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Nagelsmann-Interview: „Tuchel war anstregend“

Nagelsmann-Interview: „Tuchel war anstregend“

Julian Nagelsmann (32) ist immer noch ein Youngster in seinem Beruf. Dennoch macht er sich Gedanken um das Ende seiner Karriere als Fußballtrainer. SOCRATES erzählt er von seinen Prinzipien und nennt seine Insipirationsquellen.


 

Herr Nagelsmann, Sie waren unser Gesprächspartner im allerersten SOCRATES-Heft. Damals, 2016, waren Sie als Bundesligatrainer ein Frischling und sprachen vom Zauber des Fußballs, der nie verfliegen würde. Jetzt sind Sie gut dreieinhalb Jahre im Geschäft und wir fragen Sie in der 39. Ausgabe (Das Interview erschien in Ausgabe#39 / Hier nachbestellen) unseres Magazins: Ist dem immer noch so?

Absolut. Ich habe tagtäglich enorm viel Spaß im Job und hoffe, dieser Zauber wird nie verschwinden. Dieser Beruf bringt enorm viel mit. Nichtsdestotrotz habe ich nicht vor, Trainer zu bleiben, bis ich 70 bin. Im Normalfall beginnt ein Trainer in diesem Job mit 40 und bleibt 30 Jahre dabei. Dann ist er 70. Ich selbst habe mit 20 angefangen, wäre nach 30 Jahren also 50. Der Job ist sehr aufreibend, anstrengend und anspruchsvoll, aber der Hauptgrund, warum ich nicht mein ganzes Leben Trainer bleiben werde, liegt darin, dass mich so viele Dinge im Leben einfach begeistern.

Welche?

Ich bin sehr sportbegeistert. Ich bin gern im Wasser, in den Bergen. Als Trainer hat man sehr wenig Freizeit; das gilt auch für den Sommer, weil man sich ständig mit dem Transfermarkt beschäftigt. Und man hat kaum Zeit für die Familie. Richtige Ruhephasen gibt es nicht. Mountainbike fahren kann man zwar noch mit 60, aber es ist schwieriger als mit 45. Bei allen Planungen müssen aber natürlich auch gewisse finanzielle Voraussetzungen gegeben sein. Ich werde mich aber auch danach nicht zur Ruhe setzen. Ich bin nun wirklich nicht der Typ, der zu Hause rumliegt und nichts mehr macht. So sehr der Fußball meine Leidenschaft ist – irgendwann einmal würde ich schon gern raus aus diesem Kreislauf, dem ich seit meinem vierzehnten Lebensjahr angehöre.

Diesem Kreislauf schlossen Sie sich nicht mit dem Ziel an, Trainer zu werden.

Erst wollte ich Profi werden, das war mein vorrangiges Ziel, aber aufgrund verschiedener Verletzungen war es irgendwann nicht mehr möglich. Dann wollte ich eigentlich nicht Trainer werden, sondern eher einen anderen Berufsweg einschlagen. Eher durch Zufall bin ich schließlich in die Trainer-Branche gerutscht, zu Beginn im Jugendbereich, was mir schnell Spaß bereitet hat. Als ich fest drin war und mich voll auf diesen Job fokussieren konnte und parallel kein Studium oder Schule hatte, wurde mir relativ schnell klar, dass dieser Beruf und mein Charakter gut zusammenpassen würden.

Welche Einflüsse haben Sie geprägt, wie hat sich Ihr Stil herausgebildet?

Ich fand die Ära Pep Guardiola beim FC Barcelona prägend. Ich war damals noch ein sehr junger Trainer, der gerade erst in das Business reingerutscht war. Es war immer interessant, ihm zuzusehen und ihn zu analysieren. Das extrem dominante Spiel, das Barça und später der FC Bayern unter ihm spielten mit dieser Kombination aus Gegenpressing, Vorwärtsverteidigen und trotzdem Ballbesitz, gibt es in dieser Perfektion nur sehr selten. Dazu kamen eigene Erfahrungen und gewisse Ideologien, mit denen ich mich identifizieren konnte, wie etwa Hoffenheims Spielweise unter Ralf Rangnick. Mein Credo ist Spaß an dem zu haben, was ich mache. Deswegen muss die Art und Weise von Fußball, die ich zu vermitteln versuche, mir auch Freude bringen – sonst würde ich sie nicht lehren wollen. 

Noch eine Quelle der Inspiration? 

Thomas Tuchel und die Art und Weise, wie er über Fußball denkt. Ich hatte ihn ja in Augsburg als Trainer und er war anstrengend, sehr fordernd.

Ist der Trainer-Job eine Art Passion für Sie?

Das muss er sein, weil er sehr zeitaufwendig ist. Es gibt viele extrem schöne Momente und andere, die nicht so schön sind. Aber es muss Leidenschaft vorhanden sein wie bei jedem Menschen, der seinen Job gut machen will. Bei mir ist es nicht anders.

Wie würden Sie Ihre Fußball-Philosophie in Worten beschreiben?

Spielkontrolle durch Ballbesitz und Tempowechsel, Balleroberung ohne Zweikampf. Daraus resultiert ein Matchplan.

Welche Rolle spielt er in Ihrer täglichen Arbeit? 

Der Matchplan hat ein wenig an Bedeutung verloren, weil er während des Spiels immer wieder angepasst werden muss. Vor drei Jahren hat man beispielsweise einen Plan zur Vorbereitung auf den Gegner gemacht und konnte ihn das ganze Spiel durchziehen. Heute ist es so, dass man etwas vorbereitet, was überwiegend dazu dient, ein gutes Bild vom Gegner zu haben und den Jungs die ideale Konstellation mit auf den Weg zu geben. Einen Matchplan aber, der sicher gültig ist, gibt es einfach nicht in absoluter Zuverlässigkeit. Man muss immer auf verschiedene Grundordnungen vorbereitet sein, auf unterschiedliche Zahlenverhältnisse. Der Matchplan, den man dann hat, ist eher ein allgemeiner, zum Beispiel in der ersten Linie Überzahl zu haben.

 

Wie bedeutsam sind Systemwechsel oder Umstellungen während des laufenden Spiels?

 

Es ist wichtig, Prinzipien zu haben, die immer gelten, egal in welcher Ordnung man spielt.

Die Handlungsanweisung in den einzelnen Räumen ist immer identisch. Genauso wie das, was wir mit dem Ball machen wollen. Das gilt ebenso für die Defensive. Diese Anpassung der Grundordnung dient dazu, dass man ein bisschen besseren Zugriff hat, dass gewisse Pressing-Wege kürzer werden, um leichter Überzahl zu schaffen. Deswegen spielt man ein bisschen mit der Anordnung, mit den Zahlen – was dann meist höher gehängt wird, als es tatsächlich ist. Es geht einfach darum, seine Philosophie und seine Idee von Fußball durch eine geometrische Anordnung auf dem Feld besser auf den Platz zu bekommen, als wenn man immer das komplett Gleiche spielen würde.

Wie gelingt es Ihnen, kreativ in der täglichen Arbeit zu bleiben und zu vermeiden, dass Langeweile bei Ihren Spielern aufkommt?

Es gibt immer mal wieder gewisse Sachen, die sich wiederholen, aber grundsätzlich finde ich es nicht kompliziert, weil wir eine gute Struktur in der Trainingsplanung haben. Wir wissen, wo wir am Ende der Woche stehen wollen und welche Schwerpunkte im Verlauf einer Woche einstudiert werden sollen.

Nennen Sie uns eine Trainingsform. 

Ein Spiel im letzten Drittel des Feldes mit dem Ziel, Torchancen herauszuspielen. Dieses Ziel kann man auf tausend verschiedene Arten und Weisen erreichen: über das Zentrum oder den Flügel, im Eins-gegen-eins, Zwei-gegen-eins oder Drei-gegen-zwei, etc. Dementsprechend gibt es auch tausend Übungen. Als Trainer geht es darum, sich eine Übung zu überlegen – die kann man mit Provokationsregeln, mit Felder-Regeln, der Spieler Anzahl, mit Farben ein bisschen auf die Spitze treiben –, so dass Schwerpunkte, die man wirklich trainieren will, am Ende des Tages häufiger vorkommen als andere Dinge. Trotzdem ist es mir sehr wichtig, dass wir in einer Form alles trainieren, weil im Spiel immer alles vorkommt.

Wie schwierig ist die Steuerung, um eine Überforderung oder Überlastung der Spieler zu vermeiden?

Wenn wir eine normale Woche haben, also ohne Champions League oder DFB-Pokal auf dem Spielplan, sorgen wir dafür, dass wir auch mal keine wirklichen Schwerpunkte in den Trainingseinheiten haben. Wir gestalten die Einheiten dann so, dass die Jungs runterfahren und regenerieren können, etwa mit Fußball-Tennis. Die körperliche Belastung muss zur taktischen Arbeit passen. Wenn beides hoch ist, führt das zum Zusammenbruch des Konstrukts. Wenn die körperliche Beanspruchung nicht so hoch ist, können die taktischen Inhalte mehr und entsprechend komplexer sein. Man kann vier Minuten lang Vier-gegen-vier spielen, ohne aber zehn Regeln reinzupacken, weil die Jungs am körperlichen Limit sind.

Kevin-Prince Boateng: "Mit meinem Bruder zur Hertha"

Kevin-Prince Boateng: "Mit meinem Bruder zur Hertha"

Kevin-Prince Boateng ist viel herumgekommen. Aber inzwischen ist er auch angekommen. Bei sich selbst, bei seiner Reife. Im YouTube-Interview mit SOCRATES spricht Boateng, der derzeit bei Besiktas in der Türkei spielt, über einen Reifeprozess. Er war genervt, sagt aber auch: Heute nerve ich.

Wie stehen Sie zu Videositzungen?

Diese sind in meinen Augen vor allem in der Nachbesprechung das Wichtigste, weil die Spieler sofort nach dem Abpfiff sehen können, was gut und was weniger gut war. Esist die einzige Zeit, in der sie wirklich etwas lernen. Dieses Feedback nach dem Spiel ist der wichtigste Job eines Trainers, weil man da ins Detail geht, die Spieler sich selbst sehen und noch fokussiert sind. In einer Hochbelastungsphase mit Bundesliga und Champions League muss man versuchen, es immer wieder und effizient zu machen, auch mit weniger Szenen.

Wie empfänglich sind Sie für taktische Ideen Ihrer Spieler?

Es ist wichtig, im permanenten Austausch zu sein. Das beste Beispiel lieferte die Halbzeitpause im Spiel gegen Bayern in dieser Saison, als wir nach enttäuschenden ersten 45 Minuten umstellen mussten, um eine Reaktion zu zeigen. Die Spieler sind neugierig und wollen weiterkommen, so dass sie immer wieder Fragen zum System stellen, etwa zur Raumaufteilung.

Daniel Baier vom FC Augsburg sagt bei SOCRATES über die heutige Spielergeneration, die sehr fokussiert auf individuelle Interessen und Selbstvermarktung sei. Was sagen Sie als Trainer dazu und inwiefern ist man heutzutage den Spielern ausgeliefert?

Es bedarf einer hohen Sozialkompetenz. Man muss verstehen, wie sich die jungen Spieler verhalten und wie sie ticken. Heute haben sie mehr den Anspruch als vor zehn Jahren, eine eigene Marke zu werden. Dazu gehören Social Media, die Berater und zum Beispiel Modehersteller. Es geht darum, sich zu vermarkten. Diese Entwicklung und diese Bedürfnisse der Spieler, die ich gar nicht negativ bewerten will, sondern die auch Resultat der gesellschaftlichen Entwicklung sind, muss man mit dem in Einklang bringen, was sie auf dem Platz leisten und umsetzen müssen. Sich in die Situation der Spieler hineinzuversetzen, ist eine Gabe, die man als Trainer braucht, sonst wird es schwer, sich in dieser Welt zu behaupten. Die Spieler denken erst mal an sich. Das ist ja auch menschlich. Durch inhaltliche Arbeit kann man versuchen, sie davon zu überzeugen, dass sie sich verbessern können.

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