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Die magischen Nächte von Cadiz

Die magischen Nächte von Cadiz

Jorge „Mágico“ González gilt als einer der kreativsten Fußballer aller Zeiten. Übertroffen wurde sein Talent am Ball nur noch von seiner Fähigkeit, die Nacht zum Tag zu machen. Porträt des größten Kickers, von dem Sie noch nie etwas gehört haben.


Im Sommer 1984 geht der FC Barcelona auf große Reise. Auf einer Tour durch die USA soll die Mannschaft von César Luis Menotti Wettkampfpraxis für die kommende Saison und ein paar Peseten Antrittsgage sammeln. Der Kader des Argentiniers ist mit klanghaften Namen bestückt: die Stürmer Pichi Alonso und Quini. Mittelfeldlenker Bernd Schuster, „der blonde Engel“. Und natürlich der spektakulärste Fußballer seiner Zeit: Diego Armando Maradona.

Noch hat der Wunderjunge seinen Zenit nicht erreicht, noch haben ihn die Drogen und der Ruhm nicht zerfressen. Im Sommer 1984 gilt Maradona als das zweitgrößte Versprechen im Weltfußball. Das zweitgrößte? Nun, Trainer Menotti hat da noch einen anderen Mann mit auf die Reise in die Vereinigten Staaten genommen und dieser Kerl kann so gut kicken, dass selbst Maradona im Training seine Tricks nachzuahmen versucht – und nach eigener Aussage mehr als einmal scheitert. Jorge González heißt der Bursche, ein zu diesem Zeitpunkt 26-jähriger Offensivmann aus El Salvador, den alle Welt nur „Mágico“ nennt.

Maradona, Schuster – und der Magische aus El Salvador

Aus guten Gründen. Eigentlich spielt González für den frisch gebackenen Absteiger FC Cádiz, aber weil dieser Typ viel zu gut für die zweite Liga ist, will Menotti den hochgelobten Exzentriker jetzt einfach mal austesten. Schon schwärmen die Barça-Fans von einer Angriffsachse für die Ewigkeit: Maradona, Schuster – und der Magische aus El Salvador. Wie viel Zauber wird am Ende der US-Tour noch übrig sein? 

González kommt am 13. März 1958 in El Salvadors Hauptstadt San Salvador zur Welt. Er ist der jüngste von insgesamt acht Söhnen, früh lernt er, sich durchzusetzen. Mit zehn schleppt ihn sein Bruder José zum Training beim nahen Klub Tigres. Über ANTEL und Independiente Nacional landet der schlacksige 1,74-Meter-Mann schließlich Ende der Siebziger bei Club Deportivo FAS, holt dort in fünf Jahren dreimal die Meisterschaft und 1979 gar die CONCACAF Champions League, die Königsklasse für Teams aus Nord- und Mittelamerika.

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Der WM-Auftritt

In Lateinamerika ist González längst als „Mago“ bekannt, seine Magie versprüht der Mann mit der Nummer 11 vorrangig auf der linken Angriffsseite und dort so außergewöhnlich, dass seine Auftritte in der heutigen Zeit regelmäßig virale Begeisterungsstürme auslösen würden, damals allerdings außerhalb seines Wirkungsbereichs kaum wahrgenommen werden. Und vielleicht wäre das auch nie passiert, hätte sich der Sieben-Millionen-Staat El Salvador nicht sensationell für die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien qualifiziert. Im entscheidenden Spiel gegen den Fußball-Giganten aus Mexiko gewinnt der Außenseiter mit 1:0, das goldene Tor von Ever Hernández bereitet Jorge González mit einem grandiosen Solo über das halbe Feld vor.

Das ist sie, die große Bühne, die ein Ausnahmespieler wie der magische Jorge benötigt, um die Welt von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Rein statistisch werden die drei Auftritte der „La Selecta“ beim Weltturnier in Spanien zu einem Debakel. Gleich im ersten Spiel gegen Ungarn verliert El Salvador mit sage und schreibe 1:10 – bis heute die höchste Niederlage der WM-Geschichte. Die Pleiten gegen Belgien (0:1) und Weltmeister Argentinien (0:2) besiegeln das frühe Aus mit null Punkten und einem Torverhältnis von 1:13. Doch einer hat seine Chance genutzt.

Mit Rausch in der Kabine

Mago González spielt auf seiner linken Seite Katz und Maus mit den Gegenspielern und zeigt eine Auswahl an Tricks, die man in solcher Hülle und Fülle selten gesehen hat. Nicht nur ein gewisser Diego Maradona ist schwer beeindruckt von dem Zauberfuß mit elastischen Fußgelenken – nach dem Turnier klopfen Atlético Madrid und der FC Cádiz bei González an. Dass der statt zum Spitzenklub Atlético lieber zum Zweitligisten FC Cádiz wechselt? Schicksalshafte Fügung, denn in Andalusien fühlt sich der Neuling von Anfang an so wohl, dass er auf dem Platz sagenhafte Dinge vollbringt, damit den Aufstieg sichert, und auch außerhalb des Rasens für großes Spektakel sorgt. 

Schnell verpasst man ihm den Beinamen „Mágico“ und in der Kurve witzeln sie bald, ob das seinen Leistungen auf dem Spielfeld oder in den Bars und Klubs der Küstenstadt geschuldet ist. Das Nachtleben von Cádiz hat es dem Publikumsliebling offenbar schwer angetan. Aberwitzige Legenden ranken sich um diese ersten magischen Jahre in Andalusien. So soll der leidenschaftliche Partygänger mehr als einmal in der Kabine seinen Rausch ausgeschlafen haben, einmal lässt man ihn angeblich sogar von einer Flamenco-Kombo wecken. Zitat: „Ich bin nur aufgestanden, weil ich die Musik so gerne mag.“

Ist er auf der Schulter eines Gegenspielers eingeschlafen?

Was wohl tatsächlich stimmt: Dass ihn der Manager des Klubs in den Diskos beschatten lässt und extra einen Mitarbeiter instruiert, den Superstar rechtzeitig aufzuwecken. Viele Jahre nach seinem Karriereende wird Mágico in einem Interview gefragt: „Haben Sie auch Punktspiele absolviert, ohne vorher geschlafen zu haben?“ „Nein“, antwortet die Fußball Legende, „aber vor den Trainingseinheiten ist das eigentlich recht häufig passiert.“

Kein Wunder, dass die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit im Laufe der Zeit verschwamm. Bis heute hält sich zum Beispiel hartnäckig das Gerücht, der Stürmer sei in einem Spiel mal vor der Ausführung eines Eckballs auf der Schulter eines Gegenspielers eingeschlafen. Wahr ist, dass sich González lediglich einen kleinen Gag auf eigene Kosten erlaubt hatte. In der Gunst seiner Anhänger steigt er mit solchen Geschichten nur noch weiter auf, einen Fußballer mit so viel Gold in den Füßen haben sie in ihrem Klub noch nie spielen gesehen. Zwar steigt Cádiz in der Saison 1983/84 direkt wieder ab, doch vor allem der Magier mit der Nummer 11 sorgt für unvergessliche Momente. 

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Die Show gegen Barcelona

Höhepunkt der Zauber-Show: der Auftritt am 13. Spieltag gegen den FC Barcelona. Sensationelle Flügelläufe, atemberaubende Eins-gegen-Eins-Situationen und am Ende ein wunderschönes Solo-Tor, dass in keiner Liste der schönsten Treffer in der Geschichte der Primera División fehlen darf. In seinem gelben Trikot rast der Mann aus El Salvador wie ein Tennisball über den Rasen. Begeistert berichtet Barça-Supermann Maradona kurz darauf, dass er Mágico González „ohne Zweifel“ für einen „der zehn besten Fußballer aller Zeiten“ halte.

Stellt sich nur die Frage, warum ein Mann mit solchen Fähigkeiten bei einem Absteiger spielt. Und genau das soll sich im Sommer 1984 ändern. In Barcelona verdrängen sie die Gedanken daran, dass der SSC Neapel hartnäckig um die Dienste von Maradona buhlt und laden lieber dessen Helden zu einem ausgiebigen Vorstellungsgespräch während der Promo Reise durch die USA ein. Und der Umworbene? Verpennt den Abflug und muss für viel Geld nachgeholt werden. Erstes Zähneknirschen bei den Verantwortlichen um Trainer Menotti. Auf dem Platz ist der Flügelflitzer eine Klasse für sich. Bei YouTube kann man sich in knapp drei Minuten von der kreativen Explosion des Duos Maradona/ Mágico überzeugen.

Zu viel für Menotti

Trotz der Geschichte mit dem verpassten Abflug: Es sieht gut aus mit einem Vertrag zwischen dem Exzentriker und dem Weltklub aus Katalonien. Dann macht der Barça-Tross Halt in Kalifornien und nach ein paar Drinks an der Bar setzt González die Party mit der Thekenkraft auf seinem Zimmer fort. Er weiß, dass Maradona sich in dieser Nacht einen Scherz erlauben will – und bleibt deshalb auch ganz entspannt mit seiner Flamme im Bett liegen, als des Nachts der Feueralarm losgeht. Erst als Sicherheitsleute an seine Tür hämmern, schließt sich auch der Fußballer der Evakuierung an. Trainer Menotti ist not amused.

Der Argentinier ist dafür bekannt, gut mit solchen exzentrischen Typen klarzukommen, aber dass sich ein Probespieler in so kurzer Zeit zwei Böcke dieses Kalibers erlaubt, will der Übungsleiter nicht durchgehen lassen. Die kurze Romanze zwischen Barça und Mágico ist damit beendet. Stattdessen wechselt der Rechtsfuß zu Real Valladolid, kehrt aber nach nur einer Saison genervt in sein geliebtes (und viel wärmeres) Cádiz zurück. Seine allerbesten Jahre hat Mágico da bereits hinter sich, aber noch immer kann er die Zuschauer mit seinem spektakulären Stil begeistern. Sie lieben ihn auch deshalb, weil ein Typ mit seinem Talent eigentlich ganz woanders kicken müsste.

Keine Lust auf Italien 

Einmal kündigt sich ein Vertreter des Serie-A-Teams Atalanta Bergamo an, doch González hat keine Lust auf Italien und liefert den enttäuschten Besuchern absichtlich eine miserable Testspiel-Performance. Bis 1991 wird er in Andalusien bleiben, erst 1998 gibt er das Ende seiner aktiven Karriere bekannt. Auf der liegt seit 1989 allerdings ein großer Schatten: Der Lebemann aus Lateinamerika muss sich wegen versuchter Vergewaltigung vor Gericht verantworten und wird schließlich zu einer Geldstrafe verurteilt. 

Seinem Legendenstatus schadet dieses Verbrechen allerdings nicht. 2006 wird das Nationalstadion von El Salvador nach ihm benannt, der „Ehrenbürger der Nation“ gilt bis heute als eines der größten lateinamerikanischen Sportidole aller Zeiten. Der Sportsender ESPN hat Mágico González vor Jahren mit einer Dokumentation gewürdigt. Das 30-minütige Filmchen beginnt mit einer Interpretation des Fußballers, die der sich auch auf den Grabstein meißeln lassen könnte: „El futbolista que pudo hacer todo, pero no quiso.“ Zu Deutsch: „Der Fußballer, der alles konnte, aber nicht wollte.“

Dass ein Ausnahmekönner wie er heute so sehr vom internationalen Rader verschwunden ist, liegt sicherlich auch daran, dass er sich vom großen Fußball weitestgehend zurückgezogen hat. In San Salvador betreibt er eine Fußballschule für Straßenkinder, an die Seitenlinie eines Profiklubs hat er sich nie stellen wollen. „Würden Sie gerne als Trainer arbeiten?“, wurde Jorge „Mágico“ González vor einigen Jahren mal gefragt. Und der große Zauberer antwortete: „Ich kann das nicht machen. Ich würde ja nie zum Training gehen.“

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