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Nachruf: Das Leben ist ein Fußball

Nachruf: Das Leben ist ein Fußball

Diego Armando Maradona war der spektakulärste Fußballer aller Zeiten. Und wohl auch der Beste. Der Tod kündigte sich mehrmals an, doch Diego kämpfte sich immer wieder zurück. Im Alter von 60 Jahren ist die Legende nun gestorben. Der Nachruf von Alex Raack.


Nachruf: Das Leben ist ein Fußball

 „Jetzt hat Maradona den Ball, sie decken ihn zu zweit. Maradona kontrolliert den Ball, startet von der rechten Seite, dieses Fußball-Genie. Jetzt umspielt er den dritten und könnte den Ball zu Burruchaga spielen … immer noch Maradona! Genie! Genie! Genie! Ja, ja, ja, ja, ja – TOOOOOOOR!!! TOOOOOOOR!!! Ich möchte weinen! Lieber Gott, lang lebe Fußball! Golaaazooo!!! Diegoooo Maradona!!! Es tut mir leid, aber ich fange an zu weinen! Maradona mit einem denkwürdigen Solo, die beste Szene aller Zeiten! Kosmischer Drachen, von welchem Planeten kommst du, dass du so viele Engländer auf einmal umspielt hast? Ein ganzes Land ballt jetzt die Faust und schreit für Argentinien! Argentinien 2, England 0. Diegol! Diegol! Diego Armando Maradona!!! Danke, lieber Gott! Für den Fußball und für Maradona. Für diese Tränen. Für Argentinien 2, England 0.“

Victor Hugo Morales

Legendär, was da am 22. Juni 1986 auf dem Rasen des Azteken-Stadions in Mexiko-City passierte. Ein kleiner Argentinier hatte sich den Ball geschnappt, die besten Verteidiger der englischen Nationalmannschaft vernascht und dann das vielleicht größte Tor in der Geschichte des Fußballs erzielt. Groß auch deshalb, weil es die Entscheidung in diesem WM Viertelfinale bedeutete. Groß auch, weil vier Jahre zuvor der Falkland-Krieg zu Ende gegangen war, bei dem 649 Argentinier durch englische Kugeln und Granaten getötet worden waren. Groß auch, weil der Schütze dieses Tores Diego Armando Maradona war, der größte Troublemaker seiner Zeit.

Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander. Im Falle von Maradona exakt vier Minuten. Denn kurz vor diesem faszinierenden Sololauf, der aus international erprobten Recken in wenigen Sekunden einen Hühnerhaufen machte, hatte der Superstar ein Tor mit der Hand erzielt. Gegen England, gegen Peter Shilton, für Argentinien.



Der vielleicht begabteste Fußballer aller Zeiten

„Ich habe ihnen die Brieftasche geklaut!“, soll Maradona geschrien haben, als er nach dieser Unsportlichkeit jubelnd in Richtung Tribüne rannte. Seine Rache für all die Toten, ein geradezu grotesk verdrehter Akt von Patriotismus. Vor allem aber auch der Grundstein für den Gewinn dieser Weltmeisterschaft – sieben Tage nach dem 2:0-Erfolg über England konnte selbst der aufopferungsvoll manndeckende Lothar Matthäus nicht verhindern, dass Maradona kurz vor dem Schlusspfiff den entscheidenden Steilpass auf Jorge Burruchaga durchsteckte. Burruchaga rannte um sein Leben, Hans-Peter Briegel kam zu spät, Deutschland verlor mit 2:3 und Diego Maradona hatte sein Land quasi im Alleingang zum Titel geführt. Eine einzigartige Leistung, der sportliche Höhepunkt in der Karriere des vielleicht begabtesten Fußballers aller Zeiten. 

Im Oktober 2020 wurde Maradona 60 Jahre alt. Nur einen Monat später starb er am 25. November in Folge eines Herzinfarkts. Er war zuletzt Trainer des argentinischen Erstligisten Gimnasia y Esgrima La Plata. Bei Netflix gibt es eine mehrteilige Dokumentation über sein vorheriges Wirken beim mexikanischen Klub Dorados de Sinaloa. Wer Diego nicht kennt (gibt es solche Menschen?), dürfte bei Ansicht der Serie gedacht haben: Was für ein merkwürdig liebenswerter Chaot. Dabei war das Leben von Diego Maradona vermutlich nie seriöser und geordneter als in den vergangenen fünf Jahren.

Diego Maradona ist tot

Diego Maradona ist tot

Argentiniens Fußball-Idol Diego Maradona ist tot. Der Weltmeister von 1986 starb am Mittwoch keine vier Wochen nach seinem 60. Geburtstag an einem Herzinfarkt. Das bestätigte sein Sprecher Sebastian Sanchi der AFP. 



Der Michael Jackson des Fußballs

Der kleine Diego wuchs schon im Chaos auf, in Villa Fiorito, einem Armenviertel von Buenos Aires. Gut möglich, dass er längst tot wäre, wenn er nicht so unglaublich gut mit einem Fußball umgehen konnte. „Meine einzige Motivation“, hat Maradona später mal gesagt, „war es, so viel Geld zu verdienen, dass meine Familie nie wieder in Villa Fiorito wohnen musste.“ Als er das möglich machte, war er noch ein Teenager. Später verdiente er so viel, dass er vermutlich den ganzen Stadtteil aus dem Elend hätte befreien können, stattdessen schlidderte er auf all den Banknoten von einem persönlichen Drama ins nächste. Kokain, die Droge der Reichen, hatte ihn jahrelang fest im Griff, er brauchte den Rausch, um sich aus der Enge seines goldenen Käfigs zu befreien. Nur wenige Jahre nach dem Ende seiner Fußballer Karriere Ende der Neunziger wäre Maradona fast gestorben. Verfettet, süchtig, traurig und krank.

Dass er den Wahnsinn der späten Neunziger und frühen Nuller überlebte, ist eigentlich ein Wunder. Maradona ist der Michael Jackson der Sportwelt. Unendlich begabt, unendlich berühmt, unendlich bedauernswert. Jeder wollte gerne kicken können wie Diego oder singen können wie Jackson, aber niemand hätte wirklich mit ihnen tauschen wollen. Ruhm hat seinen Preis und so viel Kohle konnten selbst diese beiden Männer nicht verdienen, um sich aus dem Chaos ihrer Existenz freizukaufen.

Maradona-Zeitraffer: Sechs Jahrzehnte Gott

Maradona-Zeitraffer: Sechs Jahrzehnte Gott

Vom Debüt als Teenager über die "Hand Gottes" bis zum letzten Trainerjob bei Gimnasia - die wichtigsten Stationen von Diego Armando Maradona in sechs Jahrzehnten:

Niemand war mehr Fußball als er 

Was Maradona und Jackson ebenfalls vereint, ist die immense Leidenschaft, die sie im Laufe ihrer Karriere beim Publikum entstehen ließen. Bis heute wird Maradona in seiner früheren Wirkungsstätte Neapel, obwohl doch nur ein Fußballer, wie ein Gott behandelt. Als er das hässliche Entlein Napoli 1987 zum Double aus Meisterschaft und Pokal führte, feierte die Stadt – und mit ihr sämtliche neapolitanische Viertel auf der Welt – tagelang eine rauschende Party, eine wahre Orgie für Fußballfans. Einer dieser Wahnsinnigen schrieb an die Wand eines Friedhofs: „Ihr wisst ja gar nicht, was ihr verpasst habt.“

Und selbst als Maradona vier Jahre später, nach unzähligen Eskapaden und Skandalen, Neapel verließ, textete ein anonymer Einwohner ins Buch der Stadt: „Und meine zukünftigen Kinder, die dich nie gesehen haben werden – was sollen sie jemals über Fußball wissen können?“ Vielleicht ist das die sinnigste Erklärung für das so chaotische Leben von Diego Maradona: Dass niemand mehr Fußball war als er.



Traurig, dass er nicht mehr spielte

Denn ist es nicht das Chaos, das aus einem öden Ballgeschiebe erst Spektakel und damit unvergessliche Erinnerungen macht? Wie 2005, als der AC Mailand im Champions-League- Finale zur Halbzeit schon mit 3:0 führte und die Sieger-Shirts unter die Trikots zog, dann aber völlig zusammenbrach und am Ende doch der FC Liverpool jubeln und staunen durfte. Oder 2014, als Gastgeber Brasilien im WM-Halbfinale gegen Deutschland die Kontrolle verlor und mit 1:7 unter die Räder kam.

Oder eben wie am 22. Juni 1986, als der beste Fußballer der Welt erst das hässlichste und kurz darauf das schönste Tor des Turniers erzielte und sich bald darauf selbst die Krone aufsetzte. „Nichts macht Diego so traurig wie die Tatsache, dass er nicht mehr Fußball spielt“, hat Maradonas erster Trainer Francisco Cornejo gesagt. „Das verstehen die Leute nicht. Diegos Leben ist ein Fußball.“ Und Maradona selbst, frisch des Dopings überführt, fand im Sommer 1994 beinahe schon poetische Worte, um seine Beziehung zum Spiel und damit auch zum Leben passend zu beschreiben: „Es ist, als hätten sie mir die Beine abgeschnitten.“

Wie soll die Trainerkarriere auch besser sein?

Doch Maradona stand immer noch aufrecht. Wenn auch von seinen einst so talentierten Beinen nicht mehr viel übriggeblieben ist. Die vielen Tritte, schmerzstillenden Spritzen und Drogen haben den Wunderjungen schwer gezeichnet. Gelenke, Sehnen und Muskeln sind hinüber, Magie versprühat der Argentinier nur noch über seine Aura, nicht mehr mit dem Ball am Fuß. Als er das noch konnte, war niemand besser darin als er. Mit seinem linken Fuß hat er Chaos und Verwüstung in gegnerischen Reihen verursacht. Als er das nicht mehr konnte, wurde sein Leben abseits des Rasens endgültig zu einem nicht enden wollenden Katastrohen-Film.

„Gott“, stand auf einem Banner, das vor das Krankenhaus gehängt wurde, in dem Maradona zu Beginn des neuen Jahrtausends um sein Leben kämpfte, „du hast dir schon Jesus genommen. Bitte lass uns Maradona.“ Gott war gnädig, er gab Maradona mal wieder eine neue Chance. Heute lebt sein Name von seiner Vergangenheit, von seinen früheren Ruhmestaten, von gut gemachten Dokumentationen und einer riesigen Auswahl an YouTube-Videos.

Der Trainer Maradona reichte nie an den Spieler Maradona heran. Wie soll das auch gehen? Aber vielleicht machte ihn dieses Dasein fast glücklicher, als er es zu aktiven Zeiten je sein durfte. Als das Leben nicht mehr einem Chaos glich. Sondern einfach ein Leben ist.

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