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Sebastian Vettel: "Die Formel 1 darf nicht zu weit gehen"

Sebastian Vettel: "Die Formel 1 darf nicht zu weit gehen"

Sebastian Vettels Zukunft steht in den Sternen, aber als wir mit dem Ferrari-Piloten vor rund einem Jahr sprachen, klang über seine Zukunft ganz entspannt. Er machte sich vielmehr Gedanken um die Zukunft der Formel 1.


Herr Vettel, welches war für Sie die schönste und beste Zeit ihrer Geschichte in der Formel 1? 

Wenn man rein vom Fahren der Autos ausgeht, dann wahrscheinlich heute, weil die Autos so schnell sind wie nie zuvor – zusammen mit den Autos von vor etwa 15 Jahren, was daran liegt, dass die damals fast 200 Kilo leichter waren. Und das ist eine ganze Menge. Aber insgesamt gesehen wäre meine Epoche wohl der Beginn der 90er Jahre.

Warum?

Da ging es damit los, dass die Autos richtig viel Abtrieb hatten. Es gab schon Telemetrie, aber das war noch ein relativ unerforschtes Gebiet ohne die Werkzeuge und Möglichkeiten, die Fahrer ganz genau miteinander zu vergleichen. Heute ist jeder Fahrer sehr transparent: Wenn mein Teamkollege Charles Leclerc etwas ganz besonders gut hinbekommt, sehe ich das sofort in den Daten. Wenn ich etwas besonders gut mache, zum Beispiel weil ich schon zehnmal auf einer Strecke war, sieht er es sofort und kann es nach ein oder zwei Sessions kopieren. Deshalb ist es sehr schwierig, als Fahrer überhaupt noch einen Unterschied zu machen. Damals war alles noch ursprünglich genug, so dass man sich selbst einen Vorteil herausarbeiten konnte und diesen auch erst mal behielt, aber auch schon ausgereift genug, um einen guten Speed und viel Abtrieb zu haben, was einem ein tolles Gefühl im Auto gibt.


Gibt es da irgendeinen Weg zurück?

Nein, es ist klar, dass man nicht in der Zeit zurückgehen kann. Man kann bekanntes Wissen nicht wieder unbekannt machen.

Gefallen Ihnen die ganz alten Zeiten, die 50er, als die Autos komplett offen waren und es kaum Sicherheitsvorkehrungen gab?

Diese Epoche ist mir vielleicht ein bisschen zu sehr „Pionierzeit“. Aber ich würde gern mal ein Auto aus jeder dieser Epochen fahren. Bis jetzt ist das älteste, das ich je gefahren bin, der Ferrari von Gerhard Berger aus dem Jahr 1988.

Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft der Formel 1?

Ja, das tue ich tatsächlich. Ich glaube, viele der Werte, für die die Formel 1 einmal stand, zählen heute höchstens noch teilweise. Der pure Rennsport, das echte Racing zum Beispiel, auf dem für mich doch der Fokus liegen sollte. Ich verstehe natürlich, dass die Formel 1 heute mehr Show und Business als Sport ist, und dass man das wahrscheinlich auch über viele andere Sportarten sagen kann, etwa über den Fußball. Aber vielleicht dringt das in anderen Sportarten nicht ganz so sehr zu den einzelnen Sportlern selbst durch wie hier.

Das Interview erschien in Ausgabe #33: Hier nachbestellen

Hat sich das speziell in der letzten Zeit unter der Führung von Liberty Media verändert?

Nein, das fing schon früher an, das ist ja eine allgemeine Entwicklung. Auch durch die Digitalisierung sind überall neue Bedingungen entstanden, die auch die Formel 1 verändert haben. Ich möchte jetzt nicht zu philosophisch und zu pessimistisch werden – aber wir müssen hier einen Kompromiss finden. Die Formel 1 als Vorreiter moderner Technologie hat sicher einerseits ihre Berechtigung, aber sie darf halt bei dem heute möglichen technischen Fortschritt auch nicht zu weit gehen. Wenn die Formel 1 heute das Top-Level der möglichen Technologie darstellen würde, dann hätten wir, krass gesagt, keine Fahrer mehr im Auto. Und das ist es ja sicher nicht, was die Fans wollen. Grundsätzlich müssen wir uns entscheiden, was wir wollen. In der heutigen Welt müssen wir sicher auch Show sein, um Aufmerksamkeit zu finden. Okay, dann lasst uns Regeln und Wege finden, um mehr Show zu kreieren, aber möglichst ohne dass dadurch alles nur immer teurer wird.

Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann vorzeitig aufzuhören, weil ihnen die Richtung, in die sich die Formel 1 entwickelt, überhaupt nicht mehr gefällt?

Ich weiß nicht, ob man das so einfach im Voraus beantworten kann. Mein Vertrag läuft bis Ende 2020. Was dann passiert, wie dann die Regeln im Detail aussehen werden, wie sich aber auch insgesamt alles entwickelt, das weiß man ja noch nicht wirklich.

Was würde Sie denn am meisten stören?

Wenn ich darüber spreche, warum die 90er für mich so faszinierend sind, dann auch deshalb, weil damals alles offener und lockerer war, es wurde nicht so viel Wirbel um jede Kleinigkeit gemacht. Es gibt da einen schönen Vergleich zwischen old school und new school: New school bedeutet, dass man sehr wenig macht und sehr viel Aufmerksamkeit bekommt. Old school heißt: Man tut sehr viel, bekommt aber relativ wenig Aufmerksamkeit. Und da liegt meiner Meinung nach sehr viel Wahrheit drin.  Das ist aber ein allgemeiner Trend, das betrifft nicht nur die Formel 1. Aber wenn sich das überall, wo man in der Öffentlichkeit steht, immer weiter steigern würde, könnte das ein Grund sein auszusteigen, sich zurückzuziehen.

Sportlich ist es so, dass nur die Ersten so richtig wahrgenommen wird.

Ja. Nehmen wir einen 100-Meter-Lauf. Da läuft der Erste in 9,85 Sekunden ins Ziel, was eine tolle Zeit ist, der Zweite mit 9,87, was ja auch noch stark ist und der Dritte mit 9,91 – immer noch sehr gut. Aber um den Dritten kümmert sich schon keiner mehr, der Zweite gilt bereits als Verlierer – und nur der Erste sahnt alles ab. „The winner takes it all“. Und die Formel 1 ist in dieser Beziehung eben ganz extrem. 

Wie reagieren Sie eigentlich auf Kritik?

Ich verfolge das kaum, deshalb kann ich sagen, dass es mich nicht besonders berührt. Zeitweise habe ich ein bisschen mehr gelesen, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mir das nicht hilft. Es macht mich nicht schneller oder besser, es erweitert meinen Horizont nicht. Da lese ich lieber was anderes. Was immer ich noch beweisen muss, muss ich nur mir selbst beweisen. Nicht irgendwelchen anderen Leuten, vor allem nicht denen, die ich überhaupt nicht kenne. Wenn ich jetzt einen jungen Teamkollegen wie Charles Leclerc habe, dann möchte ich mir selbst beweisen, dass ich ihn schlagen kann und schneller bin. 

Wäre ein WM-Titel, bei dem Sie nicht nur Hamilton im Mercedes, sondern auch ein Supertalent wie Leclerc im gleichen Auto geschlagen hätten, noch mehr wert?

Wenn man Weltmeister werden will, muss man alle schlagen. Man bekommt einen Titel nie geschenkt. Ein einzelnes Rennen vielleicht schon mal, wenn man ein bisschen Glück hat. 2018 in Australien habe ich gewonnen, obwohl ich eigentlich hätte nur Dritter werden sollen. Andererseits habe ich auch schon Rennen an andere verschenkt, weil ich einen Fehler gemacht habe oder es ein technisches Problem gab. Bei WM-Titeln gibt es so etwas nicht. Aber ich fahre nicht gegen einzelne andere Piloten, gegen Lewis oder gegen Charles. Ich fahre in erster Linie einmal für mich selbst. Es gab und gibt Tage, da habe ich wirklich alles versucht und auch richtig gemacht – und bin trotzdem von ihnen geschlagen worden. Das gefällt mir natürlich nicht.

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Ein Beispiel?

Ich erinnere mich an den Nürburgring 2009, an die entscheidende Kurve, als wäre es gestern gewesen. Da wollte ich unbedingt gewinnen und wir hatten auch das Auto dazu. Aber Mark Webber hat mich fair und ehrlich geschlagen, er war das ganze Wochenende über einfach besser. Und obwohl ich es gehasst habe, weil es mein Heimrennen war. Nach dem Rennen bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: „Well done, du hast es verdient. Das war dein Wochenende, du hast es dominiert.“ Umgekehrt schätze ich es auch sehr, diese Form von Respekt von einem Kollegen zu bekommen. Es wird immer Tage geben, an denen Charles schneller ist, an denen Lewis schneller ist, auch wenn ich in Bestform bin. Ich mag es nicht und ich hoffe, dass diese Tage nicht allzu häufig sind, aber es gibt sie, und ich habe dann auch nicht sofort eine Antwort darauf, woran es lag. Dann muss ich ehrlich zu mir selbst sein und mir sagen, dass die anderen schließlich auch keine Idioten sind und auch Auto fahren können. An dem Tag eben besser. Das bedeutet aber nicht, dass sie am nächsten Tag auch besser sind. 

Steht die Formel 1 mit den vielen guten jungen Fahrern vor einem Generationswechsel? Fühlt man sich da schon fast alt? 

Nein, ich fühle mich noch nicht alt. (lacht) Ich weiß gar nicht, wie es ist, sich alt zu fühlen. Ich glaube, „alt“ ist etwas, das man entweder in seinem Körper oder im Kopf spürt. Mein Körper fühlt sich nach den vielen Jahren, die ich jetzt schon Rennsport betreibe, ab und zu schon ein bisschen anders an als ganz früher, aber im Kopf spüre ich überhaupt keine Veränderung. 

Glauben Sie, dass Sie ihre Karriere bei Ferrari beenden werden? Geben Sie sich noch ein paar Jahre in der Formel 1?

Ich weiß, dass ich nicht mehr so viele Jahre in der Formel 1 bleiben werde, wie ich schon dabei war. Aber konkrete Zahlen habe ich nicht. Sicher, heutzutage gelte ich schon als alt. Vor 15 Jahren hätte ich mit meinem jetzigen Alter durchaus noch als jung gegolten. Michael Schumacher war so alt wie ich, als er den ersten seiner fünf Titel für Ferrari gewonnen hat. Wenn ich jetzt fünf hintereinander gewinnen würde, wäre ich 36, 37? Also so alt wie er damals.

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