder dazu, besser zu werden. Und die größte Konkurrenz im Männer- sowie Frauenfußball ist in Westeuropa. Wir werden uns also hier gegenseitig puschen, besser zu werden. Denn die Niederlande, Deutschland und Frankreich spielen ständig gegeneinander. Wenn man dann verliert, fragt man sich: „Was haben wir falsch gemacht?“ Den USA fehlt das, da sie nur jedes zweite Jahr gegen unsere Mannschaften auftreten. So sehen wir, dass sieben europäische Länder bei der letzten Weltmeisterschaft ins Viertelfinale eingezogen haben – ähnlich wie im Männerfußball. In Westeuropa leben 5 Prozent der Weltbevölkerung, aber, wenn man im Frauenfußball von den USA absieht, sind fast alle der besten Männer- und Frauenfußballmannschaften hier. Das bedeutet Konkurrenz.

Und Coaching?

Coaching ist vielleicht eher im Jugendbereich sehr wichtig; denn wenn Spieler bereits in der Nationalmannschaft spielen, können sie auf dem Spielfeld viel bessere Entscheidungen treffen. Also wenn man 25 Jahre alt ist und in der französischen Nationalmannschaft spielt, weiß man bereits, wie man Fußball spielt. Die Trainer sind eigentlich für die Siebenjährigen wichtiger als für die Nationalmannschaft. Ich meinte vielmehr, dass wir überall noch sehr wenig Trainerinnen haben.

Denken Sie, dass auch das sich ändern wird?

Ich denke, schon. Wenn die Menschen begreifen, dass Fußball kein Männersport ist, werden Frauen spielen, coachen und zuschauen. Frankreich und die USA waren bei der Weltmeisterschaft zwei von sehr wenigen Ländern mit Trainerinnen. Nächstes Mal werden es mehr sein.

Simon Kuper ist ein britischer Journalist. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Fußball, aber auch über andere Sportarten hat er publiziert. Der Sohn eines südafrikanischen Anthropologen reiste schon als Kind um die Welt. 1994 erschien Kupers Erstlingswerk Football against the enemy, das ihm etliche Auszeichnungen einbrachte. In der Folge verfasste er mehrere Bücher, in denen er das kulturelle Umfeld um Fußball beschrieb.

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