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Raí: Im Schatten des Idols

Raí: Im Schatten des Idols

Stellen Sie sich vor, Sie werden Weltmeister und dennoch spricht Sie jeder auf Ihren älteren Bruder an. Für Raí war das nie ein Problem. Weil der Bruder von Sócrates seinen eigenen Weg fand.


Raí, wie kompliziert war es, der Bruder von Sócrates zu sein?

Ich erinnere mich, als ich noch sehr jung war, wollten die Menschen von mir wissen, was ich von diesem und jenem halte. Welches meine politische Partei war, wen ich wählen würde. Und sie fragten mich das, weil ich der Bruder von Sócrates war. Das hat den Prozess meiner Politisierung beschleunigt. Ich war quasi dazu verpflichtet, das Geschehen zu verfolgen, zu lesen und zu verstehen, weil der Bruder von Sócrates kein Recht hatte, sich nicht für diese Angelegenheiten zu interessieren. 

Sie engagieren sich längst selbst sozial, gründeten die Stiftung Gol de Letra, die von der UNESCO als Musterorganisation eingestuft wird. Hinzu unterstützen Sie aktiv die Initiative Atletas pelo Brasil. Das klingt sehr nach Ihrem Bruder. Woher kommt der Eifer, über den Tellerrand hinaus zu blicken?

Unser Vater hatte einen großen Einfluss auf uns. Er ist von armer Herkunft, aus dem Nordosten Brasiliens. Er hat die Schule mit dreizehn Jahren verlassen, er war ein Autodidakt und hatte wenige Möglichkeiten, aber er wusste sie zu nutzen und hat uns beigebracht, diese Möglichkeiten wertzuschätzen und beispielsweise für ein gerechteres Land zu kämpfen. Das war sehr präsent in unseren Gesprächen und Diskussionen. Und es hat dazu geführt, dass ich immer versuche, das umzusetzen, was ich mir vorgenommen habe. Mein Vater war eine große Persönlichkeit in der Familie.

Ihr Bruder hat die Tradition fortgesetzt. Welche Erinnerungen haben Sie an Sócrates?

Er war ein genialer Athlet, der seinen Höhepunkt bei der Weltmeisterschaft 1982 hatte, mit einer der besten Nationalmannschaften, die Brasilien je hatte. Aber vielmehr war er ein Anführer und als politischer Aktivist, einer der Verantwortlichen für die Demokratisierung des Landes. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr nehmen die Leute seine Bedeutung wahr. Er hat sich mit seinen Ideen und Positionen in einen Mythos verwandelt, der Land und Leute inspiriert, die ein gerechteres und freieres Brasilien wollen. 

Gibt es etwas, das Sie von ihm gelernt oder mitgenommen haben?

Ich bin ruhiger, weniger explosiv, als er es war. Aber seine Motivation, für etwas zu kämpfen, inspirierte mich, wenn ich etwas verändern will.

Wie meinen Sie das? 

Es gibt Situationen im Leben, in denen man impulsiver sein muss. Dann lege ich mir einen schärferen Stil zu und nehme eine stärkere Position ein. Ich habe das mit der Zeit gelernt und angewendet. Das entspricht in dem Moment nicht meinem Naturell und in der Theorie bin das nicht ich, aber diese Vorgehensweise macht mich effizienter und besser.

Aber das Dasein als der Bruder eines Mythos hat auch seine Schattenseiten. Gerade als Fußballer.

Klar, die erste Herausforderung, die ich zu überwinden hatte, war es, der Bruder des Fußballers Sócrates zu sein. Das war damals, als würde heute der Bruder von Neymar anfangen, bei Flamengo zu spielen. Dem Sohn von Bebeto geht es schon so. Mir ist das passiert, und ich wusste, dass es nicht einfach werden würde. Nicht besser als mein Bruder zu sein, sondern zu erreichen, dass die Personen mich als denjenigen wahrnehmen und wertschätzen, der ich bin.

Wann haben Sie festgestellt, dass Sie als Raí und nicht nur als der Bruder von jemand anderem wahrgenommen wurden?

Bei Botafogo de Ribeirão Preto und auch anfangs in São Paulo war das zunächst eine Herausforderung. Aber danach war ich schon Kapitän des FC São Paulo, wir sind brasilianischer Meister geworden, da hatte ich schon eine eigene Identität. Als ich in Europa angekommen bin, war ich schon ein anderer. Da ging es nicht mehr darum, die Tatsache zu überwinden, dass ich der Bruder von Sócrates war. Das war etwas Eigenes, was ich geschaffen habe.

Wie haben Sie das geschafft?

Es war ja alleine schon ein ehrgeiziges Ziel, wenigstens nah an das Niveau meines Bruders heranzukommen. Die große Frage war dann: Wie kann man eine Schwierigkeit in eine Motivation verwandeln? Man hat zwei Möglichkeiten, nicht wahr? Entweder man gibt auf, oder man geht die Sache an.

Sie haben nicht aufgegeben.

Da habe ich auch meine Seite als Kämpfer entdeckt. Und so bin ich Schritt für Schritt meinen eigenen Weg gegangen. Ja, ich hatte ähnliche Interessen und Ideale, aber einen anderen Stil. Sagen wir es so: Mein Stil ist etwas diskreter als der von Sócrates, wenn ich die gleichen Dinge tue.

Waren Sie Konkurrenten oder haben Sie seine Hilfe in Anspruch genommen?

Wir sind sechs Geschwister. Er ist der Älteste, ich bin der Jüngste. Es sind elf Jahre Unterschied. In der Anfangszeit meiner Karriere hatten wir wenig Kontakt. Er hat da auch schon in São Paulo gewohnt und ist dann nach Italien gegangen. Aber wenn wir Kontakt hatten, hat er versucht, mir seine Meinungen darzulegen, einige Tipps zu geben. Danach hatten wir mehr Kontakt. Ich war auch schon erwachsen und das waren Gespräche über andere Themen.

Man hört eine gewisse Distanz heraus. Lag es an der räumlichen Entfernung oder daran, dass Sie unterschiedliche Lebensstile hatten?

Nein, das lag nicht am Stil. Tatsächlich wegen der Entfernung und wegen des Altersunterschieds. Und bei sechs Geschwistern gab es welche, die ihm und welche, die mir näher waren. Wir kamen uns näher, als er aufgehört hat, Fußball zu spielen.

Sie haben gesagt, Sie wollten nicht besser als Ihr Bruder sein, sondern als eigene Person wahrgenommen werden. Waren Sie letztlich nicht sogar erfolgreicher? Sie haben sich in Europa durchgesetzt, die Weltmeisterschaft 1994 gewonnen.

Er hat zwei Weltmeisterschaften gespielt, er hat beide gut gespielt, er hatte sehr viel Erfolg in der Nationalmannschaft, auch wenn er nie die WM gewonnen hat. Ich war drei Jahre lang Kapitän Brasiliens, aber ich war nicht immer auf meinem besten Niveau, sondern hatte eine Gruppe, die entschlossen war, einen erfolgreichen Weg zu gehen und die schließlich Weltmeister geworden ist.

Was hatten Sie ihm fußballerisch voraus?

Ich habe mich mehr dem Training gewidmet, ich habe mich viel mehr vorbereitet. Er hat das mit seinem Talent teilweise auch nicht so gebraucht und die Dinge auf andere Art und Weise erreicht. Eine Karriere, die auf der ganzen Welt respektiert wurde.

Sie waren im Gegensatz zu ihm sehr erfolgreich in Europa. Lag das auch am Tatendrang?

Ich war mehr darauf eingestellt, länger zu bleiben. Mir hat die Zeit in Europa sehr gut gefallen und ich kehre immer wieder gerne zurück. Ich glaube, dass macht auch einen Unterschied, ob man den Wunsch hat, zu bleiben, andere Erfahrungen zu machen. Sie kennen das, oder nicht?

Natürlich. Und durch Ihren Antrieb sind Sie das erste brasilianische Idol bei Paris Saint-Germain vor Neymar geworden.

Das waren fünf Jahre, eine Phase, die eine Epoche geprägt hat. Ich habe mir meinen Platz erkämpft. Es kam nach mir als Brasilianer Ronaldinho, aber er ist nur kurze Zeit geblieben. Und jetzt ist Neymar da und er ist erfolgreich. Alle Brasilianer, die es schaffen, bei PSG Erfolg zu haben oder mit großen Erwartungen ankommen, haben eine Erinnerung an meinen Namen. Jeder hat seine eigene Geschichte, aber wegen der Arbeit, die ich dort geleistet habe, bin und bleibe ich eine Referenz der neunziger Jahre.

Warum hat es Sócrates in Europa nicht geschafft, Fuß zu fassen?

Mit seinem Talent hätte er überall auf der Welt Erfolg haben können und deswegen ist er damals auch nach Italien gegangen. Aber er hat schnell gemerkt, dass er sich nicht anpassen kann. Ich glaube auch, dass ihm das Leben in Brasilien mehr gefehlt hat, als er gedacht hatte. Er hat damals gesagt, dass es für ihn unmöglich ist, längere Zeit außerhalb von Brasilien zu leben. So mangelt es auch an der Anstrengung, sich durchzusetzen. Und es war die Zeit der Demokratisierung des Landes.

Eine Zeit, in der er sehr aktiv war. 

Richtig. Da wollte er näher dran sein. Er hat neben der Democracia Corinthiana an den comícios (Wahlkämpfen, Anm. d. Red.) und an Versammlungen teilgenommen, hat sich mit Politikern getroffen, hat viel Zeit mit Lula und Fernando Henrique verbracht, Personen der Linken, die gegen die Diktatur gekämpft haben.

The Greatest

The Greatest

Er war nicht nur Boxer und Sportler. Er war eine Lichtgestalt, die Einfluss auf nachfolgende Generationen hatte. Muhammad Ali. Drei Experten schreiben bei SOCRATES, welchen Einfluss Ali auf den Sport und auf die Gesellschaft hatte.

Wie hatten Sie all das begleitet, was dort in den achtziger Jahren mit Sócrates und der Democracia Corinthiana geschehen war? 

Ich war sehr stolz auf ihn. Ich habe ihn sehr bewundert. Das war eine Bewunderung, die über die Bewunderung als Bruder hinausging. Für seinen Mut, seine Haltung, seine Intelligenz. Mehr noch als ihn zu bewundern, war ich sein Fan.

Haben Sie es geschafft, das bis zu seinen nicht so glorreichen Zeiten aufrechtzuerhalten?

Sie spielen auf seine Alkoholprobleme an.

Ja. 

Es war nicht einfach für die Familie, damit umzugehen. Wir haben uns Sorgen gemacht, versucht, mit ihm zu sprechen. Er hat nie Whisky, Cachaça und anderen, harten Alkohol getrunken, nur Bier. Wir haben nicht erwartet, dass das so großen Schaden anrichten würde. Mit diesem Problem hat er mehr sich als anderen Leute geschadet. Das war ein Lebensstil, bei dem er in einem Moment die Kontrolle verloren hat. Sehr traurig. Auch weil er sehr jung war. Das war sehr schlecht für seine Gesundheit, aber er ist dennoch weiter sehr aktiv gewesen. Er vertrat seine Meinung, er war auch dann eine bewundernswerte Person.

Raí, wie halten Sie Sócrates in Erinnerung? 

Als Idol. Er besaß eine hohe Intelligenz, die über dem Durchschnitt lag. Dass er Arzt und Athlet war, sagt eigentlich alles. Es wird immer ein Privileg bleiben, Bruder einer solch besonderen Persönlichkeit gewesen zu sein.

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