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Niko Kovač: "Wieder bei null"

Niko Kovač: "Wieder bei null"


Niko Kovač schärft bei Eintracht Frankfurt den Realitätssinn. Und mahnt eine bedenkliche Entwicklung an. Ein Gespräch über Arbeit, Verstand und eine extreme Willensstärke. Herr Kovač, wie wird in Ihrer Heimat Kroatien über Sie gesprochen? Das Feedback ist natürlich auch äußerst positiv. Aber das ist ja immer so, wenn es gut läuft. Bleiben die Ergebnisse aus, geht es in die andere Richtung. In Salzburg wohnt ja meine Familie, weil meine Tochter dort die Schule besucht. Während der Saison ist das einerseits nicht immer ganz einfach, weil ich eben weit weg bin. Andererseits kann ich mich durch die Situation voll und ganz auf meinen Job in Frankfurt konzentrieren und habe von früh bis spät die Möglichkeit, mich um die Mannschaft und den Klub zu kümmern – und die nutze ich auch. [caption id="attachment_2665" align="alignleft" width="245"] Dieser Artikel erschien in Ausgabe #10[/caption] Klingt kräftezehrend. Ist es auch. Ich denke, jeder Bundesligatrainer lässt im Laufe einer anstrengenden Saison viele Kräfte. Von daher ist der Urlaub auch so wichtig, um neue Energie zu tanken. Es gibt also einen Trainer-Akku, der sich über eine Saison hinweg leert? Klar gibt es den. Für alle ist nachvollziehbar, dass ein Spieler, der vor allem die körperliche Belastung hat, nach einer Saison Urlaub braucht. Aber ein Trainer, der ja sehr viel mehr die psychische Belastung hat, benötigt den Urlaub genauso. Ich denke, jeder Mensch, der einem Beruf nachgeht, weiß, dass nach einem durchgearbeiteten Jahr irgendwann der Punkt kommt, an dem man sich ausruhen muss, um wieder voll leistungsfähig zu sein. Das ist bei uns Trainern vielleicht sogar noch einen Tick intensiver, weil wir stets in der Öffentlichkeit stehen, jede unserer Entscheidungen hinterfragt wird und wir letztendlich für viele Dinge rund um die Mannschaft verantwortlich sind. Ihr Vater Mato und Ihre Mutter Ivka wanderten 1970 aus Kroatien nach Deutschland aus und verdienten ihr Geld als Zimmermann und Putzfrau. Haben Sie von Ihren Eltern mitbekommen, was ehrliche Arbeit bedeutet? Als meine Eltern auswanderten, war Deutschland noch nicht so, wie wir es heute kennen. Damals galt für alle: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Tag ein, Tag aus. Das hat man von klein auf mitbekommen. Nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Gesellschaft – egal, ob im Kindergarten, in der Schule oder auch im Jugendklub. Das hat mich geprägt. Welche Regeln galten damals im Hause Kovač? Es galt, freundlich, höflich und zuvorkommend zu sein. Und man musste eben arbeitswillig sein. Ich denke, die Werte und Normen, die damals gegolten haben und selbstverständlich waren, sollten auch in unserer heutigen Zeit Gültigkeit haben, auch wenn sie sich sicherlich etwas verschoben haben. Das versuche ich zumindest an meine Tochter weiterzugeben, und an meine Spieler.

Ich kann auch als Trainer impulsiv sein

Welche Regeln stellen Sie Ihrer Frankfurter Fußball-Familie auf? Das Wichtigste für ein erfolgreiches Zusammenleben einer Mannschaft ist Respekt dem anderen gegenüber. Dazu benötigt man eine gewisse Disziplin. Wenn man in einem so großen Gebilde wie einer Bundesligamannschaft zusammenarbeitet, müssen diese beiden Komponenten stimmen. Ich habe im Laufe meiner Zeit als Spieler gelernt, dass Grundvoraussetzungen für Fortschritt und Erfolg die Arbeitsbereitschaft und die Arbeitsauffassung sind. Trotz Ihres hohen Disziplinanspruchs halten Sie wenig von Sanktionen. Warum? Ich versuche zu bewirken, dass jeder Spieler mit seinem gesunden Menschenverstand sein Verhalten zunächst selbst analysiert und dementsprechend auch handelt. Das ist bei uns nicht immer ganz einfach, weil wir viele unterschiedliche Charaktere unterschiedlicher Herkunft haben. Da fasst der ein oder andere Dinge anders auf. Das muss ich als Trainer in Einklang bringen, damit das Gebilde funktioniert. Dennoch bin ich der Meinung, der Kopf sagt einem schon, was man darf und was man nicht darf. Hört man auf ihn, bedarf es auch keiner großartigen Sanktionen. Wenn der jedoch aussetzt – es gab ja in der vergangenen Saison durchaus solche Fälle –, dann muss eben doch sanktioniert werden. Weil eines ganz elementar ist: Jeder muss sich unterordnen. Egal, wie er heißt, wie alt er ist, wie lange er da ist. Keiner ist wichtiger als der Erfolg oder ist größer als der Klub. Das gilt übrigens nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Trainer und alle, die im Klub arbeiten. Wir alle werden irgendwann nicht mehr da sein, aber der Klub wird bestehen bleiben. Und es liegt an uns, dass wir den Klub entsprechend präsentieren und so aufstellen, dass er in Zukunft erfolgreich sein kann. Auch das sagen Sie total gelassen. Woher nehmen Sie die innere Ruhe? Als Spieler war ich schon sehr impulsiv. Und das kann ich auch als Trainer sein. Nur versuche ich als Trainer vorrangig, Ruhe auszu strahlen. Zu viel Nervosität und Aggressivität wirkt sich negativ auf meine Mannschaft aus. Ich habe lange genug selbst Fußball gespielt, wodurch ich die Erfahrung mitbringe, in gewissen Situationen von außen Ruhe zu bewahren. Was lässt Sie dennoch aus der Haut fahren? Ich bin ein absoluter Gerechtigkeitsfanatiker. Ungerechtigkeiten konnte ich schon als kleiner Junge in der Schule nicht leiden. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Ich weiß natürlich auch, dass nicht jeder alles gleich sieht, es oft bekanntlich mehrere Wahrheiten gibt. Wenn es aber ganz klare Ungerechtigkeiten gibt, dann geht mir die Hutschnur hoch. Agieren Sie als Freund oder Chef der Spieler? Beides. Aber in erster Linie versuche ich, ein Freund zu sein. So lange ist es ja auch noch nicht her, dass ich selbst Spieler war. Ich habe 2009 aufgehört. Na gut, jetzt haben wir schon 2017. Das sind auch bereits acht Jahre. (lacht)

Man kann von jedem Menschen etwas mitnehmen

  Sie werden auch nicht jünger. Ja, genau. (lacht) Aber der Bezug zu den Spielern ist da. Die Jungs, die jetzt da sind, die sind meine Generation. Ich verstehe ihre Sprache und Denkweise. Von daher will ich den Spielern auch eine gewisse Sicherheit vermitteln, indem ich Nähe aufbaue. Aber ganz klar: Nähe allein reicht nicht. Man muss in gewissen Situationen auch harte Entscheidungen treffen. Ich muss diese treffen. Weil ich der Trainer und somit auch der Chef bin. Wird diese Herangehensweise mit dem Alter schwieriger, weil mehr Distanz aufgrund unterschiedlicher Interessen entsteht? Das kann schon sein. Nur ticke ich sicherlich noch anders als ein Trainer, der sechzig Jahre alt ist. Da ist der Unterschied doch sehr viel größer. Noch sehe ich mich als eine Generation mit meinen Spielern. Das kann jedoch in zehn Jahren ganz anders sein. Dann sind diejenigen, die jetzt zehn sind schon zwanzig. Und vielleicht entwickelt sich die Gesellschaft in dieser Zeit wieder in eine andere Richtung. Und dann muss ich als Trainer womöglich anders agieren. Welcher Ihrer früheren Trainer kommt dem Trainer Kovač aktuell am nächsten? Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man von jedem Menschen etwas mitnehmen kann. Also auch von jedem Trainer. Sowohl Gutes als auch weniger Gutes. Man wird ja geprägt. Es gab Situationen als Spieler, in denen man dachte: Das war gut, das gefällt mir. Das möchte ich später auch so machen. Dann gab es aber auch Situationen, die mir damals nicht passten – und die ich jetzt in meinem Trainerdasein vermeide. Sie hatten bei Louis van Gaal in München hospitiert. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben? Die Akribie und die Perfektion, mit der er die ganze Woche gesteuert hat. So detailverliebt hatte ich das vorher noch nicht erlebt. Das hat mich beeindruckt. Man hat einfach gesehen, dass er die Kunst Fußball beherrscht. Dahinter steckt sicherlich ein Reifeprozess, den er über viele Jahre hinweg durch seine Tätigkeiten bei Ajax, Barcelona, Alkmaar und Bayern durchlaufen hat. Sie selbst haben als Spieler auch viele Vereine erlebt, waren aber nirgendwo länger als fünf Jahre am Stück. Auch als Trainer hatten Sie bisher noch kein Langzeitengagement. Worin liegt das begründet? Wie heißt es so schön: ‚Es ist nur der Trainer, der schon einmal gestanzt worden ist.‘ Das ist unser Schicksal. Wir sind das schwächste Glied in der Kette. Bei Misserfolg wird niemand auf die Idee kommen, die halbe Mannschaft rauszuhauen und den Trainer zu behalten. Die Haltbarkeit eines Trainers ist daher ziemlich gering. Hinzu kommt, dass immer mehr gut ausgebildete Trainer auf den Markt kommen, so dass auch schnell ausgetauscht werden kann. Vergangene Saison haben dreizehn Trainer ihren Job verloren. Es ist eine Entwicklung, die bedenklich ist. Die vielleicht auch in die falsche Richtung geht. Klar, jeder möchte erfolgreich sein. Bei achtzehn Bundesligavereinen kann aber eben nur einer Meister werden. Die Erwartungshaltung vieler Klubs, aber auch der Fans, ist nicht entsprechend der getätigten Investitionen. Aber okay, das ist part of the business. Man kann es machen oder man lässt es sein. Und wenn man dabei ist, muss man damit rechnen und leben, dass man eine sehr kurze Halbwertszeit hat – fast wie ein Joghurt.

Es ist kaum möglich, dass ein Trainer dauerhaft bei einem Verein bleibt

 

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