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Bender-Zwillinge: Legenden der Vernunft

Bender-Zwillinge: Legenden der Vernunft

Sven und Lars Bender galten mal als die größten Mittelfeldtalente in Deutschland. Mittlerweile gehören sie zur alten Garde in Leverkusen und beenden am Ende der Saison ihre Karriere. Bekommen sie den Respekt, den sie verdienen?


Im modernen Fußball sind Spieler wie Paolo Maldini oder Oliver Kahn Seltenheit geworden. Akteure, die Jahrzehnte für nur einen Verein gespielt haben, die in ihrer Karriere vor allem durch Vereinstreue aufgefallen sind und sich in die Herzen des Publikums gespielt haben. Spieler wie Charly Körbel, der 713 Mal die Schuhe für Eintracht Frankfurt schnürte. Oder Michael Zorc, der 571 Pflichtspiele für Borussia Dortmund absolvierte. Moderne Beispiele wären etwa Thomas Müller oder Marcel Schmelzer. Eine Kategorie Spieler, die in der Fankurve sicherlich Vereinsikone genannt wird. Eine Kategorie, zu der niemand Lars Bender zählen würde. Völlig zu Unrecht.

Denn Lars Bender ist nicht nur Kapitän von Bayer Leverkusen, er steht auch bereits seit 2009 in Diensten der Werkself und mit 322 Pflichtspiel-Einsätzen auf Platz neun der ewigen Rekordspieler-Rangliste der Leverkusener. Dennoch sind und waren andere Spieler im roten Trikot der Rheinländer stets deutlich präsenter als Lars Bender und sein Bruder Sven, seit 2017 ebenfalls Leverkusener. Kai Havertz, Leon Bailey und Julian Brandt sind und waren vielleicht die aufgehenden Sterne am Fußball-Himmel über dem Leverkusener Autobahnkreuz.

Um aber auf dem Feld zu glänzen, müssen sie erst mal die richtige Ausfahrt finden – und den Mannschaftsbus fahren und navigieren die Benders. Ohne sie wäre das Gebilde Bayer Leverkusen im letzten Jahrzehnt nicht konstant in der oberen Tabellenhälfte vertreten gewesen. Warum stehen die Zwillinge also in schöner Regelmäßigkeit im Schatten der zweifelsohne talentierten Offensivspieler? Nun, zum einen, weil Tore eben in der Regel deutlich spektakulärer aussehen als ein herausragendes Stellungsspiel. Und davon haben die Bender-Zwillinge mit 29 in gut 500 Bundesliga-Spielen nicht gerade viele geschossen. Zum anderen, weil die Krankenakte beider Spieler auch deutlich länger ist als die eines gewöhnlichen Profisportlers.



Karriereende wie Schürrle

Satte acht Seiten Verletzungshistorie, je vier pro Spieler, spuckt die Datenbank von Transfermarkt aus, wenn man nach den Verletzungen der beiden Defensivspieler schaut. Von grippalen Infekten über muskuläre Probleme bis hin zu Syndesmosebandrissen ist so gut wie alles dabei. Lars Bender plagen immer wieder Probleme am rechten Sprunggelenk, Sven fiel wegen einer Schambeinentzündung in seiner Dortmunder Zeit drei Monate aus. Kurzum: So wichtig beide Spieler für den Erfolg der Leverkusener auch sind, er steht stets auf wackligen Beinen. Wortwörtlich. 

„Es gibt Gedanken, ob es die letzte Saison wird, aber ich will nicht näher darauf eingehen“, sprach Lars Bender im Alter von 31 Jahren offen über ein Karriereende nach dem erfolgreichen Einzug ins Europa-League-Viertelfinale Anfang August. Ein Schritt, den sein ehemaliger Teamkollege André Schürrle bereits mit 29 Jahren unlängst beschloss. Die jüngsten Verletzungen seien „ein Stich ins Herz“ gewesen. Fußball spielen bis in die Vierziger, für beide Benders war keine realistische Option und daher verkündeten beide nun auch tatsächlich das Karriereende zum Ende der Saison, wenn die Verträge im Sommer 2021 auslaufen.

Wegen Verletzungen nicht zu Real und Co.?

Vielleicht sind die Verletzungen der Grund, warum beide überhaupt noch in Leverkusen spielen. Als beide 2008 mit dem goldenen Ball bei der U19-Europameisterschaft ausgezeichnet wurden, ein Novum in der Geschichte des Wettbewerbs, galten sie als die künftigen Lenker im deutschen Mittelfeld. Gemeinsam mit dem ein Jahr jüngeren Toni Kroos und Stuttgarts Sami Khedira schien die Zukunftsfrage im deutschen Mittelfeld geklärt. Khedira wechselte 2010 zu Real Madrid, Kroos 2014. Beide Bender-Zwillinge blieben bis zum Saisonende 2008/09 beim TSV 1860 München, anschließend wechselte Sven nach Dortmund und Lars eben nach Leverkusen. Für beide zum damaligen Zeitpunkt der richtige Karriereschritt, aber sicherlich nur ein Sprungbrett für kommende Aufgaben. Wenn wir elf Jahre vorspulen, dann ist Lars auf Profi-Level immer noch ohne Titel, Sven gewann mit dem BVB immerhin zweimal die deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal.

Zusätzlich holten beide Silber bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro, als sie neben Nils Petersen die einzigen Nicht-Junioren im Kader von Horst Hrubesch waren. Ihr ehemaliger Junioren-Nationaltrainer hatte eben nicht vergessen, wie gut die Spielübersicht und das Stellungsspiel der Zwillinge waren. Voller macht das ihren Trophäenschrank im Gegensatz zu denen von Kroos und Khedira nicht, die beide zudem 2014 Weltmeister wurden. Lars Bender stand damals im vorläufigen WM-Aufgebot, bevor er sich einen Muskel-Sehnenriss zuzog und das Turnier verletzungsbedingt verpasste.

Dennoch sind beide, sofern sie fit sind, im Team von Peter Bosz gesetzt. Mitchell Weiser, der nach überzeugenden Leistungen bei Hertha BSC nach Leverkusen kam, konnte sich auf der Rechtsverteidiger-Position bisher nicht gegen einen fitten Lars durchsetzen, der weniger verletzte Sven ist in der Innenverteidigung der Abwehrchef. Im Bosz’schen System, das auf viel Risiko im Spiel nach vorne setzt, sind die Zwillinge so etwas wie die perfekten Gegenspieler. Kein Risiko, keine unnötigen Tricksereien. Lars und Sven Bender sind auf dem Platz so etwas wie zwei Familienautos, umgeben von Sportwagen. 

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Sind Titel der richtige Gradmesser für die Bender-Zwillinge?

Und trotz all des Lobes, dass die beiden Defensivspieler für ihre ruhige und abgeklärte Art bekommen, stellt sich die Frage, ob nicht doch ein wenig mehr möglich gewesen wäre. Ob nicht Lars oder Sven Bender die Galionsfigur des deutschen Mittelfeldzentrums hätte sein können. Ob sie Seite an Seite mit Toni Kroos spielen könnten. Ob unter Experten ein Streit entbrennen würde, wer die Fäden in der Mannschaft von Joachim Löw nun ziehen soll. Es ist natürlich alles ein Gedankenspiel, in dem es keinen Gewinner geben kann. Aber irgendwie ist es auch ironisch und logisch, dass beide ausgerechnet bei dem Verein spielen, der seit 27 Jahren keinen Titel gewonnen hat. Erst in der abgelaufenen Spielzeit scheiterte die Werkself im DFB-Pokal-Finale an den Bayern und im Europa-League-Viertelfinale an Inter. Obwohl die Hoffnung groß war, dass vor allem international ein Titel herausspringen könnte.

Nun haben sie nach der Entscheidung, die Karriere zu beenden, nur noch eine Spielzeit, um die Laufbahn mit einem Profi-Titel zu krönen. Lars zumindest. Durch die Corona-Krise sind viele Vereine in eine Ausnahmesituation geraten, Bayer Leverkusen ist auch dank der Unterstützung des großen Pharmakonzerns im eigenen Rücken gut abgesichert. Die Mannschaft von Peter Bosz ist gefestigt, was bis zuletzt gar Tabellenführer in der Bundesliga.

Aber: Vielleicht sind Titel auch das falsche Werkzeug, um den Erfolg der Bender-Zwillinge zu messen. Beide Spieler mussten bereits in jungen Jahren mit viel Erwartungsdruck umgehen, zogen mit gerade einmal 20 Jahren weg aus ihrer bayerischen Heimat nach Nordrhein- Westfalen. Begleitet von einer gigantischen Erwartungshaltung. Dessen ist sich Lars Bender bewusst, über Pfiffe der eigenen Fans gegen den inzwischen nach Chelsea gewechselten Kai Havertz nach ein paar schwachen Spielen zum Jahresende 2019 sagte er dem kicker: „So etwas darf nicht sein. Man kann ihm nach ein paar unrunden Spielen nicht so eine Watsch’n mitgeben.“

Echte Vereinsikonen

Beide Spieler kennen die Situation, in der sich Havertz vor dessen Wechsel nach Engladn befand. Und es ist zu bewundern, dass beide trotz ihrer Verletzungen und Rückschläge einen Weg in die Bundesliga und in die Nationalmannschaft geschafft haben. Viele Talente knicken vor dem Druck ein oder werden durch Verletzungen zurückgeworfen, bevor sie in den Niederungen der unteren Spielklassen verschwinden, ohne sich ein zweites Standbein neben dem Fußball geschaffen zu haben. Und sie beenden ihre Karriere nicht, weil sie das möchten, aber weil sie es aufgrund ihrer Verletzungshistorie möglicherweise müssen.

Vereinsikonen werden im Laufe der Zeit oft zu harten Kämpfern glorifiziert, die leidenschaftlich und mit Herzblut alles für ihren Verein gegeben haben. Im Fall von Oliver Kahn oder Paolo Maldini mag das zu 100 Prozent zutreffen. Weil sie für ihren Verein nicht nur gespielt, sondern diesen gelebt haben. Aber vielleicht gibt es auch ungewollte Vereinsikonen. Spieler, die ungewollt in diese Position gerutscht sind. Trotzdem wird vor allem Lars Bender einer der Spieler sein, der am häufigsten für Bayer Leverkusen aufgelaufen ist.

Natürlich hat er dabei auf dem Platz immer alles gegeben, aber er hat vor allem auch erkannt, dass Leverkusen sein Platz in der Fußballwelt ist. Diesem Realismus sollte man Respekt zollen. Und da verhält es sich wie bei den Toren und dem Stellungsspiel: Natürlich bleiben Vereinsikonen eher in Erinnerung, wenn sie blutverschmiert und mit zerrissenem Trikot alles für ihren Verein geben. Aber das können sie auch, indem sie klug überlegen, wie sie ihrer Mannschaft am besten helfen können, realistisch statt emotional. Natürlich ist das in einer emotionalen Sportart manchmal schwer nachzuvollziehen.

Aber das macht vor allem Lars Bender nicht weniger zu einer Vereinsikone. Vor allem an einem Ort wie Leverkusen, der für viele junge Spieler nur ein Sprungbrett ist.

Der Artikel erschien in Ausgabe #45 im Oktober 2020 und wurde am 21. Dezember 2020 mit neuen Fakten bearbeitet.

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