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Notiz an mich: Lebe deinen Traum

Notiz an mich: Lebe deinen Traum

Nuri Sahin träumte als Kind von Borussia Dortmund und Real Madrid - und wurde zu seinem eigenen Helden. Dabei wäre es fast alles anders gelaufen. Bei SOCRATES schreibt Sahin einen Brief an seine Kindheit und erinnert sich an seinen Werdegang.


Die Kolumne erschien in Ausgabe #2: Hier nachbestellen

Lieber Nuri, 

Du weißt, ich war vier Jahre alt, als ich mit Opa zum Sportplatz des RSV Meinerzhagen ging, um Ufuk beim Training zuzuschauen. Ich sah zu, wie die Jungs kickten und durfte ab und zu einem Ball hinterherlaufen, wenn er ins Aus gespielt wurde, um ihn dann zurückzupassen. Irgendeiner der Trainer muss genau hingesehen haben.

Sie luden mich ein, auch für den RSV zu spielen. Als ich dann noch bei der WM 1994 sah, wie Bebeto, Romario, Roger Milla, Diego Maradona und Gheorghe Hagi, der diese unglaublichen Tore schoss, groß aufspielten, wollte ich nur noch Fußballer werden.

Ob wir Talent hatten oder nicht – wir spielten mit den Jungs Fußball, weil wir unheimlich viel Spaß hatten und nicht, weil wir gleich die fette Karriere machen wollten. Und das ist doch das Wichtigste: Der Fußball muss Spaß machen. Erst dann kommt der Rest. So war es auch, als ich mit zehn, elf Jahren erstmals in die Kreisauswahl oder später in die Westfalenauswahl berufen wurde. Natürlich merkte ich, dass es dadurch etwas ernster wurde, die Menschen auf mich aufmerksam wurden und ich durch meine Leistungen auffiel.

„Wer mich jetzt will, will mich auch später“ 

Ich hätte viel früher zu Borussia Dortmund wechseln können, aber der Klub hatte zu der Zeit des ersten Angebots keinen Fahrdienst. Vater und Mutter waren berufstätig und konnten mich nicht jeden Tag rausfahren. Es gab keine Alternative, also war es auch nicht weiter schlimm. Ich war mir sicher, dass der BVB irgendwann wiederkommen würde. Ich war überzeugt von meiner Qualität. Wer mich jetzt will, will mich auch später, habe ich mir gedacht und spielte weiter.

In der U13 hatte der BVB dann einen Fahrdienst und weil er mich immer noch wollte, wurde ich jeden Tag von zu Hause abgeholt. U14, U15, U16 – ich durchlief alle Jahrgänge, es war eine wunderbare Zeit und ehe ich nach links und rechts schaute, stand ich als 16 Jahre alter Knirps vor meinem ersten Bundesliga-Spiel. 

Wer weiß, wie lange es gedauert hätte, Profi zu werden, wenn ich damals das lukrativere Angebot angenommen hätte. Das kam nämlich nicht vom BVB, sondern von Arsenal. Dortmund hätte in einer Zeit, in der man vor dem Bankrott stand, dank mir acht bis neun Millionen Euro kassiert, ich hätte – ohne ein einziges Mal Bundesliga gespielt zu haben – ein wahnsinniges Gehalt bekommen, aber ich lehnte ab.

„Nachts träumte ich vom BVB-Trikot“

Nachts, bevor ich ins Bett ging, träumte ich davon, wie ich mit Tomas Rosicky, Dede und allen anderen Fußball spiele. Im BVB-Trikot. Vor den Fans. Ich war zum einen naiv zu glauben, dass ich das könnte. Naivität ist manchmal gut, man hat’s gesehen. Aber ich war mit 16 auch schon so klar im Kopf, dass ich das ohne Einfluss von außen entscheiden konnte. 

Hätte es nicht geklappt, hätte ich mir vielleicht in den Arsch gebissen, dass ich Arsenal und die vielen anderen Klubs, die viel Geld geboten hatten, abgelehnt habe. Ich kann es heute keinem Youngster übel nehmen, wenn er sich für das Geld entscheidet. Ich kann es nachvollziehen, wenn einer aus ärmlicheren Verhältnissen kommt und die sichere Variante wählt.

Hätte damals bei den interessierten Klubs Jürgen Klopp gearbeitet, hätte ich mich wahrscheinlich sogar für einen Wechsel entschieden. Michael Zorc und „Aki“ Watzke machten ihren Job aber auch sehr gut und hielten mich beim BVB, ohne auf das viele Geld zu gucken. Und dann folgte das erste Ligaspiel, das erste Tor, das erste Länderspiel, dort gleich das erste Tor. Mir lag die Welt zu Fü.en, es lief alles perfekt. Zwei Jahre später sah die Welt aber schon etwas anders aus: Der damalige Trainer setzte einfach nicht auf junge Spieler. Entweder hätte ich meine Zeit abhocken können oder ich musste mutig sein, einen radikalen Schritt zu machen. Also ging ich zu Feyenoord, wo Bert van Marwijk trainierte. Ich wusste, was er kann. 

„Ich werde mir nie einen Vorwurf machen“

Ich wusste, dass er mich gut ausbilden kann. Es sah wie ein Rückschritt aus, nur war es keiner. Lieber Nuri, hab keine Angst davor, Entscheidungen zu treffen. Du triffst sie für dich selbst. Das ist das Wichtigste. 

Meine Rückkehr war nicht einfach, aber es hat funktioniert. Es war eine tolle Zeit, wir haben alles gewonnen, was es zu gewinnen gab und eigentlich wollte ich nie vom BVB weg. Es sei denn, Real Madrid klopft an. Ich war lange Balljunge im Stadion – ich durfte bei jedem Spiel dabei sein. Ich habe alle großen Spieler gesehen, aber als der Brasilianer Ronaldo in seinem weißen Real-Madrid-Trikot auflief, war das für mich der hellste Wahnsinn. Ich war zum einen in den BVB verschossen, aber fand auch Real traumhaft.

Den Brasilianer Ronaldo habe ich als Teamkollegen nicht mehr erlebt, den Portugiesen schon. Real holte mich und wieder war es eine mutige Entscheidung, den Traum nicht aus den Augen zu verlieren. Es war mutig, den gemütlicheren Weg, beim BVB zu bleiben, abzulehnen, um ein neues Abenteuer anzunehmen.

Vielleicht lief es nicht wie erhofft, aber ich werde mir nie den Vorwurf machen, es nicht getan zu haben. Als ich 2013 zum zweiten Mal zurückkam, fühlte ich mich nie fremd. Ich war wieder zu Hause. Wenn ich heute mit meinen Jungs vom RSV Meinerzhagen rede, sage ich ihnen, dass sie den Fußball nicht missbrauchen sollen. Sie sollen dem Fußball die Liebe schenken, die er verdient.

Es ist die Liebe zum Fußball, die aus mir Nuri Şahin, den Bundesliga-Profi, den Nationalspieler, den mehrfachen Titelgewinner gemacht hat. 

Lieber Nuri, wenn du alles so machst, wie ich es getan habe, erwartet dich ein erfülltes Leben. Verliere deinen Traum nie aus den Augen...

In Liebe...
Dein Nuri

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