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Diegos Erbe

Diegos Erbe

Paolo Sorrentino wollte ein Leben lang ins Stadion, um Diego Maradona zu sehen. Am Tag, als er durfte, starben seine Eltern. Dann drehte er einen Film – mit Maradona.


„Vielen Dank an meine Inspiration, Federico Fellini ... Martin Scorsese, Diego Armando Maradona ... und vielen Dank an Rom, Neapel ... und das ist für meine Eltern.“

Diese Worte kamen dem Regisseur Paolo Sorrentino über die Lippen, unmittelbar nachdem der Film La grande bellezza bei der 86. Oscarverleihung mit dem Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ ausgezeichnet wurde. Nichts könnte natürlicher sein, als dass jemand mit der Oscar-Trophäe in der Hand, Fellini und Scorsese ganz oben auf seiner Dankesliste erwähnt. Aber seien wir ehrlich, es war nicht wirklich vorauszusehen, dass jemand, der in der Welt des Kinos den wichtigsten Preis gewonnen hat, über Diego Maradona spricht, noch dazu in einem Land, wo Maradonas Bekanntheitsgrad vielleicht am kleinsten ist.

Sorrentinos treue Fans dachten anfangs, dass die Hinweise hierzu überall verstreut sind und dass einige Grundinformationen ausreichen würden, um diese Verbindung zu lösen. Schließlich erlebte Sorrentino, geboren und aufgewachsen in Neapel, wie Maradona Neapels Fußballgeschichte in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre neu geschrieben hatte. Es war also kein Fehler, dass er diesen Mann als Helden sah … Aber um die wahren Hintergründe zu erfahren, musste er seinen nächsten Film Youth drehen. Dieser Film aus dem Jahr 2015 handelt von zwei alten Freunden, Fred Ballinger und Mick Boyle. Die zwei, sinnsuchend und auf das Leben herabschauend, verbringen gemeinsame Tage in einem hochklassigen Wellnesshotel in den Alpen. Umgeben sind sie von allerlei weiteren Hotelgästen, die Sorrentino ihnen im Laufe des Hotelaufenthalts vorbeschickt. Und einer dieser interessanten Gäste ist Diego Maradona selbst.

Die Zusammenfassung seiner Karriere

Diego, der mit einem Karl Marx Tattoo auf dem Rücken sowie einem gigantischen Bauch im Film auftritt, ist Teil dieser traurigen Reise, die der Regisseur mit Blick auf die zwei Hauptdarsteller für angemessen hält. Die letzte Szene des Argentiniers, der zwischen Vergangenheit und Zukunft steckengeblieben ist, ist wie eine Zusammenfassung seiner selbst und seiner Karriere: Eines Abends sitzt Maradona auf dem Balkon seines Hotelzimmers und blickt auf den Garten, als er plötzlich sich selbst sieht. Im Trikot mit der Rückennummer 10 schließt er sich seinem Team an und winkt vor Spielbeginn den Zuschauern auf der Tribüne zu. Sein Begleiter, der das bemerkt hatte und Diego daraufhin fragte, was er denn denke, bekam als Antwort lediglich „Das ist die Zukunft“ zu hören.

Der Grund für die Hartnäckigkeit von Sorrentino, der lange mit den amerikanischen Filmproduzenten kämpfen musste, um Maradona als Charakter in den Film einzubinden, da diese noch nie etwas von ihm gehört hatten, ist in dieser Szene verborgen. Im Gespräch mit der Zeitung Corriere della Sera fördern seine Antworten auf die Frage, wie Maradona sein Leben beeinflusst hat, die wahren Begebenheiten um die letzte Szene und seine Oscarrede zutage: 

„Maradona rettete mir das Leben. Im Alter von 16 Jahren habe ich meine Eltern verloren. Sie sind in dem Wochenendhaus, wo ich auch ständig war, aufgrund eines Gasleitungsdefekts gestorben. Zwei Jahre lang hatte ich meinen Vater angebettelt, zu einem Auswärtsspiel von Neapel mitfahren zu dürfen, anstatt das Wochenende in den Bergen zu verbringen. Aber er sagte immer, ich sei noch zu jung. Eines Tages erlaubte er es dann endlich. Ich hatte vor, zum Empoli Spiel zu gehen. Und genau an diesem Wochenende klingelte es an der Tür und ich erfuhr, dass ich meine Eltern verloren hatte.“

Nachruf: Das Leben ist ein Fußball

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Diego Armando Maradona war der spektakulärste Fußballer aller Zeiten. Und wohl auch der Beste. Der Tod kündigte sich mehrmals an, doch Diego kämpfte sich immer wieder zurück. Im Alter von 60 Jahren ist die Legende nun gestorben. Der Nachruf von Alex Raack.



Das Erbe funkelt

Maradonas Leben war voller Erfolge, von denen viele nicht einmal träumen können, und Wunder, die man nicht einfach aus dem Gedächtnis löschen kann. Und natürlich voller Konjunktive: Wäre sein Name nicht in so viele Skandale verwickelt gewesen, hätte er vielleicht länger Fußball gespielt und uns weitere unvergessliche Momente hinterlassen, die wir mit Worten nicht hätten beschreiben können. In seiner Trainerlaufbahn hätte er bessere Entscheidungen treffen und seinen Ruf als „Fußballgott“ unbeschädigt hinterlassen können.

Immer, wenn wir an Maradona denken, überwiegen solche „Hätte-Ausrufe“ und vieles mehr. Aber zwischen all dem ist noch etwas anderes, das funkelt: ein Erbe. Dieses Erbe erkennt man in der Dankesrede eines „Kindes“, dessen Leben er gerettet hat, oder auch am Trikot mit der Rückennummer 10, das sich in einem Hotelgarten auf eine neue Herausforderung vorbereitet. Ganz verabschiedet hat sich Sorrentino aber noch nicht. Er dreht gerade einen Film: über Maradona.

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