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Joachim Löw und seine Kritiker: Nicht mal ignorieren?

Joachim Löw und seine Kritiker: Nicht mal ignorieren?

Kritiker aus drei Weltmeistergenerationen nehmen Joachim Löw ins Visier. Der Bundestrainer sucht den passenden Umgang damit.


Noch bevor sich Joachim Löw 2014 mit dem WM-Titel einen Schutzpanzer aus reinstem Selbstbewusstsein und güldenem Erfolg anlegte, stellte er sich im SZ-Magazin ungefiltert den Fragen von 45 Prominenten - von Uschi Glas bis Edmund Stoiber. Wie er anonymer Kritik in Internetforen begegne, wollte da der Musiker und Moderator Götz Alsmann gerne wissen, und Löw konterte mit Karl Valentin: "Nicht einmal ignorieren."

Mit Kritik aus drei Generationen deutscher Fußball-Weltmeister und der Fachpresse ist das deutlich schwieriger. Berti Vogts, Lothar Matthäus und Bastian Schweinsteiger haben sich den Bundestrainer zuletzt vorgeknöpft, für taktische Dinge, persönliche und die Außendarstellung. Sie haben Gewicht und finden ihre Bühne, in Kolumnen, im Fernsehen, vor Millionenpublikum. Löw sucht noch den passenden Umgang damit: Er muss das zumindest für die Öffentlichkeit halbwegs ernst nehmen, will sich aber auch nicht hereinreden lassen.



Unfähigkeit, Engstirnigkeit, Arroganz, Versagen

Dieser Tanz auf dem Drahtseil gelingt nur sehr wacklig. Der kicker sprach davon, Löw klinge "selbstherrlich und arrogant", worauf dieser achselzuckend feststellte: "Wenn jemand sagt oder schreibt, der Löw sei arrogant oder dünnhäutig, dann ist das eben so. Wir ziehen unseren Plan durch." Thema beendet. Thema beendet?

So manche Kritik geht tatsächlich ins Leere. Wenn Vogts mosert, eine Pause bei einem  Länderspiel hätte er sich "damals" (ein Signalwort für Besserwissertum) nie erlaubt, sollte man mitgedacht wissen, dass damals die Belastung eine völlig andere war. Im Spiel selbst, aber auch insgesamt. Die Terminhatz, die dem Bayern-Block in den kommenden Monaten bevorsteht, ist der helle Wahnsinn. Nur ein Teil davon wären acht Länderspiele in zweieinhalb Monaten - da ist eine Pause absolut angemessen.

Löw ist in 15 Amtsjahren vieles vorgeworfen worden. Unfähigkeit, Engstirnigkeit, Arroganz, Versagen. Mehrfach schien er nah an der Klippe zu wandeln. Wichtig war ihm stets die Anerkennung an der Basis, doch die scheint zu bröseln. 76,5 Prozent der Befragten gaben in einer repräsentativen Umfrage der App FanQ im Auftrag des SID an, Löw sei nicht mehr der richtige Bundestrainer. Das dürfte den 60-Jährigen mehr alarmieren als ein schriftlicher Einwurf von Olaf Thon, der, mit Verlaub, keine sonderlich große Trainerkarriere hinter sich hat.



Löw spürt

Löw hat in den vergangenen Tagen mehrere intensive Verteidigungsreden gehalten, es scheint in ihm zu brodeln - größerer Vulkanausbruch keinesfalls ausgeschlossen. Er verweist darauf, wo der deutsche Fußball 2018 stand, oder besser lag, nämlich am Boden: "Unten! Ganz weit unten! Ganz weit unten!" Dabei verschweigt er allerdings, wer den deutschen Fußball dort hingeführt hat. Er selbst.

Entwicklungen nach dem WM-Titel wurden verschlafen oder nicht vorhergesehen. Möglicherweise spürt Löw auch den normalen Effekt, dass viele eines omnipräsenten Gesichts irgendwann überdrüssig sind.

Seine Aussage, er stehe im 15. Amtsjahr "inzwischen über den Dingen", beflügelte nicht nur bildlich den Eindruck einer gewissen Abgehobenheit, obwohl es Souveränität vermitteln sollte. Der Grat ist schmal: Man sah Löw wieder lässig an einem Laternenpfahl lehnen wie in Sotschi nach der WM-Auftaktpleite gegen Mexiko.

Nedd amoi ignorier'n? Die Karl-Valentin-Taktik wird wohl in den kommenden Monaten nicht genügen.

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