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Schalke 04: Mit GE-Kennzeichen nach Kerkrade

Schalke 04: Mit GE-Kennzeichen nach Kerkrade


Schalke 04 war pleite und hatte keine Hoffnung mehr. Doch dann kam Rudi Assauer und machte aus einem „Scheiß-Chaotenklub“ einen Vorzeigeklub. Aber: S04 wurde rückfällig.

Man würde Louis van Gaal wahrscheinlich Unrecht tun, wenn man behauptete, der Mann habe noch nie jemanden gelobt – außer freilich sich selbst. Aber selbst der Zweifel sagt ja schon viel darüber aus, mit welchem Kaliber Typ man es hier zu tun hat. „Don Louis“, der Mann, den seine beiden Töchter siezen, kam mit einer großen Portion Selbstbewusstsein auf die Welt.

Im Guardian erzählte van Gaal neulich, dass er – vor seiner Anstellung bei Manchester United – ein Angebot von Tottenham Hotspur hatte. „Herr Daniel Levy saß in meinem Wohnzimmer. Ich hätte unterschreiben können, aber dann sagte ich zu meiner Frau: ‚Die Spurs haben den besseren Kader, aber ich nehme die Herausforderung United an, weil ich immer die Nummer eins eines jeden Landes trainiert habe.‘“

Nur wurde Manchester United unter seiner Ägide zwischen 2014 und 2016 nie die Nummer eins – und van Gaal musste irgendwann gehen. Das war bei Ajax Amsterdam Mitte der Neunziger Jahre noch anders. Ajax war nicht nur das beste Team des Landes, es war sogar das beste Team in Europa. Die Champions League gewannen die Amsterdamer in der Saison 1994/95 dank eines 1:0 im Finale gegen den AC Mailand.

Das leichte Los

Kluivert, Litmanen, Seedorf, Rijkaard, die Zwillinge De Boer, Davids, und viele mehr. Ajax zermürbte seine Gegner mit schnellem Angriffsspiel – dank der überragenden Spieler – und natürlich dank des Trainers. Aber in jener Zeit gab es eine Mannschaft, die Ajax nicht besiegen konnte. Und da wären wir beim selten lobenden Louis van Gaal. „Fantastisch, was diese Mannschaft gespielt hat. Sowas habe ich selbst in Europa kaum gesehen, geschweige denn in der niederländischen Liga.“

Er sprach von Roda JC Kerkrade. Nur fünfmal konnte Ajax in jener Saison nicht gewinnen, zweimal gegen Roda. Zweimal gegen Huub Stevens. Eine Saison später spielten Stevens’ Jungs im UEFA-Cup, in der ersten Runde kam Schalke 04. Olaf Thon, Kopf der Schalker Mannschaft, gab später zu, dass man Roda als „leichtes Los“ empfand, aber Trainer Jörg Berger und sein Assistent Hubert Neu, der alle Gegner beobachtete, wussten, wie schwer das Los war.

Ihnen war sogar so unwohl, dass Berger den verletzten Thon drängte, im Rückspiel auf die Zähne zu beißen. Schalke kam weiter, aber der Eindruck der starken Niederländer, die nach 2:2 und 0:3 ausschieden, blieb.

Rudi Assauer: Stevens statt Gerland

Zwei Wochen später bekam Stevens einen Anruf. Am Telefon war ein gewisser Rudi Assauer, der nach Querelen bei seinem Klub einen neuen Trainer suchte. Berger, der Schalke erst vor dem Abstieg rettete, dann Schalke in den Europapokal führte, war bei den Spielern in Ungnade gefallen. „Wir trainieren zu wenig“, sagte Torhüter Jens Lehmann öffentlich. Der Vorwurf von zu häufigen Saunabesuchen des Trainers machte die Runde.

„19 von 23 Spielen haben sich gegen Berger ausgesprochen“, sagte Assauer und warf Berger raus. Sehr zum Missfallen der Fans, die kein Verständnis dafür aufbringen konnten, den beliebten Berger zu entlassen. Als im ersten Spiel nach der Entlassung die Aufstellung im Stadion vorgelesen wurde, riefen die rund 25.000 Fans im Parkstadion nicht den Namen der Spieler, sondern elf Mal „Bergeeer“. Das 0:1 gegen den Karlsruher SC machte die Stimmung nicht besser.

Assauer stand unter Druck, auch weil er die Strömung gegen Berger offenbar zu spät erkannt hatte. Die Spieler wollten mehr arbeiten, wurden aber nicht geführt. Ein harter Hund musste also her. Es machte schnell die Runde, dass Hermann Gerland bei den Knappen übernehmen sollte, aber „Adlerauge“ Assauer hatte es auf Stevens abgesehen.

Die Fahrt

Der Niederländer, der einst in Köln seinen Trainerschein machte und bei seinem Vorgänger Berger hospitierte, konnte dem Lockruf der Bundesliga nicht widerstehen. Aber er hatte eine Bitte an Assauer. Die Verhandlungen, die ja auch hätten scheitern können, sollten doch bitte geheim gehalten werden. „Dann fuhr Rudi mit einem Auto mit Gelsenkirchener Kennzeichen und Schalke-Aufkleber vor“, erinnert sich Stevens.

So war Assauer eben. Geradeaus, ohne Umschweife, aber er war auch ein Fachmann. Zwar wurde Schalke in der Liga nur Zwölfter, aber Stevens führte Schalke 04 in seiner Debütsaison zum sensationellen UEFA-Cup-Sieg. Der Mann, der in Kerkrade noch ansehnlichen Offensivfußball spielen ließ, zeigte sich in Gelsenkirchen pragmatisch. Schalke wurde vom Verletzungspech verfolgt, gerade die Offensivspieler fielen reihenweise aus.

„So entstand der legendäre Spruch: ‚Die Null muss stehen‘“, erinnert sich Schalkes damaliger Superstar Olaf Thon. „Stevens ließ Standardsituationen üben, damit vorne die Tore doch irgendwie fallen, aber studierte vor allem, wie man am besten verteidigt.“

Keine One-Man-Show von Assauer

Jiří Němec, damals Chef-Zweikämpfer bei den Knappen, erinnert sich Jahre später in einem seiner seltenen Interviews: „Ich hatte eigentlich schon vergessen, wie wir damals gespielt haben. Ich habe mir aber dann wieder mal die Aufstellung des Endspiels angesehen. Wir waren so extrem defensiv aufgestellt.“

Der Erfolg gegen Inter Mailand war der Startschuss für ein neues Schalke. Der Klub, der vier Jahre zuvor noch in Schulden erstickte und eigentlich keine Lizenz mehr bekommen sollte, wurde vom Triumph getragen. Längst waren die Pläne geschmiedet, ein neues Stadion zu bauen. Auch für Spieler war Schalke jetzt viel interessanter.

Mit seinem Amtskollegen Uli Hoeneß, der beim FC Bayern die Geschicke leitete, führte Assauer einen verbalen und sportlichen Konkurrenzkampf auf Augenhöhe. Und doch war es keine One-Man-Show, die Schalkes Polarstern abzog. Vor allem die Verpflichtung von Peter Peters als Finanzexperte erwies sich als zukunftsweisend. Assauer setzte sein sportliches Know-how ein, Peters sein finanzielles. Banken und Sponsoren fanden allmählich wieder Vertrauen.

Die Sache mit dem Scheiß-Chaotenklub

Selbst der UEFA-Cup-Sieg vernebelte nicht die Blicke auf Schalke. „Wir werden seriös und solide durchs Leben marschieren. Die Leute sind den Scheiß-Chaotenklub satt“, sagte Assauer 1997 dem Spiegel. Auch Trainer Stevens ging mit: „Wir müssen immer daran denken, dass der Verein auch in der Zukunft gesund ist.“

Bei all der Nostalgie kann es für manche Schalker bedrückend gewesen sein, dass der Klub 22 Jahre später von jenem Stevens, der eigentlich schon längst aufgehört hatte, trainiert werden musste, um nicht abzusteigen. Mit Ach und Krach verhinderte man die Relegation in der vergangenen Saison. „Wir wären wahrscheinlich abgestiegen“, mutmaßt Olaf Thon über eine mögliche Teilnahme an der Relegation gegen Union Berlin. Fast noch bedrückender ist die Tatsache, dass Schalke wieder einen hohen Schuldenberg anhäufte.

Der Artikel erschien zuerst in Ausgabe #34: Hier klicken und nachbestellen

Zwar bangt man nicht um die Lizenz wie 1993, als Assauer zur Rettung kam, aber den finanziellen Spielraum, den man sich über Jahre aufgebaut hatte, hat der Klub aus der Hand gegeben.

Thon, der dem Klub auch nach seinem Karriereende 2002 die Treue gehalten hat, vermisst Kontinuität. Schalke hatte viele Ideen, den Erfolg herzustellen. Aber meistens wurden sie viel zu schnell wieder aufgegeben und waren dazu sehr teuer, wie man den Bilanzen heute ablesen kann. „Könichsblau is cool“, stand auf Fanshirts in den 90er Jahren. Für knapp 20 Mark gingen sie über die Theke und waren ein Verkaufsschlager. Schalke ist heute noch cool, das ist die eine Hoffnung auf bessere Zeiten.

Mit David Wagner ist ein UEFA-Cup-Sieger von 1997 Trainer. Das ist die andere Hoffnung. Wenn’s klappt, gibt’s ja dann vielleicht auch etwas Lob von Don Louis.

Fatih Demireli

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