Die besten Storys schreibt der Sport.

Ein Griff nach den Sternen

Ein Griff nach den Sternen

Kobe Bryant wird aus vielen Gründen immer in der Erinnerung der Sportfans bleiben. Was jedoch bei keiner Aufzählung seiner Erfolge fehlen darf, ist sein 81-Punkte-Spiel gegen die Toronto Raptors. Unser Autor hat sich die Partie noch einmal angesehen.


Es gibt so Spiele, bei denen von Beginn an etwas Besonderes in der Luft liegt: Jedes Game 7, bestimmte Derbys oder in der heutigen Zeit „das erste Wiedersehen“ eines Stars wie Kevin Durant mit seinem Ex-Team. Das vielleicht einprägsamste Beispiel der jüngeren Vergangenheit ist Game 6 der Eastern Conference Finals 2012, bei dem LeBron James mit einem Gesichtsausdruck die Halle betrat, als hätten er und Anton Chigurh aus No Country for Old Men die Berufe getauscht. Das Spiel, das Kobe Bryants Legendenstatus womöglich am meisten zementiert hat, war … nicht so ein Spiel.

Eigentlich schrie diese Partie am 22. Januar 2006 nur so nach grauem Liga-Alltag. Mit den Toronto Raptors (14:26) war ein schwaches Team im Staples Center zu Gast und entsprechend füllte sich die Halle erst während des Spiels, zumal ja auch die Los Angeles Lakers zu diesem Zeitpunkt keine Bäume ausrissen: Ihre 21:19-Bilanz klang nach Mittelmaß, ihr Kader größtenteils nicht einmal das – mit einer Ausnahme natürlich.

Entsprechend ließ es sich Comedian und Knicks-Fan Chris Rock während der Übertragung im Sideline-Interview auch nicht nehmen, Kobe Bryant hämisch als „besten Spieler in einem miesen Team“ zu bezeichnen. Wer sollte ihm widersprechen? Chris Mihm? Smush Parker? Es ist anzunehmen, dass selbst Kobe insgeheim recht ähnlich dachte. Diese Saison war der Höhepunkt des Einzelkämpfers, in der Bryant mehr Punkte erzielte als jeder Spieler seit Michael Jordan (35,4), eine Orgie des gewissenlosen Geballers, die gleichzeitig beeindruckte und frustrierte, Kobe pur. Und so verwunderte es auch nicht, dass ihr größter Moment sich im Januar ereignete und nicht wie zumeist in den Playoffs im Frühjahr. Ein großer Moment war es trotzdem, ohne Zweifel. Selbst wenn man über die Bedeutung noch heute, nach seinem tragischen Tod, nach Kräften debattieren kann.



1. Viertel, 9:49 auf der Uhr: Layup K. Bryant, 5:5

Fast schon komatös wirken die Lakers in den ersten Minuten, auch das Publikum ist nicht zu hören. Das ändert sich, als Bryant erstmals die Angelegenheit in seine Hand nimmt, mit einem blitzschnellen ersten Schritt an Morris Peterson vorbeizieht und unbedrängt mit einem Reverse-Layup abschließt – sein erstes Field Goal des Spiels ist direkt eins der einfachsten. Aus heutiger Perspektive lässt sich der Gedanke kaum ausblenden, wie viel leichter die Lakers es Kobe hätten machen können, wenn sie nicht in Phil Jacksons legendärer Triangle Offense, sondern mit einem etwas moderneren System gespielt hätten. Gegen Toronto starteten sie mit Bryant, Parker, Mihm, Lamar Odom und Kwame Brown – de facto ohne einen einzigen überdurchschnittlichen Distanzschützen, der Kobe etwas Platz für seinen Drive verschafft hätte, dafür aber mit zwei traditionellen Big Men, die die Zone verstopften.

Nicht dass Kobe sich daran gestört hätte; das Verbot von Handchecking war ihm bereits Vorteil genug, diesen Bonus hatte ein Jordan schließlich nicht gehabt. Der hohe Schwierigkeitsgrad bei seinen meisten Würfen schien ihn auch nie zu stören, im Gegenteil eher anzustacheln – war dies doch eine weitere Gelegenheit, um zu zeigen, wie viel besser er war, wie viel mehr er sich vorbereitet hatte. Zwei Verteidiger? Drei Verteidiger? Immer her damit! „Geht nicht, gibt’s nicht“ dient auch als freie Übersetzung der Mamba Mentality.



1. Viertel, 0:05 auf der Uhr: 2/2 Freiwürfe J. Calderón, 36:27 Raptors

Wie präsent sind die Lakers in diesem ersten Viertel defensiv? Ein Indiz: 5 Sekunden vor der Viertelpause begeht Odom das erste Foul seines Teams überhaupt. Die Raptors sind offensiv voll im Rhythmus, treffen vier Dreier (damals fast schon unerhört viel), weil sie keinen Druck spüren – außerdem kommt Rookie Charlie Villanueva von der Bank und erzielt am Korb 10 Punkte, beinahe ohne Gegenwehr. Point Guard Mike James steht derweil bei 11 Punkten und 6 Assists. Und Kobe? 14 Punkte sind es nach dem ersten Durchgang, on fire ist er aber nicht direkt. Er trifft fünf seiner zehn Würfe, muss aber für fast jeden Zähler hart arbeiten. Entsprechend verdient ist die gewohnte Pause zu Beginn des zweiten Durchgangs, die Bryant nun nimmt. Es soll seine letzte bleiben.

2. Viertel, 6:00 auf der Uhr: K. Bryant checkt ein für L. Odom, 44:32 Raptors

Sechs volle Minuten schaut sich Bryant von der Bank aus an, wie die Lakers ohne ihn von einer Verlegenheit in die nächste stolpern. Ein Dreier des unvergessenen Saša Vujačić sind die einzigen Punkte für Lila-Gold in diesem Abschnitt, wann immer Bryant auf der Bank sitzend eingeblendet wird, deutet sein Blick eine ganz eigenartige Mischung aus Distanz, Ekel und leichtem Amüsement an, Interaktion zwischen ihm und seinen Mitspielern sieht man überhaupt nicht. Eine imaginäre Denkblase über seinem Kopf ließe sich wohl wie folgt beschriften: „Dann muss ich das wohl selber regeln…“ Mal wieder. Die Lakers im Jahr 2005/06 sind eigentlich ein Team, das nichts mit dem Playoff-Kampf oder einer positiven Bilanz zu tun haben sollte.

Bryants mit Abstand bester Mitspieler ist Odom, der im Sommer 2004 als Teil des Shaquille-O’Neal-Trades nach L.A. kam, allerdings auch nie ein All-Star war. Mit seiner Privatfehde mit Shaq ist Kobe keineswegs unschuldig daran, dass der Kader so unbewaffnet daherkommt, die Folge ist jedoch offensichtlich: Die Lakers erzielen auf 100 Ballbesitze gerechnet fast genau 19 Punkte mehr, wenn der Mann mit der Nr. 8 auf dem Court steht. Noch ist Bryant aber nicht an dem Punkt, an dem er Trades von Mitspielern oder sich selbst fordert, den er bis Anfang 2008 aber noch mehrfach erreichen sollte. Noch nimmt er die Herausforderung immer wieder an, ein unterdurchschnittliches Team zu einem guten zu machen, ganz egal, wie oft er dafür als Egozocker oder dergleichen kritisiert wird. An diesem Tag ist es erst gut einen Monat her, dass er in drei Vierteln allein mehr Punkte erzielte als die Dallas Mavericks (62:61); damals konnte er sich danach auf die Bank setzen, weil das Spiel bereits zugunsten seines Teams entschieden war. Das sollte gegen Toronto nicht passieren.

2. Viertel, 0:56 auf der Uhr: 1/2 Freiwürfe K. Bryant, 58:45 Raptors

Das muss ein Fehler sein: 62 Freiwürfe am Stück hatte Bryant getroffen, ein Rekord für die ruhmreichste Franchise der NBA. Nicht vieles symbolisierte Kobes ständigen Konflikt mit Shaq so sehr wie dessen Schwächen von der Freiwurflinie, die für Bryant ein klares Zeichen für dessen Weigerung waren, die nötige Arbeit zu leisten – der eine Vorwurf, den man dem besessenen Bryant niemals machen konnte. Doch nun ist die Serie vorbei…

… macht aber nichts! Der Ball springt komisch ab, Bryant stürzt sich ins Getümmel und bekommt den Offensiv-Rebound. Links neben der Freiwurflinie wird er von zwei Verteidigern gestellt und muss sein Dribbling aufnehmen, per Sternschritt windet er sich jedoch durch sie Richtung Korb und wird im Vorwärtsfallen einen Wurf los, der übers Brett in den Korb fällt. So wie Kobe hinterhergeht, hätte er andernfalls auch diesen Abpraller bekommen. 28 Field Goals versenkt Kobe an diesem Tag – dieser Umstand fasst den Spieler vielleicht am besten zusammen. Einerseits, weil Bryant im besten Sinne gewissenlos agiert: Fehlwürfe belangen ihn überhaupt nicht, Ladehemmung ist kein Kobe-Problem. Das hier ist der Spieler, der schon als 18-jähriger Rookie in den Playoffs mehrere Airballs warf und trotzdem nie an sich zweifelte. Sein Wille, aber auch sein Glauben an sich selbst waren und sind unerschütterlich.

Wahrscheinlich ist das der Hauptgrund, warum er so eindeutig der beliebteste Spieler seiner Generation war, derjenige, dem die meisten Jüngeren nacheifern wollten. Andererseits offenbart der Wurf Bryants unheimliche Kreativität in der Situation und seine Fundamentals, gerade letzteres eine unterschätzte Qualität, die doch eminent wichtig für seinen Erfolg war. Bryant kannte jeden Winkel, um beispielsweise das Brett zu nutzen, seine Fußarbeit war über Jahre die wohl beste der gesamten Liga, speziell unter Flügelspielern. Die Athletik und das Talent waren in gewisser Weise naturgegeben, aber Bryant wäre nicht Bryant geworden, wenn er nicht diese technische Perfektion von sich selbst verlangt hätte. Nebenbei: Nach Bryants Einwechslung gehen 12 von 17 Lakers-Punkten auf sein Konto, 26 sind es zur Pause. Die Lakers laufen nach wie vor einer 14-Punkte-Hypothek hinterher.



3. Viertel, 5:48 auf der Uhr: Freiwurf K. Bryant, 77:68 Raptors 

Zum ersten Mal in dieser Partie ist Bryant richtig heiß – so albern das klingt, nach 26 Punkten in Halbzeit eins. Doch es gibt unterschiedliche Stufen, und nun ist Kobe endgültig in der Zone: 15 der ersten 16 Lakers-Punkte in diesem Viertel hat er bereits erzielt, nur unterbrochen durch einen Odom-Freiwurf. Der Kobe-Klassiker schlechthin kommt aber jetzt erst. Gegen den bemitleidenswerten Peterson dribbelt Bryant von der Dreierlinie Richtung Grundlinie, muss dort aber sein Dribbling aufnehmen.

Pumpfake 1, Pumpfake 2, dann hat er seinen Verteidiger in der Luft – und trifft aus halber Drehung einen Mitteldistanzwurf, den vor allem heutzutage jeder Head Coach seinen Spielern verbieten würde, weil er so schwierig, so unwahrscheinlich ist. Bryant nimmt dabei jedoch sogar noch Kontakt an, macht ein And-1 daraus. Das Momentum schwingt ausschließlich dank ihm so langsam auf die Seite der Lakers, die Halle ist aufgewacht. „It’s gonna be one of those nights, huh?“, fragt Bill Macdonald, der das Spiel für FSN West kommentiert. Es sieht ganz danach aus.

3. Viertel, 1:11 auf der Uhr, Dunk K. Bryant, 87:85 Lakers

Die Raptors wissen in diesem Viertel gar nicht, wie ihnen geschieht, so schnell wird das Team um Jungstar Chris Bosh nun überrannt. Angestachelt von Bryants offensivem Feuerwerk sind die Lakers nun auch defensiv endlich präsent, forcieren teils mit Ganzfeldpresse einen Ballverlust nach dem anderen und robben sich ran. Bryant und Parker zwingen James gemeinsam zu einem weiteren Turnover, Kobe sprintet allein weg und stopft den Ball zur ersten Führung seit dem 3:2 in den Korb. Erstmals sieht man eine Interaktion mit dem Publikum, als Bryant zurückläuft und in Richtung Tribüne gestikuliert; nun sind es 51 Punkte. Diese Marke knackt er in seiner Karriere 26 Mal, sechsmal allein in dieser denkwürdigen Saison. Etwas mehr als ein Viertel ist aber ja noch zu spielen. 

Allzu viel kommt von den Raptors nicht mehr: Defensiv haben sie alles versucht, gedoppelt, die Zone ausgepackt (und schnell wieder verworfen), Peterson durch Jalen Rose und andere ersetzt, es hilft nichts: Sie haben nicht das Personal, um Bryant in diesem Modus noch irgendwie zu beeinträchtigen. Es gibt zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht viele Verteidiger in der Liga, die Kobe beschäftigen können, Toronto ist aber generell kein gutes Defensiv-Team. Das holt die Raptors nun ein.

Es ist paradox: Im ersten Aufeinandertreffen beider Teams in dieser Saison erzielt Bryant bloß 11 Punkte, ein Saison-Tiefstwert. Die Lakers gewinnen deutlich, trotzdem scheint sich Kobe eine Notiz gemacht zu haben. Bereits sechs Minuten vor Schluss sind es beim „Rückspiel“ 64, sein Karrierebestwert von 62 (aus besagtem Mavs-Spiel) ist schon übertroffen. Eigentlich ist auch das Spiel bereits entschieden, aber warum sollte man noch eine Hintertür offenlassen?

„Sagt Dirk, er ist der Größte“

„Sagt Dirk, er ist der Größte“

Die Welt verneigt sich vor ihm, doch Dirk Nowitzki ist sein Heldenstatus suspekt. Schriftsteller Thomas Pletzinger hatte die Legende einen Sommer lang begleitet. Für SOCRATES schrieb er seine Beobachtungen auf.



4. Viertel, 4:25 auf der Uhr, Jumpshot K. Bryant, 113:96 Lakers

Sechs der besten acht NBA-Scorer der Geschichte haben für mindestens eine Saison das Trikot der Lakers getragen (Michael Jordan und Dirk Nowitzki sind die einzigen Ausnahmen). In diesem Moment ist es jedoch Bryant mit seinen 27 Jahren, der den neuen Rekord für Punkte in einem Spiel dieser Franchise aufstellt, als er seine Punkte 71 und 72 erzielt und damit Elgin Baylors alte Bestmarke überholt. Satt ist er jedoch immer noch nicht. Jackson ist sich dessen bewusst und unternimmt zumindest keinen sichtbaren Versuch, seinen Schützling vom Court zu nehmen, wie es bei so deutlichem Spielverlauf meist üblich ist. Er hat verstanden, wie dieser besondere Spieler tickt, wenn auch nicht von Beginn an. 

Die Beziehung zwischen Bryant und dem Zen-Meister ist das womöglich größte Faszinosum einer unglaublichen Karriere. Beide gewannen von 2000 bis 2002 drei Titel in Folge, beide gingen 2004 aber nicht im Guten auseinander. In Jacksons 2004 erschienenen Buch The Last Season: A Team in Search of Its Soul warf er Bryant auf erschreckende Weise vor den Bus, bezeichnete diesen nicht nur als „uncoachable“ und selbstsüchtig, sondern behauptete auch, der im Sommer 2003 in Colorado erhobene Vorwurf einer Vergewaltigung habe ihn zwar überrascht, aber „nicht vollständig“, weil Kobe auch ihm gegenüber öfters überraschende Wut demonstriert habe.

Lediglich ein Jahr später saß Jackson erneut auf der Lakers-Bank und arbeitete erneut mit Bryant zusammen, mit Jahr für Jahr zunehmendem Erfolg. 2017 sagte Bryant, dass er bei seiner Aufnahme in die Hall of Fame entweder von Jordan oder Jackson aufgerufen werden wolle. Er wurde ein Mentor und Vertrauter Bryants, wenn auch auf kaum fassbare Umwege. „Kobe war ein Auserwählter – besonders auf viele Arten und vielen Personen gegenüber. Unsere Beziehung zwischen Coach und Spieler transzendierte die Norm“, sagte Jackson nach dem Tode Bryants 2020 bei Bleacher/Report.

 4. Viertel, 0:04 auf der Uhr: D. Green checkt ein für K. Bryant, 122:104 Lakers

An der Freiwurflinie macht Bryant „alles klar“, will sagen: Für Wilt Chamberlains 100 Punkte reicht es nicht, aber 43 Sekunden vor Schluss erzielt er seine Punkte 80 und 81, womit er den zweithöchsten Scoring-Output der Geschichte in einem Spiel sicherstellt. Bis heute ist kein Spieler näher als auf 11 Punkte herangekommen. 4 Sekunden vor Schluss nimmt Jackson Bryant dann für Devin Green raus, einen Spieler, dessen NBA-Karriere aus 27 Kurzeinsätzen in dieser Saison bestehen sollte. Das Staples Center weiß zwar noch immer nicht so recht, was soeben passiert ist, verabschiedet seinen großen Alleinunterhalter aber gebührend mit Standing Ovations, „Kobe! Kobe!“- und „MVP! MVP“-Rufen.

Der ultimative Beweis wurde erbracht, dass es mit Bryant keinen grauen Liga-Alltag geben musste. Die Möglichkeit, dass etwas Unglaubliches geschieht, sei es eine Szene oder auch ein ganzes Spiel, war immer irgendwie da. Bryant geht vom Feld, lässt die Umarmungen seiner Mitspieler über sich ergehen, hebt seinen rechten Zeigefinger in die Luft. Dabei hatte er bereits über 41:56 Minuten nach den Sternen gegriffen.

Auf allen Endgeräten verfügbar: Das Socrates-ePaper

Hol dir die neue Ausagbe mit Boateng, Podolski und Co.

Diese Website verwendet Cookies – nähere Informationen dazu und zu Ihren Rechten als Benutzer finden Sie in unserer Datenschutzerklärung am Ende der Seite. Klicken Sie auf „Ich stimme zu“, um Cookies zu akzeptieren und direkt unsere Website besuchen zu können.

Weitere Informationen OK