Die besten Storys schreibt der Sport.

The Greatest

The Greatest

Er war nicht nur Boxer und Sportler. Er war eine Lichtgestalt, die Einfluss auf nachfolgende Generationen hatte. Muhammad Ali. Drei Experten schreiben bei SOCRATES, welchen Einfluss Ali auf den Sport und auf die Gesellschaft hatte.


Mit jedem Blick zurück werden die Schmerzen größer. Dann, wenn wir merken, wen wir alles verloren haben. Dann fühlen wir uns manchmal einsam. David Bowie, Prince, Leonard Cohen und Sharon Jones. Sie alle verbindet, dass sie nicht nur mit ihrer Musik stark wirkten, sondern auch abseits der Bühne die Welt veränderten. Sie veränderten unsere Verhaltensgewohnheiten, die Literatur, den Sex und die Farben in unserer Welt.

„Die Geschichte Muhammad Alis wird den Sport überdauern, mit dem er vor 62 Jahren anfing, um den Diebstahl seines geliebten roten Fahrrads zu rächen.“
David Remnick, 2016

Shakespeares Fäuste  

Der Journalist Brin-Jonathan Butler schreibt für SOCRATES darüber, wie Muhammad Ali die Geschichte des Sports prägte.

Wenn Sie mit Menschen wie George Foreman und Mike Tyson sprechen, haben Sie keinen Zweifel mehr, dass er der größte Boxer aller Zeiten war. Seine schnellen Hände waren eine Revolution im Schwergewicht. Mit seiner Art, die Hände beim Kampf neben den Hüften hängen zu lassen, statt sie zur Deckung zu nutzen oder sich vor den Fäusten des Gegners wegzuducken und auszuweichen, revolutionierte er auch das Schwergewicht.

Er legte beim Kampf eine Kreativität an den Tag wie kein anderer und übertrug den Stil seines Idols Sugar Ray Robinson ins Schwergewicht. Er gab nie auf. Während seiner 21-jährigen Karriere ging er trotz der vielen harten Schläge nie K.o. 

Joe Frazier, der ihn in ihrem ersten Kampf zu Boden schlug, konnte es nicht glauben, als Ali schon wieder aufstand, als der Ringrichter gerade einmal bis drei gezählt hatte. In einem Artikel schrieb ich einmal: „Ali war für den Sport das, was Shakespeare für die Sprache war.“

Shakespeare verdoppelte die englische Sprache, nach ihm war sie nicht mehr dieselbe. Ali hatte eine ähnliche Wirkung nicht nur auf das Boxen, sondern auch auf den Sport im Allgemeinen. Der Schauspieler und Oscar-Preisträger Rod Steiger sagte einmal über ihn: „Wäre er Schauspieler, wäre er beim Improvisieren der Beste.“

Aber Schauspieler bekommen eine zweite oder dritte Chance, Boxer hingegen riskieren ihr Leben, wenn sie improvisieren. Wie Agenten, die sich auf das Terrain des Feindes wagen! Ali hatte trotzdem den Mut, einen ganz neuen Stil zu erschaffen... Solange es Menschen auf diesem Planeten gibt, werden einige dafür zahlen, anderen Menschen beim Kämpfen zuzusehen. 

Den Sport und die Olympischen Spiele gibt es, um Kriege zu verhindern. Meiner Meinung nach ist der Boxer der einzige Künstler, der seinem Instrument bei jedem Gebrauch Schaden zufügt. Wenn er aus dem Ring steigt, ist er nicht mehr derselbe wie vor dem Kampf. Das haben wir während Alis Karriere auch gesehen. Ali ist der Beweis dafür, wie imposant ein Boxkampf einerseits sein kann und welch hohen Preis man dafür zuweilen zahlt.

Meine Lieblingsanekdote über ihn hörte ich von Thomas Hauser. Einmal ging Ali in ein Krankenhaus, um krebskranke Kinder zu besuchen. Dort wendete er sich einem Kind zu, das nicht mehr lange zu leben hatte und beschwor es, daran zu glauben, den Krebs besiegen zu können. Daraufhin unterbrach ihn das schwerkranke Kind: „Ich glaub nicht, dass ich das schaffe, aber wenn ich Gott besuche, werde ich ihm erzählen, dass ich dich kennen gelernt habe.“

Ich habe mit sehr vielen Menschen über Ali gesprochen. Thomas Hauser, Freddie Roach, mit dem Regisseur von When We Were Kings, Leon Gast, und anderen. Kein Auge bleibt trocken, wenn von Alis Gutherzigkeit die Rede ist. Andere Sportstars haben nicht so eine Wirkung. Ali gelang es, die Menschen mit seinen Erfolgen in den Bann zu ziehen. Shakespeares Hamlet gibt ihn sehr gut wieder. 

In Hamlet sehen wir einen selbstverliebten Jugendlichen, der anscheinend für die Menschheit kämpft. Ali kämpfte auch für etwas Universelles. Millionen Menschen fühlten sich durch ihn verbunden. Ich denke nicht, dass noch einmal ein Sportler die Herzen der Menschen so sehr gewinnen kann wie Ali.



Im Rampenlicht

Für Richard O’Brien, Box-Redakteur der Sports Illustrated, erkannte Muhammad Ali die Macht der Medien früher als alle anderen.

Muhammad Ali betrat die Bühne in einer Epoche, in der der Sport einen Wandel erlebte. Das Fernsehen fand zunehmend Verbreitung, klassische Massenmedien wie Zeitschriften und Zeitungen gab es ohnehin. Wenn man allerdings zusätzlich zu den athletischen Fähigkeiten im Ring den Boxsport an sich verfolgt, stellt man fest, dass Ali in einer Epoche auftauchte, in der das Schwergewichtsboxen nicht von Bewegung geprägt war.

Er war es, der dem Schwergewichtsboxen Schnelligkeit und Eleganz hinzugewann, beides Qualitäten, die bislang nicht zum Boxen gehörten. Allerdings meinten einige über ihn: „Er ist kein klassischer Boxer. So kann er niemals Erfolg haben. Das meiste macht er falsch. Er zielt mit seinen Schlägen nicht auf den Körper.“

Dennoch stellte sich schon bald heraus, dass Ali auch trotz der vermeintlichen Fehler erfolgreich sein würde. Diesen Erfolg verdankte er nicht nur seiner Geschwindigkeit, Athletik, Intelligenz und seinem Willen im Ring, sondern auch seiner Persönlichkeit und seinen rhetorischen Fähigkeiten. In dieser Hinsicht ähnelte er keinem der Athleten, die wir bislang gesehen hatten. Damals dachte man, dass Sportler bescheiden zu sein hätten.

Mit diesem Modell räumte Ali auf. In jenen Jahren wandelte sich auch die Gesellschaft, sowohl in den USA als auch in Europa. Die Beatles waren auf ähnliche Weise populär geworden. Und auch Ali passte sich dieser spannenden Rolle perfekt an. Er engagierte sich politisch gegen Rassenprobleme, und auch das hatten wir vorher noch nie bei einem Sportler gesehen. Ali war nicht nur der neue Stern am Schwergewichtshimmel, sondern entwickelte sich auch zu einer politischen Figur.

Vor allem sein Bekenntnis zum Islam und seine Annäherung an Elijah Muhammad und die Nation of Islam verärgerten viele Menschen in den USA. Als er den Dienst an der Waffe ablehnte, wurde das zwar von der jungen Generation befürwortet, doch das gemeine Volk hielt das für etwas Schlechtes.

Mit dem Ende der 1960er Jahre begann sich in den USA auch die Sichtweise auf den Krieg allmählich zu ändern. Die Menschen begriffen, dass Ali meistens Recht gehabt hatte mit seiner Meinung. Zu seinen Ehen mag man stehen wie man will, aber seine Treue in größeren Belangen war nicht zu übersehen, und das verhalf ihm zu seiner Akzeptanz. Ich meine, er hätte sich früher aus dem Sport zurückziehen sollen, doch die Amerikaner waren beeindruckt von seiner Zähigheit.

Die Menschen vergaßen seine Ecken und Kanten und begannen, ihn zu akzeptieren. Vor allem in den letzten dreißig Jahren seines Lebens bemühte man sich, Ali anders zu präsentieren. Die das taten, waren Leute, die während Alis Kämpfen nicht einmal dabei waren.

Nach seinem Tod bereiteten wir eine Sonderausgabe über ihn vor; dabei durchforsteten wir die Archive und sahen uns genauer an, was unsere Zeitschrift seit Alis Betreten der Boxbühne alles über ihn veröffentlicht hat. Bereits am Beginn seines Weges war eindeutig, dass er die Bedeutung der Presse richtig eingeschätzt hatte.

Er liebte es, im Rampenlicht zu stehen, und seine von anderen so verschiedene Persönlichkeit brachte es mit sich, dass man während einer Reportage nicht etwa einem normalen Sportstar das Mikrofon hinhielt, der Standardantworten gab. Wenn man sich alte

Reportagen anschaut, sieht man, wie schwer sich die Journalisten damit taten, Standardfragen zu stellen. Ali spielte mit ihnen und lenkte sie in völlig andere Richtungen.

Alex Honnold: Brunnen ohne Boden

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Wie konnte ein introvertierter, magerer Junge dem Tod die Stirn bieten und in die Geschichte eingehen? Voilà, das Lebensabenteuer des Alex Honnold.

Alis sieben Zwerge

Auf dem Gipfel seiner Karriere standen Muhammad Ali sieben ganz besondere Menschen zur Seite. Gary Smith notierte seine Beobachtungen.

Während seiner gesamten Karriere war Muhammad Ali für zahlreiche Sportjournalisten eine Inspiration. Auch für Gary Smith. Smith schrieb viele Jahre für die Sports Illustrated. Zu diesem wertvollen Archiv gehört der Artikel aus dem Jahr 1988, Ali and His Entourage. Noch einmal möchten wir an diesen Artikel des berühmten Journalisten und an das Leben dieses legendären Boxers, nach seinem Tod verfassten erinnern.

Die Lebensgeschichte Muhammad Alis war über etwa zwanzig Jahre hinweg die größte Show der Welt. Egal gegen wen er boxte, sofort wurde dieser Kampf zu einem Riesenereignis. Ich stellte damals ein Dossier über Alis Coach Angelo Dundee zusammen. Dabei nahm ich Kontakt zu Alis Umfeld auf: Sie waren wie eine Familie. Auf diese Weise bekam ich die Gelegenheit, zu sehen, wie jeder einzelne von ihnen Ali sein Leben widmete und sich ihm gelegentlich näherte wie einem Kind. Am Ende des Weges angekommen, fragte ich mich, wie eine Gruppe von Menschen, die sich so intensiv um Ali gekümmert hatte und mit ihm um die Welt gereist war, zerfiel, als die Show vorüber war, und wie diese Menschen den Kontakt zueinander verloren. 

Den Untertitel für meinen Artikel wählte ich so: Leben am Ende der größten Show der Welt. Alis langjährige Köchin Lana Shabazz beispielsweise fand ich in einer Schule, wo sie für kleine Kinder kochte. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters tat sie das noch immer mit großer Hingabe.

Auch Bundini Brown, Alis Betreuer, war ein wahrer Charakter. Die Art, wie die Worte aus seinem Munde flossen, war einzigartig. Ihn spürte ich in Los Angeles allein in einem heruntergekommenen Motel auf. Früher hatte er ein glamouröses Leben geführt, und nun war er in diesem Loch gelandet. Außer Doktor Pacheco hatte niemand für die Zukunft vorgesorgt. Ihr einziger Gedanke galt Ali.

Dem Zauber einer der interessantesten Persönlichkeiten der Geschichte erlegen, hatten sie sich mit ihm im Jetzt verloren und hatten nicht die Zeit für eine Analyse oder Reflexion gefunden. Jemand, der Ali in seinen Zwanzigern für dreißig Sekunden im Fernsehen sah, konnte nicht unbeeindruckt von ihm bleiben. Seine Anziehungskraft machte jeden Moment zu etwas Besonderem.

Lange nach dem Ende seiner Karriere brachte er mich in eine verlassene Boxhalle, drückte seine Armbanduhr in meine Hand mit der Bitte, ihm das Ende der Runden anzusagen. Während man ihn anbrüllte, teilte er im Straßenanzug Fausthiebe aus, boxte zwölf Runden im Ring allein vor sich hin, um zu beweisen, dass er immer noch fit und stark war.

An jenem Tag besuchten wir auch noch einen anderen Ort: den Stall auf seiner Farm. Der Stall war überfüllt mit Fotos aus Alis Jugend sowie Zeitschriftenausschnitten aus seinen besten Zeiten. Auf vielen der Fotos befand sich Taubenkot. Ali drehte sie eines nach dem anderen zur Wand hin. Doch auch in jenem Augenblick gab es in seinem Gesicht keine Spur von Klage oder Scham.

So wie er seinen Aufstieg akzeptiert hatte, akzeptierte er auch seinen Abstieg und seine Krankheit. Er hatte begriffen, dass all das zu seinem Leben dazugehörte. 

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