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Tom Brady: Perfektion mit Makel

Tom Brady: Perfektion mit Makel


NFL-Superstar Tom Brady, der gerade die New England Patriots nach einer unfassbar erfolgreichen Ära verlassen hat, ist der Inbegriff eines perfekten Sportlers, der aufgrund seiner Erfolge und seines Auftretens unantastbar wirkte. Wäre da nicht Deflategate. Im November 2015 stellte Chuck Klosterman in seinem Artikel für GQ die Frage, ob Tom Brady der größte Quarterback aller Zeiten sei. Klosterman, ein amerikanischer Autor mit Faible für die moderne Gesellschaft und ihre Popkultur, beantwortete die Frage für sich selbst im ersten Absatz. Für ihn ist Brady der Beste. Bei keinem anderen Athleten könne sie, statistisch betrachtet, klarer beantwortet werden. Mittlerweile sechs Super-Bowl-Siege, viermal Super-Bowl-MVP. Während die Zahlen also ein Plädoyer sind, den 42-Jährigen aufs höchste Podest zu hieven, wird Brady gesellschaftlich kontrovers diskutiert.
Eigentlich stellt sich die Frage bei Tom Brady nicht
Eine Krux, die deutlich macht, warum Klosterman nicht einfach eine Story schrieb, in der er seine Meinung mit scharfer Feder gegen die lauten Proteste verteidigt. Ist Tom Brady der beste Quarterback aller Zeiten? Und wenn nicht, warum? Wo die Objektivität Fakten liefert, gewinnt in der Causa Brady zum Teil die Subjektivität. Klostermans Abhandlung samt Interview wird Monate nach „Deflategate“ publiziert. Bewusst, denn was den Autor interessiert, ist nicht der ewige Streit über „wer ist besser“; die alltäglichen Diskussionen in den Bars und Firmenküchen, in denen sich Sportinteressierte über den Weg laufen und den Athleten des Herzens gegen die fehlgeleiteten Andersdenkenden verteidigen. Bei Brady stellt sich die Frage eigentlich nicht. Eigentlich.

Der Artikel erschien in Ausgabe #6 im April 2017: Statistiken wurden Stand März 2020 aktualisiert.

Die Makellosigkeit
Klosterman wollte dem Phänomen der emotionalen Subjektivität auf den Grund gehen, die dem pluralen Wertesystem folgt. Abseits der Zahlen und Debatten, ob Yards und gewonnene Spiele bloße Playoff-Bilanzen übertrumpfen und das eigene Argument validieren. Wie sieht die Gesellschaft den professionellen Athleten als öffentliche Person unter Bezug auf die eigenen Werte, präziser die Moralvorstellung, die vom Sport oftmals völlig unabhängig zu sein scheint? Positiv wie negativ. Tom Brady ist für dieses Phänomen eine Galionsfigur. Während „Deflategate“ wie auch heute. Bradys Lebenslauf liest sich wie ein Drehbuch. Ein weißer, gutaussehender Mann, der auf der prestigeträchtigsten Position der amerikanischen Sportwelt spielt und sich als Sechstrunden-Pick seinen Weg auf den Olymp erarbeiten muss. Der in Kalifornien geborene Brady besitzt eine gewisse Makellosigkeit. Sein Fokus liegt einzig und allein auf seiner Profession und dem Ziel, zu gewinnen.
Die Beliebtheit nahm Schaden
Klosterman definiert Brady als einen Winner. Was Neider und Missgunst schafft. In jedem Sport, in jeder Branche. Sein Privatleben lässt nur das Offenkundige zu. Bradys Image portraitiert Fleckenfreiheit. Bis zu eben jenem Skandal im Winter 2015, der sich bis zum Saisonstart im Herbst 2016 hinzieht. „Deflategate“ wird zu einem großen Fleck auf Tom Bradys Weste.

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NBC News veröffentlicht im Herbst 2015 eine Umfrage, in der sich die Beliebtheit des Quarterbacks der New England Patriots drastisch ins Negative dreht. „Deflategate“ kommt in den Köpfen der Menschen an. Wer ihn zuvor verteidigte, tut dies auch weiter und stellt die NFL in der Rolle des Schurken dar. Bill Simmons beispielsweise sieht im Verhalten von NFL-Commissioner Roger Goodell das eigentliche Vergehen. Eine Hexenjagd. Ein Exempel, das nach andauernder Kritik an Goodells Führungsstil seitens der Besitzer in Bezug auf seine Beziehung mit Patriots-Inhaber Robert Kraft statuiert werden muss. Um das eigene Gesicht zu wahren.
Der Deflategate-Skandal
Im Mai 2015 veröffentlichte die NFL den Wells Report, in dem festgestellt wurde, dass elf der zwölf Footballs, die die Patriots gegen die Colts im AFC Championship Game benutzt hatten, mit zu niedrigem Druck (mindestens 12,5 psi) aufgepumpt waren. In diesem als „Deflategate“ (engl.: „deflate“ = Luft entweichen lassen) bezeichneten Regelverstoß wurde Brady eine Mitwisserschaft unterstellt. Brady wurde von der NFL für vier Spiele gesperrt, die Patriots verloren insgesamt zwei Draftpicks. Am 3. September wurde diese Sperre vor Gericht für ungültig erklärt.
„Tom Brady ist ein Betrüger“
Die Kritiker Bradys erhalten unverhofft Munition. Die Argumentation geht weg von sportlichen Vergleichen mit den Manning-Brüdern hin zur These „Tom Brady ist ein Betrüger“. Und wenn er 2015 betrogen hat, wer garantiert, dass er dies nicht auch vorher tat? Bradys Verhalten während der Untersuchung und des anschließenden Prozesses um die Strafe von vier Spielen Sperre wird in der Öffentlichkeit kritisch betrachtet. Gerüchte und Fakten wechseln sich ab, die aus dem bekanntesten Gesicht der NFL einen Täter skizzieren, der aufgrund seiner Mentalität, immer gewinnen zu wollen, vielleicht keinen Fehler zugeben kann. Hier liegt die erste von vielen Fallen für die Gesellschaft aus. Das Zeitalter digitaler Medien verschafft Menschen eine Stimme. Was zwangsläufig dazu führt, dass sich unter Fakten und Wahrheiten auch Falschmeldungen und Mutmaßungen mischen.
Früher genossen Spitzensportler gesellschaftliche Anonymität
Gefährlich, da heutzutage die erste Aussage stecken bleibt. Ob anschließend revidiert oder nicht. Dieses Wirrwarr will Klosterman im Interview mit Brady entzerren, der keine Frage zu „Deflategate“ beantwortet. Der Schattenwurf eines Schuldigen, der eine Lüge nicht weiter wiederholen möchte, oder der Versuch, diese Affäre endlich hinter sich zu lassen und – wie immer – den Sport in den Vordergrund zu stellen? Nicht zum ersten Mal wählt der Quarterback den „Stick to Sports“-Ausweg und weicht unbehaglichen Fragen aus. Tom Bradys Entscheidung, außersportliche Belange ausblenden zu wollen, lässt ihn in der Vergangenheit leben. Die Spitzensportler der Achtziger und Neunziger genossen gesellschaftliche Anonymität. Michael Jordan wird noch immer von den Menschen, die mit ihm aufwuchsen, für seine Leistungen auf dem Feld vergöttert.
Die Spitzenverdiener des Sports
#1 Lionel Messi (Fußball | FC Barcelona): 127 Mio. Dollar
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#2 Cristiano Ronaldo (Fußball | Juventus Turin): 109 Mio. Dollar
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#3 Neymar (Fußball | Paris Saint-Germain): 105 Mio. Dollar
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#4 Canelo Alvarez (Boxen): 94 Mio. Dollar
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#5 Roger Federer (Tennis): 93,4 Mio. Dollar
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#6 Russell Wilson (American Football | Seattle Seahawks): 89,5 Mio. Dollar
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#7 Aaron Rodgers (American Football | Green Bay): 89,3 Mio. Dollar
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#8 LeBron James (Basketball | Los Angeles Lakers): 89 Mio. Dollar
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#9 Stephen Curry (Basketball | Golden State Warriors): 79,8 Mio. Dollar
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#10 Kevin Durant (Basketball | Brooklyn Nets): 65,4 Mio. Dollar
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#30 Sebastian Vettel (Formel 1 | Ferrari): 40,3 Mio. Dollar
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#57 Mesut Özil (Fußball | FC Arsenal): 30,2 Mio. Dollar
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#63 Serena Williams (Tennis): 29,2 Mio. Dollar
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Die 100 Spitzenverdiener des Sports 2019 im Überblick
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Zurück Weiter Die NFL am kulturellen Rand Zu seiner aktiven Zeit präsentiert er sich als Familienmensch. Jordans übermenschlicher Wettbewerbseifer und sein Hang zum Glücksspiel treten erst später zutage. Sein mittlerweile berühmtes Zitat „Republikaner kaufen auch Schuhe“ ist der Slogan einer Welt, in der die Stars gesellschaftlich ignorant sein konnten. Zum Teil auch mussten. Denn während dieser Satz heute einen medialen Tsunami auslösen würde, erregte er damals nur wenige Gemüter. Tom Brady bewegt sich in ähnlichen Sphären, nur gut 20 Jahre später. In einer Gesellschaft, die sich gewandelt hat. Die NFL, lange Mittelpunkt und Liebling der amerikanischen Kultur, generiert zwar immer noch das meiste Geld. Autor Malcolm Gladwell vertritt jedoch die These, dass Football kulturell an den Rand gedrängt wird. Die NFL scheint in gesellschaftlichen Themen rückwärtsgewandt, statt progressiv. Vor allem im Vergleich zum Basketball, der die Post-Jordan-Ära überlebt hat und zu einem Spiegelbild kultureller Vielfalt herangewachsen ist. Die Athleten sind dafür ein Beleg.
Athleten sollen eine Stimme haben
Als Superstar Stephen Curry sich kürzlich zu einem Zitat des Under-Armour-CEO Kevin Plank bezugnehmend auf Donald Trump äußerte, erhielt er Beifall. Curry steht bei Under Armour unter Vertrag, was früher dazu geführt hätte, dass er sich nach seiner Äußerung hätte entschuldigen müssen, oder von vornherein gar nichts gesagt hätte. Das Unternehmen ruderte mehr oder weniger zurück und unterstrich, Athleten zu wollen, die ihre Meinung sagen. Anders als damals Jordan, der sich zu einer umstrittenen Wahl in seinem Heimatstaat North Carolina neutral gab und anmerkte, dass auch Republikaner Kunden seien. Was damals gesellschaftlich als richtig angesehen wurde – „Stick to Sports“ –, ist heute undenkbar. Die Gesellschaft erwartet von den Athleten, eine Stimme zu haben. Teilweise. Oder besser formuliert, je nach Sport. Ein interessantes Phänomen, dem auch die Demographie zugrunde liegt. Basketball als moderner, junger Sport, in der die Gesichter die Liga prägen, ganz gleich welcher Hautfarbe. Football hingegen zieht weiterhin die Zuschauer an, die dem klassischen Rollenbild der Liga und den gesundheitlichen Auswirkungen des Sports wenig Beachtung schenken.
Der Fall Kaepernick
Der umjubelte Quarterback, beschützt von seinen Mitspielern und einem garantierten Vertrag. Die Beschützer hingegen fürchten bei jeder Verletzung das Karriereende mit Spätfolgen aufgrund der Härte des Sports. Als 49ers-Quarterback Colin Kaepernick bei der Nationalhymne niederkniete, entbrannte ein Sturm der Entrüstung. Kaepernick begründete seine Entscheidung damit, dass er keine Hymne unterstützen könne, die Menschen nach ihrer Hautfarbe ungleich behandelt. Dies wurde diametral aufgenommen und spaltete den Sport. Die einen begrüßten die Abkehr eines NFL-Stars vom Stillschweigenden zum Aktivisten. Die anderen warfen ihm mangelnden Patriotismus vor. Die Athleten sind in einer prekären Situation. Längst können Sport und Politik nicht mehr getrennt bleiben. Warriors-Headcoach Steve Kerr sieht in den Problemen der Welt praktisch einen Aufruf, gesellschaftlich aktiv zu werden. Wo passt Tom Brady da hinein? Statistisch über jeden Zweifel erhaben. Gesellschaftlich kontrovers.  

LOVE YOU PATS NATION pic.twitter.com/lxSQZmnjPL

— Tom Brady (@TomBrady) March 17, 2020
 
Muss Brady so werden wie James?
Ähnliches erlebt LeBron James seit Jahren. Einer der besten Spieler, den der Basketball je hervorgebracht hat. Dieselbe Anerkennung wie Jordan oder sogar Kobe Bryant erhält er nicht. Seine Kritiker sehen den Kontroll-Menschen, der nichts dem Zufall überlässt und Image-Pflege betreibt. Tatsächlich hat sich James' soziales Engagement unter Barack Obamas zweiter Amtszeit verstärkt. Während seiner ersten Jahre in Cleveland wich James politischen Themen aus. Mittlerweile ist er zu einem der aktivsten Athleten seiner Generation herangewachsen. Muss Tom Brady diesem Beispiel folgen? Nicht zwangsläufig. Die Rolle einiger Sportler als Stimme der Vernunft darf nicht als Mantra angesehen werden. Einige werden immer aktiver sein als andere. Die Gesellschaft fordert Authentizität. Wäre es nicht heuchlerisch, von allen das Gleiche zu verlangen?
Die Sache mit Donald Trump
„Deflategate“ war nicht die letzte Kontroverse um Tom Brady. Während des vergangenen U.S.-Wahlkampfes und auch schon im Interview mit Klosterman, ging Brady offen mit seiner Freundschaft zu Donald Trump um. Brady kokettiert förmlich damit. Nachdem die Öffentlichkeit aufgeregt reagierte, brachte Brady ein Baseball-Cap mit Trumps Wahlkampf Slogan in die Kabine der Patriots. Er schuf willentlich diesen Konflikt und versuchte, die anschließende Empörung dann klein zu reden. Für ihn „ist Trump ein Freund. Und es sei normal, nicht immer mit Freunden einer Meinung zu sein.“ Stick to Sports. Die Beurteilung eines Athleten durch die Öffentlichkeit hat ihren Ursprung in dem romantischen Glauben an einen perfekten Menschen. Anhänger eines Teams oder Fan eines Spielers zu sein, bedeutet Identifikation. Teil von etwas zu sein, das als gut empfunden wird. Nicht nur aus Wettbewerbssicht. Auch aus charakterlicher. Der grandiose Sportler soll auch eine grandiose Person sein. Und schlussendlich ein makelloses Spiegelbild von einem selbst.
Ist er denn nun der Beste?
Ein Schwierigkeitsgrad, dem manche gerecht werden, andere nicht. Diese subjektive Anforderung seitens der Gesellschaft sollte in der Beurteilung der Leistung allerdings nur eine bedingte Rolle spielen. Für die Entscheidung, Fan eines Spielers oder eines Teams zu werden oder zu bleiben, ist es hingegen eine nützliche Grundlage. In der individuellen Betrachtung eines Athleten wird die eigene Moralvorstellung immer vordergründig sein. Können Fans der New York Knicks über die Taten und politische Philosophie des Inhabers, James Dolan, hinwegblicken und nur den Sport sehen? Ist der Mensch generell in der Lage, in allen Situationen die gleiche Wertvorstellung anzusetzen, oder ist er dabei selektiv – ganz nach Bequemlichkeit? Wo der individuelle Fan emotional an seine Grenzen stößt, bleibt in der Betrachtung eines Athleten schlussendlich nur seine objektive Leistung im Spiel. Der kleinste Nenner, der die Besten der Besten schon immer identifiziert hat. Ob nun Vorbild, oder einfach nur Athlet mit herausragendem Können. Tom Brady ist der beste Quarterback aller Zeiten. Punkt. Robert Jerzy

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