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Jürgen Klopp: Tapetenkleister mit Designerbrille

Jürgen Klopp: Tapetenkleister mit Designerbrille

Schriftsteller Moritz Rinke kennt Liverpools Trainer Jürgen Klopp noch gut aus Dortmunder Zeiten. Was ihn an Klopp fasziniert und was den Reds-Coach so ehrlich macht, schreibt Rinke für Socrates.


Komischerweise gelte ich in England als Klopp-Experte. Nicht Klopstock, wie es sich bei einem Literaten noch gedacht werden könnte. Nein, Klopp, ohne Stock, Klopstock war ein berühmter deutscher Dichter der Empfindsamkeit, aber Klopp, Jürgen, ist das eigentlich auch. Im Mai 2015 traf ich Klopp zwei Tage vor seinem letzten Bundesligaspiel mit Borussia Dortmund gegen Werder Bremen.

Der BVB siegte mit 3:2, womit Klopp den Dortmundern noch so gerade eben die Europa League sicherte. Das Gespräch sollte 15 Minuten dauern, wir sprachen zwei Stunden. Über die Gründe, warum die Dortmunder in der Saison so unerklärlicherweise eingebrochen waren. Es ging natürlich auch um das Übliche: die Verletzungen der Spieler als Grund für den dramatischen Saisonverlauf; die Müdigkeit der Spieler, die für die WM in Brasilien im Einsatz waren; die daraus begründbare fehlende Laufbereitschaft; das verschwundene Gegenpressing und so weiter.

Hamlet im BVB-Mittelfeld

Aber irgendwann sprachen wir über Blockaden, Spiel- und Schreibblockaden bei Spielern wie Literaten. Hummels, Reus, Beckett: „Wieder scheitern, besser scheitern“. Sogar um „Hamlet“ ging es plötzlich, um die „Gedankenblässe“ von Mkhitaryan (Shakespeare!), der ja wirklich mit zweitem Namen Hamleti heißt, was ich erst viel später erfuhr. (Ja, bei Dortmund spielte wirklich Hamlet, nun ist er ins Mutterland von Shakespeare zurückgekehrt, zu Manchester United.)

Das Gespräch, das für ein Buch der deutschen Autorennationalmannschaft über den BVB geplant war, druckte der Guardian nach und als Klopp schließlich nach Liverpool an die Anfield Road wechselte mit seinem schon legendären Satz „I am the Normal One“, war auch ich in England angekommen. Nicht als Dramatiker, der ich eigentlich bin, sondern als Klopp-Experte. Jürgen Klopp hat mich in seinen sieben Jahren bei Dortmund wirklich fasziniert.

Er schäumte, wieherte, galoppierte 

Nie war er einer dieser Trainer-Generäle wie José Mourinho, Pep Guardiola und Louis van Gaal, die allesamt immer irgendwie vom hohen Ross herab Anweisungen geben und dabei nie ihren festen Sattel zu verlassen scheinen. Nein, Klopp sprang ständig vom Pferd herunter, um zu Fuß zu laufen (The Normal One); ja, manchmal sah er aus wie das Pferd selbst, mit Pöhler-Kappe. Er schäumte, wieherte, galoppierte an der Seitenlinie entlang, drohte vierten Offiziellen mit seinem Unterkiefer, wie es nur Pferde können und sprang bei Toren höher als die besten Hengste Schockemöhles (Berühmter deutsche Reiter!). So war Klopp. Einerseits.

Andererseits konnte er sprechen wie ein Buch. So wie er die Spiele fast feuilletonistisch analysierte, hätte er bestimmt auch mühelos Friedrich-Gottlieb-Klopstock-Oden analysieren können (The Special One!). Klopp war als BVB-Trainer also immer beides; den Fans nah als emotionalisierender Dauerbrenner, dem Fußball- und Medien-Establishment willkommen als gedanklich schneller Talkpartner. Und manchmal auch als Sprücheklopper. 

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Irgendwie bisexuell

Klopp war im Grunde – pardon – irgendwie bisexuell, er konnte die Bedürfnisse der BVB-Anhänger befriedigen, die aber in einem himmelweiten Unterschied zu den Bedürfnissen der Medien-und Werbespot-Welt standen. Klopp machte auch hier alle glücklich – von der Ergo Versicherung über Mitsubishi bis Philips Longhair-Shaving. Angefangen hatte er hemdsärmelig mit Tapetenkleister.

In dieser Mischung aus Tapetenkleister und italienischer Designerbrille symbolisierte Klopp natürlich auch die ambivalente Rolle, die der BVB und auch der gesamte Finanzsektor Fußball eingenommen hatte: Einerseits Ruhrpott-Klub, Underdog, Klassenkampf, die Alternative zum FC Bayern München; andererseits schon längst selbst ein börsennotierter Millionenverein mit einer 100-Milionen Mannschaft. Für das Switchen zwischen Tradition und Moderne war Jürgen Klopp im modernen, so widersprüchlichen Fußballgeschäft die beste Besetzung.

Dann ist es Kloppo...

Wie aber kann bei all dem Geld, das sich hier bewegt, noch das empfindsame, leidenschaftliche, fußball-liebende Kind geblieben sein? Das Wesen von Klopp könnte sehr gut von dem beschrieben werden, der zum Beispiel Pep Guardiola und Jürgen Klopp vergleicht, die mittlerweile Kollegen im Lande Shakespares sind. In Guardiola kann nicht hineingeguckt werden. An der äußeren Eleganz und den Catenaccio-Hosen sind wir hängengeblieben. Aber bei Klopp, dem Herzens-Trainer, schauen wir wie eingeladen hinein.

Und dann hat er auch noch selbst die Gabe, zu sagen, wie er denn fühle, leide, liebe. Klopp ist jene Klopstock-Empfindsamkeit, die Pep nicht besitzt. Oder im Vergleich mit seinem Nachfolger in Dortmund: Thomas Tuchel wirkt zu Klopp fast wie der strenge Robespierre zum epikureischen Danton. Und wenn einer irgendwann die Reißleine zieht und sagt: Leute, so geht es im Geldfußball nicht weiter! – dann ist es der empfindsame Klopp. 

Moritz Rinke, 48, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Generation. Sein neuestes Stück „Wir lieben und wissen nichts“ wird auf über 50 Bühnen national und international gespielt. Rinke ist zudem Top-Scorer der DFB-Autorennationalmannschaft, mit der er 2015 das Buch „Man muss ein Spiel auch lesen können: Ein schwarzgelbes Jahr (Blumenbar)“ herausbrachte.

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