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Javi Martinez #4: Bis zum nächsten Morgen

Javi Martinez #4: Bis zum nächsten Morgen

Bayern-Star Javi Martínez kann nach Niederlagen keinen Schlaf finden. Doch statt zu resignieren, sucht er stets nach der nächsten Herausforderung. Sein Bruder Álvaro kann ein Lied davon singen.Den Grund erzählt Javi in seiner Kolumne.


Ja, das Aus im Champions-League-Achtelfinale gegen Liverpool hat wehgetan. Jede Niederlage tut weh. Jede Niederlage wühlt mich emotional auf. Und so war es auch nach dem Rückspiel gegen Liverpool nicht viel anders als nach anderen verlorenen Spielen. Ich konnte nicht einschlafen, lag bis 5 Uhr morgens hellwach im Bett.

In meinem Kopf habe ich das Spiel immer und immer wieder durchgespielt. Welche Räume hätte ich besser nutzen können? Hätte ich in manchen Situationen mit Ball anders agieren können? Hätte ich helfen können, die Gegentore zu verhindern? Hätte es Möglichkeiten gegeben, damit wir mehr als nur dieses eine Tor schießen? 

In Nächten wie diesen halten mich meine Gedanken wach. Es fühlt sich zeitweise so an, als würde ich wieder auf dem Rasen stehen, das Spiel noch mal spielen. Aber leider sind Spiele nicht zu wiederholen. Egal, wie real sich alles anfühlt. Egal, wie lange man wach bleibt. Dennoch halte ich den mentalen Verarbeitungsprozess für wichtig. Auch wenn dieser bis zum nächsten Morgen dauert. 



Frei von Fußball

Ich erinnere mich noch gut: Nach dem Rückspiel gegen Liverpool bin ich im Auto mit meiner Familie von der Allianz-Arena nach Hause gefahren. Keiner hat über das Match gesprochen. Jeder, der nah an mir dran ist, weiß: Ich mag es nicht, über unsere Spiele oder meine Leistung zu reden. Zumindest nicht in den Stunden danach. Da spielt es auch keine Rolle, ob wir gewonnen oder verloren haben.

Vielleicht kann ich es so erklären: Wir Fußballer sprechen die gesamte Woche über Fußball. Wir denken die ganze Woche über den Fußball nach. Wir sind jedes Wochenende mit dem Fußball unterwegs. In den wenigen Stunden, die ich nur mit meiner Familie und meinen engsten Freunden verbringen kann, möchte ich meinem Kopf eine Pause vom Fußball gönnen. Mich einfach auf die Themen einlassen, welche die Menschen um mich herum bewegen.

Der Fußball hat die Kraft, dich mental komplett einzunehmen. Das kann gelegentlich auch zu viel werden. Da braucht jeder für sich ein Ventil. Meines ist das Gespräch mit der Familie oder mit engen Freunden. Dieses bewusste, gedankliche Abschalten tut mir gut.

Die Sache mit Álvaro

Wenn du nach so einem Spiel wie gegen Liverpool in der Kabine sitzt, geht das natürlich nicht sofort. Du siehst deine Teamkollegen, die genauso enttäuscht sind wie du. Jeder Spieler geht anders mit Niederlagen um. Es gibt Spieler, die laut schimpfen und so ihren Frust abbauen. Aber es gibt auch Spieler, die ruhig auf ihrem Platz sitzen und den Boden anstarren oder den Blick ins Leere gerichtet haben. Ich bin eher der ruhigere Typ. Um es in der Fußballersprache ganz deutlich zu sagen: Ich hasse es, zu verlieren. Das war schon als Kind so. 

Ich bin in Spanien mit meinem Bruder Álvaro aufgewachsen, der acht Jahre älter ist. Und natürlich hatte er als Jugendlicher mir gegenüber so große körperliche Vorteile, dass er in sportlichen Duellen fast immer gegen mich gewann. Álvaro sagte dann immer: „Okay, ich war besser. Aber du hast es gut gemacht, Javi.“ Oh, wie ich diesen Satz von ihm verflucht habe. Um dann sofort wieder die nächste Herausforderung gegen ihn zu suchen.

Ich war schon immer sehr auf den Wettbewerb aus, wollte mich immer messen. Mit Álvaro, aber eigentlich mit jedem. Wenn wir ein Rennen gemacht haben, wollte ich der Erste sein. Und wenn ich es dann verloren hatte, war ich die Minuten danach sehr enttäuscht. Doch ich hatte immer die Stärke in mir, mich schnell wieder selbst zu pushen. Mir selbst zu sagen: Okay, dann musst du trainieren und noch besser werden. Mein Ziel lautete dann, das nächste Rennen zu gewinnen. 



Auf dem Platz, nicht in den Medien

Wenn es heutzutage in einem Spiel oder Training mal nicht so gut für mich läuft, ticke ich immer noch ähnlich. Ich sage dann zu mir: ‚Javi, drücke den Reset-Knopf, starte von vorne, alles fängt noch mal bei null an. Die verbleibende Zeit kannst du es besser machen, du kannst siegen!‘ Ich bin ein sehr optimistischer Mensch. In schlechten Momenten denke ich immer: Das passiert nur, weil danach etwas Gutes auf dich wartet.

Diese Einstellung hilft mir extrem. Es gab in dieser Saison ja auch Phasen, in denen ich nicht gespielt habe, obwohl ich in einer Top-Verfassung war. Klar, ich hätte frustriert zum Trainer gehen und schimpfen können: „Ich muss spielen. Ich bin mir sicher, der Mannschaft helfen zu können.“

Ich hätte mich auch in den Medien über die für mich unbefriedigende Situation beschweren können. Aber das entspricht nicht meinem Charakter. Ich bevorzuge es, mich auf mich selbst zu konzentrieren, niemals die Freude an dem, was ich tue zu verlieren und auch in solchen Phasen das Positive zu sehen. 

Eine Saison ist lang. Und wenn man gut trainiert, erhält man immer irgendwann die Chance zu spielen. Und dann muss man ready sein. Ich bin mittlerweile seit 15 Jahren Profi. Ich weiß, wie schnell sich alles ändern kann. Und dass es nur einen Ort gibt, an dem ich auf Kritik, Enttäuschungen oder Niederlagen antworte. Dieser Ort ist auf dem Platz.

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