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Hertha BSC: Dickes B, Digga!

Hertha BSC: Dickes B, Digga!


Hertha BSC war lange Zeit nicht das liebste Kind der Hauptstadt, aber das Schicksal meinte es gut mit den Berlinern, so dass selbst die Bayern nervös wurden. Wiederholt sich die Geschichte?

Durchsagen in Fußballstadien sind ja immer so eine Sache. „Der Fahrer des PKW mit dem amtlichen Zeichen xyz möge bitte sein Auto sofort wegfahren. Sie stehen an der Stadioneinfahrt.“ Oder: „Der vier Jahre alte Nils-Torben sucht seine Eltern. Bitte melden Sie sich an Eingang C.“ In München gab es vor Jahren die Durchsage, dass ein Besucher doch bitte zu Hause anrufen möge, die Wehen bei seiner hochschwangeren Frau hätten eingesetzt.

In Berlin, Mitte der 1990er Jahre, gab es diese Probleme nicht. Die Geburtenrate war damals völlig okay, Autos sind die Menschen auch gefahren. Ob die Kinder der Berliner damals Nils Torben hießen, sei mal dahingestellt. Das Problem war vielmehr, dass die Berliner nicht ins Stadion gingen. Zumindest nicht zu Hertha BSC. Die Blau-Weißen waren sportlich zu uninteressant und zu wenig erfolgreich, die Klientel im maroden Berliner Olympiastadion nicht einladend.

Wie kam es zum Paradigmenwechsel bei Hertha BSC?

Offenbar war es phasenweise sogar so schlimm, dass es folgende Durchsage bis in die Geschichtsbücher schaffte: „Die Toilettenbenutzung im Olympiastadion ist kostenlos. Für den Fall der Fälle.“ Es bedurfte damals eines expliziten Hinweises darauf, dass man einen bestimmten Ort aufsuchen müsse, um den natürlichen Bedürfnissen des Menschen Rechnung zu tragen.

Wie es ein Klub schaffte, in nur wenigen Jahren einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, so dass nicht nur Menschen ins Stadion kamen, die wissen, wo man sich seines Harndrangs entledigt, sondern auch solche, die den erfolgreichen Fußball des hiesigen Fußballvereins genießen wollten, der plötzlich so angesagt war, dass selbst der FC Bayern München nervös wurde, war eine Erfolgsgeschichte.

Gerichtsvollzieher grüßte man beim Namen

Der Wandel begann eigentlich schon Anfang der 90er Jahre, aber damals war das Elend noch zu tief verwurzelt, als dass man es hätte sofort schaffen können, sich davon zu befreien. Überhaupt war ganz Berlin in jener Zeit viel zu sehr damit beschäftigt, die Wende schadlos über die Bühne zu bringen. Was ist da schon ein Fußballverein, der seit Jahren erfolglos Schulden anhäufte und sich nicht zu helfen wusste?

Regelmäßige Besucher an der Geschäftsstelle waren nicht Dauerkarten-Interessenten, sondern Gerichtsvollzieher, die man irgendwann mit dem Namen begrüßte, weil sie so oft da waren. Bernd Schiphorst gehört zu den Menschen, die wissen, wie es war, als die Hertha noch eine „junge Dame“ war und es in der Tat als eine vorzeigbare Freizeitbeschäftigung galt, die Spiele des Klubs zu besuchen.

Schiphorst: Erst Fan, dann Vermarkter

„Das war Mitte der 60er Jahre“, erinnert sich Schiphorst. „Ich studierte an der Freien Universität Berlin und Hertha bestritt spannende Aufstiegsspiele zur Ersten Liga. Gegen SV Alsenborn strömten 80.000 Zuschauer ins Olympiastadion. Ich war ein Landei aus Oldenburg und kam fußballerisch von der Hölle des Nordens, vom VfB Oldenburg, nach Berlin und erlebte Hertha.“

30 Jahre später war Schiphorst dann Chef der Ufa, ein Sportrechtevermarkter, der später zu Sportfive überging und heute in Lagardère Sports Germany aufgegangen ist. 4,5 Millionen D Mark investierte die Ufa, sicherte sich dadurch die Rechte an der Bandenwerbung im Olympiastadion.

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Hertha wurde zum Glück gezwungen

Viel Geld für einen Verein mit einem Zuschauerschnitt von 3.000 bis 4.000, aber Schiphorst und sein Unternehmen „sahen das Potenzial“ beim Berliner Sport-Club. Immerhin handelte es sich hier um einen Hauptstadtklub in einer Weltmetropole, auch wenn diese gerade nicht wirklich Sportbegeisterte elektrisierte. Natürlich kam die Investition der Vermarkter nicht aus Liebe zum Maroden. 1994 übernahm die Ufa die Komplettvermarktung. Ein Deal besagte, dass das Unternehmen 40 Prozent aller Werbeeinnahmen kassierte.

Eine Menge Kohle, die man teilen musste, aber Hertha BSC hatte zu dieser Zeit keine andere Wahl. Vielleicht war das auch ganz gut so, denn die Berliner wurden gezwungen, fähiges Personal einzusetzen. Robert Schwan, der vielleicht erste moderne Manager des deutschen Profifußballs, rückte in den Aufsichtsrat des Klubs auf. Natürlich nicht ganz ohne Zufall, war er doch als Lobbyist für die Ufa tätig. Auch die Verpflichtung von Dieter Hoeneß als Manager war ein wichtiger Schachzug.

Keine Durschsagen mehr

Beim VfB Stuttgart arbeitete er fünf Jahre erfolgreich und wusste, wie man eine Mannschaft aufbaut. Den Job, der heute neudeutsch als Kaderplaner firmiert, führte Hoeneß schon in den 90er Jahren aus – neben eigentlichen Manager-Aufgaben. Mit Jürgen Röber holte Hoeneß einen ihm vertrauten Trainer. Als die Hertha am 7. April 1997 bei einem Zweitliga Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern 75.000 Menschen ins Stadion lockte, war bundesweit jedem klar: Dickes B, Digga! Hier ist etwas gewachsen. Zwar gelang es der Hertha noch, es unnötig spannend zu machen, dennoch stieg sie in die Bundesliga auf.

Keine Durchsagen mehr, dass es Klos im Stadion gebe. Hertha war in für alle. Auch für die zahlenden Fans. Hertha verdiente durch Merchandising so viel Geld wie noch nie. Geld, das auch in die Mannschaft investiert wurde.

Und dann traf Wosz

20. Oktober 1999. Abstoß Gábor Király. Alessandro Costacurta klärt per Kopf, Leonardo nimmt den Ball aber zu schlampig an. Ballverlust. Pál Dárdai reagiert schnell, spielt den Ball in die Spitze, Ali Daei leitet direkt zu Dariusz Wosz weiter, aber Luigi Sala geht dazwischen. Wieder Ballverlust. Wosz schaltet schnell, dringt in den Strafraum ein und schiebt den Ball ins lange Eck. Keine Chance für Christian Abbiati im Tor des AC Mailand.

Vierter Spieltag in der Champions-League-Gruppenphase: Hertha BSC ist nach dem Sieg gegen Milan, das mit Weltstars wie Paolo Maldini, Andriy Shevchenko, Oliver Bierhoff oder Leonardo angetreten ist, Tabellenführer der Gruppe. Vor Chelsea, Milan und Galatasaray. Dort bleibt die Hertha auch nach dem letzten Spieltag. Dort, wo noch vor gar nicht allzu langer Zeit vergeblich nach Spuren zumindest fußballähnlicher Betätigung gefahndet worden war, spielte jetzt eine Mannschaft, die einen Weltklub wie den AC Mailand (das war er damals sportlich wirklich noch) besiegte. Und das nicht rein zufällig.

Klinsmann und der Scherbenhaufen

 Zwischendurch stieg die Hertha sogar ab, ist aber inzwischen geerdet und unter der Führung von Michael Preetz zu alter Kontinuität zurückgekehrt. 27. Juni 2019. Die Hertha gibt bekannt, dass man mit der global agierenden Investmentfirma Tennor Holding B.V. eine strategische Partnerschaft geschlossen hat. 125 Millionen Euro pumpt die Firma in die Hertha. Investiert werden soll in die Bereiche Sport, Digitalisierung und Internationalisierung.

Sprich: Die Hertha will wieder angreifen und hat dafür viel Spielgeld in der Hand. „Die stabile Zahlenbasis und die beeindruckende Management-Arbeit bei Hertha BSC haben uns überzeugt, diese Partnerschaft einzugehen“, so Tennor-Chef Lars Windhorst damals. Kurze Zeit später holte er Jürgen Klinsmann, erst als Berater und Aufsichtsratmitglied, dann als Trainer. Dieser begann Tagebücher zu schreiben und hinterließ einen großen Scherbenhaufen.

Inzwischen soll Windhorst Klinsmann gar von seinen Aufgaben als persönlicher Berater entbunden haben. Als Windhorst 16 Jahre jung war und in Berlin sein erstes Unternehmen gründete, spielte die Hertha in der 2. Liga. Und wer weiß, vielleicht saß er damals im Block unter den 3.000 Trostlosen, und eine Stimme aus dem Off sagte ihm, dass es im Stadion ein Klo gebe. Für den Fall der Fälle.

Fatih Demireli

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