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Kenan Kocak im Interview: „Ich bin kein Träumer!“

Kenan Kocak im Interview: „Ich bin kein Träumer!“

Kenan Kocak gehört mit 38 Jahren zu der jungen Trainergeneration Deutschlands. Ein einfaches Leben hatte der neue Trainer von Hannover 96 aber nie. Ein Gespräch über Träume und Arbeit.


Kenan Kocak, können Sie sich daran erinnern, wovon Sie als Kind geträumt haben?

Es war der Traum einer großen Fußballerkarriere. Ein Traum, der meine Kindheit getragen und geprägt hat.

Wer waren Sie auf dem Bolzplatz?

Diego Maradona war ein großes Thema in meiner Kindheit. Ronaldo oder Zinédine Zidane später ebenfalls. Aber auch Lothar Matthäus war ein Spieler, zu dem man aufgeschaut und versucht hat, Dinge zu machen, so wie er sie tat. Das waren besondere Spieler.

Sie sind in Kayseri, in der Türkei, geboren, kamen aber schon als Zweijähriger nach Deutschland. Wie kam es dazu?

Mein Opa war schon als Gastarbeiter in Deutschland. Und so wie es damals war, kamen die Familienangehörigen peu à peu nach. Erst mein Onkel, dann mein Vater, der meine Mutter und mich nachgeholt hat. Ich war noch sehr klein, habe von alldem nichts mitbekommen. Ich hatte keine Kindheit, in der ich mich neu integrieren musste. Ich begann dann in der F Jugend mit dem Fußballspielen.

Das ist die Altersgruppe der 7- bis 8-Jährigen.

Richtig. Ich wurde bei Phoenix Mannheim angemeldet, weil der Verein gleich in der Nähe unserer damaligen Wohnung war. Ich war schon immer sehr ehrgeizig, ich wollte meinen Traum erfüllen und habe viel investiert, um den Sprung zu schaffen.

Oliver Kahn hat mal bei SOCRATES gesagt, dass er auf dem Weg zum Erfolg deutlich mehr Emotionen verspürte als beim erreichten Erfolg selbst. Wie war es bei Ihnen, als Sie Fußballer wurden?

Ich hatte natürlich nicht die große Karriere eines Oliver Kahn, sodass ich das vergleichen könnte, aber als mich damals Uwe Rapolder zum ersten Mal zum Training der ersten Mannschaft eingeladen hat, war das für mich ein Highlight. Da habe ich registriert: „Hey Kenan, was läuft denn da?“ Ich bin stolz darauf, behaupten zu können, dass ich mein Ziel habe. Aber eine Woche nach meinem ersten Profivertrag lernte ich die negativen# Seiten des Profilebens kennen.

Sie haben Ihren ersten Kreuzbandriss erlitten.

Das war 1998. Die Medizin war noch nicht so fortgeschritten wie heute. Das war natürlich ein großes Handicap, wenn man als junger Profi so zurückgeworfen wird. Mir blieb letztlich die große Karriere aufgrund einiger Verletzungen und auch vieler falscher Entscheidungen verwehrt.

Sie mussten nach dem zweiten Kreuzbandriss Ihre aktive Karriere beenden. Entstehen da Existenzängste, weil Sie nichts anderes außer Fußball hatten?

Ich habe keine Angst vor Sachen, die ich sehen kann. Auch nicht vor etwas, das kommen kann.

Demnach konnten Sie das Karriereende auch einfacher verarbeiten?

Es war ja leider nicht so, dass bis zu meinem 27. Lebensjahr alles glatt gelaufen ist. Ich war oft verletzt, hatte viele Ausfallzeiten. Durch die vielen Rückschl.ge konnte ich mich darauf vorbereiten. Natürlich war ich im ersten Moment enttäuscht, aber mir blieb ja keine andere Wahl, als die Situation anzunehmen. Ich habe versucht, das Beste daraus zu machen.

Wie lange haben Sie gebraucht, entscheiden zu können, was Sie danach machen wollen?

Fußballer denken selten darüber nach, was danach kommen könnte. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass mir der Trainerjob Spaß macht und dass ich mich in diese Richtung entwickeln möchte.

Sie haben direkt nach Ihrem Karriereende aber erst einmal bei der Stadt Mannheim ein Projekt mit schwer erziehbaren Jugendlichen geleitet und versucht, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Hat sich Ihr eigenes Unglück relativiert, als Sie diese jungen Menschen gesehen haben?

Ich bin ein großer Verfechter von Bescheidenheit und Demut. Grundsätzlich müssen wir, die mit Fußball ihren Lebensunterhalt verdienen, wissen, dass wir einen privilegierten Beruf haben und auf einem hohen Niveau jammern. Wenn man sieht, welche sozialen Fälle und Probleme es gibt, sollten wir dankbar sein, dass wir von diesen Dingen verschont geblieben sind.

Hilft Ihnen die Erfahrung von damals in Ihrem Trainerjob?

Menschenführung ist ein schwieriges Thema. Es ist schwer zu lernen, denn es liegt im Naturell und im Charakter eines Menschen, wie er Führungsaufgaben und Positionen definiert und ausführt.

Menschenführung war auch ein Teil des Unterrichts in der DFB-Trainerausbildung. Sie gehörten 2015/16 zum auserwählten Kreis der 25 Trainer, die teilnehmen durften. Sie kamen mit einer anderen Lebensgeschichte als die übrigen Teilnehmer. Haben Sie das gespürt?

Schon. Der Kurs war voller Trainer aus den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten, mit Domenico Tedesco oder Julian Nagelsmann waren Trainer dabei, die heute bundesweit bekannt sind. Da waren Teilnehmer dabei, die ein abgeschlossenes Studium hatten. Sie kamen direkt von der Uni und taten sich leichter. Ich musste erst einmal das Lernen lernen.

Inwiefern?

Ich musste erst einmal wieder herausfinden, welche Optionen es beim Lernen gibt, herausfinden, was für ein Lerntyp ich bin. Ich musste mich regelrecht reinkämpfen. Mithilfe der Dozenten, aber auch der anderen Teilnehmer, ist mir das aber gelungen. Es gab keine Ausgrenzung.

Und Sie konnten sich nicht einmal aufs Lernen konzentrieren. Sie waren Trainer bei Waldhof Mannheim, mussten im Zuge der Ausbildung auch eine Hospitanz beim SV Darmstadt 98 machen...

...und ich war noch Sportlicher Leiter bei Waldhof – als einzig hauptamtlicher Angestellter.

Wie haben Sie das durchgehalten?

Es war eine große Verantwortung. Waldhof ist ein großer Traditionsverein, der versucht, in den Profifußball zurückzukommen. Es war eine sehr intensive Zeit. Der Dank gilt meiner damaligen Mannschaft, dem Trainerteam, den Führungsspielern um Hanno Balitsch oder Michael Fink, die mir das Leben einfach gemacht haben. Wir haben das gemeinsam geschafft.

Hat Sie der Traum, es als Profitrainer zu schaffen, – salopp gesagt – am Leben gehalten?

Ich bin kein Träumer. Es bringt mir nichts, davon zu träumen, in ein paar Jahren irgendwo sein zu wollen oder sein zu müssen. Die wichtigste Zeit ist die Gegenwart. Ich versuche, das Beste aus ihr herauszuholen und zu arbeiten, dass gewisse Dinge passieren. Träume machen nur Sinn, wenn man täglich an ihnen arbeitet.

Ihr Name wurde immer wieder mit Bundesliga gehandelt. Wie reagieren die Kinder? Schreien sie: „Papa, schau mal, Stuttgart will dich haben. Wann unterschreibst du?“

Meine Kinder sind noch zu klein, um das zu registrieren, daher bleiben mir diese Situationen zum Glück noch erspart, aber das kann sich mit der Zeit ja noch ändern (lacht).

Was ist Ihre Maxime als Trainer?

Meine Aufgabe als Trainer ist es nicht, mich selbst in den Vordergrund zu stellen, sondern die Mannschaft. Ich bin ein Teil des Klubs. Ich möchte, dass meine Spieler eines Tages über mich sagen, dass ich sie inhaltlich, aber auch persönlich weitergebracht habe. Das ist meine Maxime. Ich weiß, dass ich sehr fordernd bin, aber ich unterstütze meine Spieler auch.

Dann ist es eine große Freude für Sie, wenn Ihr früherer Spieler Denis Linsmayer vom SV Sandhausen sagt, dass er seit Ihrer Ankunft ein besserer Fußballer geworden ist...

Das liegt vor allem erst einmal daran, dass Denis hervorragend arbeitet und selbst diesen Weg geht. Ich kann meinen Spielern meine Hilfe anbieten, meine Ideen weitergeben und Ihnen die Tür öffnen. Sie müssen durch diese Tür gehen.

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