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Silvia Neid: "Ich wünsche mir eine neue Dynamik"

Silvia Neid: "Ich wünsche mir eine neue Dynamik"

Silvia Neid ist die prägende Figur des deutschen Frauenfußballs. Als Spielerin, Assistentin und Bundestrainerin war sie an allen Erfolgen des Nationalteams beteiligt.


Im Interview mit dem SID spricht die 56-Jährige über ihre Rolle als Pionierin, blickt aber auch kritisch auf den Status quo.

Silvia Neid, am Samstag vor 50 Jahren hob der DFB sein Frauenfußball-Verbot auf. Was kommt Ihnen bei diesem Jubiläum zuerst in den Sinn?

Dass es eine große Entwicklung gab. Wir haben Meilensteine durchlebt, wie 1982 das erste Länderspiel oder 1989 mit der EM und dem ersten Titel, der unser Durchbruch war. Viele Pionierinnen haben den Frauenfußball vorangebracht. Es ist nur schade, dass wir das wegen Corona nicht richtig feiern können. Aber das holen wir hoffentlich nach.

Was ist aus der eigenen Pionierzeit haften geblieben?

Ich habe nie gespürt, dass der Fußball etwas Verbotenes ist. Ich bin mit meinem Bruder immer auf den Bolzplatz gegangen und hatte nie das Gefühl, dass ich dort nicht erwünscht bin. Meine Eltern haben mir den Fußball nie verboten. Ich hatte das Glück, dass in der Nähe eine Frauenmannschaft war. Weil es kein Mädchenteam gab, habe ich als Elfjährige mit 30-Jährigen gespielt. Aber natürlich habe ich dann auch miterlebt, dass der Frauenfußball anfangs nicht so positiv gesehen wurde.

Wie haben Sie das wahrgenommen?

Die Männer kamen meist in die Stadien und wollten einen Trikottausch sehen. Die Fußballerinnen mussten sich viele blöde Sprüche anhören. Aber das hat sich ja mit den Erfolgen der Nationalmannschaft gelegt.

Was waren Ihre persönlichen Meilensteine?

Ein großer Schritt war, dass ich mit 19 Jahren ausgezogen und nach Bergisch Gladbach gegangen bin. Das war völlig untypisch für die damalige Zeit. Alle wollten bei der SSG spielen, da war Anne Trabant-Haarbach wirklich ein Aushängeschild als Trainerin. Dann kam mein Wechsel zum TSV Siegen, da hatte ich mehr Zeit fürs Training. Das hat meiner Entwicklung sehr gut getan.

Dann rief eines Tages Berti Vogts an ...

Ja, er fragte, ob ich mir eine Zukunft als Trainerin beim DFB vorstellen könnte. Dann ging ein ganz anderes Leben los. Da habe ich gelernt, Menschen zu führen. Und dann ließ Theo Zwanziger nicht locker, damit ich Cheftrainerin werde. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Denn die Zeit als Bundestrainerin war anstrengend, aber wunderschön. Zum Abschluss 2016 mit meiner Mannschaft im Maracana Olympiagold zu gewinnen, war noch ein echtes Highlight. Und heute habe ich immer noch mit Fußball zu tun, und es macht immer noch Spaß.

Kommen im Alltag noch Erinnerungen an bestimmte Momente hoch?

Ständig! Es ist zum Beispiel immer schön, wenn ich meine ehemaligen Spielerinnen sehe, oder andere Trainerinnen. Da wird viel erzählt. Oder kürzlich war ich bei meinen Eltern, da haben wir Fotos angesehen von 1989, als wir mit dem TSV Siegen zum Berliner Olympiastadion fuhren, da waren die Eltern dann alle mit uns in einem Bus zusammengepfercht. Es war witzig, das zu sehen. Die Veränderung zur heutigen Zeit ist natürlich großartig.

Und wenn man Sie als Gesicht des deutschen Frauenfußballs bezeichnet, was löst das aus?

Es hat mir schon gefallen, dass ich mich seit 2016 ein wenig zurückziehen konnte. Auf der anderen Seite ist es natürlich eine große Ehre. Schon als Spielführerin der Nationalmannschaft wurde ich oft vorgeschickt bei Medienterminen. In dieser Rolle habe ich mich mit der Zeit gut zurechtgefunden. Heute kann ich sagen: Ich war gerne das Gesicht des Frauenfußballs.

Fehlt Ihnen denn das Dasein als Trainerin?



Es fehlt mir tatsächlich gar nicht, weil ich so viel mit anderen Dingen zu tun habe. Worüber ich aber sehr gerne spreche, ist Menschenführung - diese ganzen kleinen Bausteine, die zusammenpassen müssen. Wenn das mit einem Titel belohnt wird, das ist ein mega Gefühl (lacht). Das gibt es in keinem anderen Beruf. Es ist ähnlich wie als Spielerin nach einem entscheidenden Tor. Aber abgeschlossen habe ich das Thema nicht. Ich hatte einige Angebote, aber keines war so reizvoll, dass ich es unbedingt machen wollte. Vielleicht kommt das noch, vielleicht aber auch nicht mehr.

Lassen Sie uns über den heutigen Frauenfußball sprechen. England hat in Europa die Vorreiterrolle übernommen, die Women's Super League lockt sogar US-Superstars wie Alex Morgan an. Was bedeutet das für die Frauen-Bundesliga?

Man braucht Strahlkraft wie solche Spielerinnen, damit die Leute in die Stadien kommen. Ich würde mir wünschen, dass wir durch noch mehr überzeugte Sponsoren eine neue Dynamik schaffen, ähnlich wie in England. Wir müssen schauen, dass wir weiter namhafte Spielerinnen nach Deutschland locken.

Wie gelingt das, abseits von Sponsoren?

In England gibt es eine App, mit der man sich fast alle Liga-Spiele live anschauen kann. Das ist wichtig, dass man sich sichtbar macht für die Öffentlichkeit. Es gibt beim DFB das Projekt 'Zukunft weiblich'. Viele Ideen, die wir 2020 umsetzen wollten, hat Corona verhindert, wie geplante Highlight-Spiele oder das Wochenende des Frauenfußballs. Aber grundsätzlich ist wichtig, dass wir bei den nächsten Turnieren wieder ganz vorne dabei sind. Titel sind wichtig, genau wie Gesichter. Die müssen wir transportieren.

Die verkündete gemeinsame Bewerbung um die WM 2027 mit den Niederlanden und Belgien mit Ihnen als Gesicht der Kampagne kann dafür nur nützlich sein?

Ich finde das toll. Jetzt hoffen wir natürlich, dass wir das Turnier bekommen, denn das würde dem Frauenfußball hier auch wieder gut tun. Auch bei der Heim-WM 2011 gab es, obwohl wir im Viertelfinale ausgeschieden sind, eine Nachhaltigkeit.

Welche Erfahrungswerte von 2011 sollte man für so ein Heimturnier bedenken?

Man muss die Spielerinnen darauf vorbereiten, was da passiert. Wir wurden ja alle etwas überrollt und wusste nicht, was auf uns zukommt. Es wird ja wieder ein Hype entstehen.

Zunächst steht die EM 2022 an. Wie optimistisch sind Sie mit Blick auf die deutsche Titelchance?

Ich bin sehr zuversichtlich. Martina Voss-Tecklenburg ist in ihrer Rolle als Bundestrainerin angekommen, wir haben seit 2019 eine super Entwicklung genommen. Wenn man die jungen Spielerinnen sieht - da beneiden uns die anderen Nationen. Von der Qualität her könnten wir es schaffen, den Titel zu gewinnen.




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