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Marcus Thuram im Interview: „Ich weiß, dass ich existiere“

Marcus Thuram im Interview: „Ich weiß, dass ich existiere“

Marcus Thuram ist eine der Entdeckungen der Bundesliga. Aber er ist nicht nur ein unverschämt talentierter Stürmer, sondern auch ein geistreicher wie charmanter und humorvoller Gesprächspartner, wie er im Gespräch mit SOCRATES zeigte.


Das Interview erschien in Ausgabe #40 im Februar 2020.

Marcus, Sie sind jetzt einige Zeit in Deutschland. Wo sehen Sie die Unterschiede zu Frankreich?

Wenn man sich in Deutschland an die Regeln hält, gibt es kein Problem. In Frankreich ist das anders. Viele Spieler tragen ihr Leben an die Öffentlichkeit, in die Zeitungen, weil sich das lohnt. Es liegt mir nichts daran, Frankreich zu kritisieren, aber so ist es nun mal. Spieler sagen in den Medien: „Im Ausland ist es besser als in Frankreich.“ Oder: „Im Ausland ist man professioneller.“ Ich glaube, jeder Spieler ist selbst dafür verantwortlich, was er auf dem Spielfeld macht. Da ist es vollkommen egal, wo er ist. Aber ich möchte auf die Frage zurückkommen. 

Sehr gern.

Die auffälligsten Unterschiede sind die Stadien, die Stimmung und die Spielweise. Darüber kann ich reden. Die Mentalität ist auch eine andere hier. Aber was jeden Spieler selbst angeht, das liegt in seinen Händen. Wenn jemand Blödsinn machen will, dann macht er das, egal ob er in Deutschland, Frankreich oder Italien ist.

Und wie ist sie, die Mentalität im deutschen Fußball?

Immer nach vorne. Angreifen, angreifen, angreifen. Egal ob Bayern, Paderborn, Hertha, Union oder Freiburg – jedes Team geht auf den Platz, um ein Tor mehr als der Gegner zu schießen. Deshalb sieht man jede Menge offene Spiele, viele Kontersituationen, viel Tempo – und dieser Aspekt ist ein großer Unterschied im Vergleich zu Frankreich.

Waren Sie am Anfang davon überrascht?

Ja. Ich war es gewohnt, dass man sich erst mal abtastet, zehn bis 15 Minuten. Aber hier geht es direkt los, ein Tor kann schon in der ersten Minute fallen. Alle greifen sofort an, keiner kalkuliert, was er danach in der Defensive zu tun haben wird. Jeder greift an und dann … schauen wir mal.

Warum eigentlich Gladbach?

Von den Teams, die mich damals verpflichten wollten, war Gladbach der Verein, der mich am besten kannte. Als ich mit den Verantwortlichen sprach, fand ich heraus, dass mich der Klub seit der U19- EM in Griechenland beobachtet hatte. Seit 2015 haben sie alle meine Spiele geguckt und ein sehr genaues Profil von mir erstellt. Sie kannten mich wirklich gut und das hat mir Vertrauen gegeben. Ich habe keine Reise ins Unbekannte angetreten.

Sie kommen aus einer Fußballerfamilie: Ihr Vater Lilian ist weltberühmt, der Cousin Ihres Vaters (Yohann Thuram, Anm. d. Red.) ist Torwart und Ihr jüngerer Bruder (Khéphren Thuram, Anm. d. Red.) Mittelfeldspieler. Wie hat Sie das geprägt?

Yohann habe ich eigentlich nicht so oft getroffen, vielleicht zwei-, dreimal in Guadeloupe, aber ich erinnere mich nicht sehr gut daran. Mit meinem Vater habe ich mich nie in einer Art Konkurrenzsituation gesehen, das trifft vielleicht eher auf meinen Bruder zu. Ich habe mich sehr schnell in den Fußball verliebt, weil mein Vater Spieler war. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht Fußball gespielt habe.

Würden Sie sagen, dass Sie das Aufwachsen als Fußballersohn besser auf das Geschäft vorbereitet hat?

Ich habe das Glück, so einen Vater zu haben. Ich habe noch nicht alles verinnerlicht, was er mir beigebracht hat, aber es ist gut, dass ich mit ihm über alles sprechen konnte und kann. Das spart eine Menge Zeit.

Inwiefern?

Das geht mit der Ernährung los. Oder ich weiß, dass der Schlaf nach dem Spiel das Allerwichtigste ist und ich nicht den ganzen Tag vor dem Fernseher hängen soll. Das sind vielleicht nur Kleinigkeiten, aber die machen am Ende den Unterschied.

Sie telefonieren nach den Spielen miteinander. Was bringt Ihnen das konkret?

Das bringt mich noch weiter voran. Nach dem Spiel sind die Bilder noch ganz frisch und wir besprechen und beurteilen, was ich gemacht habe. Ich gewinne echt viel Zeit. Wie viele Spieler können schon sagen, sie machen ein Debriefing von dieser Qualität? Es erlaubt mir, meine Fehler sehr schnell zu korrigieren. Das heißt aber nicht, dass ich beim nächsten Spiel keine Fehler mehr mache. Aber ich höre zu, lerne und weiß, dass ich mich verbessern werde.

Ich höre, dass Ihr Vater offensichtlich ein guter Coach ist. Wie ist er als Vater?

Fantastisch. Meine Mutter und er haben uns sehr gut erzogen. Er war sehr geduldig, er hat die Dinge immer wiederholt. Klar ist da der Fußball, aber das Wichtigste ist, ein guter Mensch zu sein. Wenn man ein guter Mensch ist, ist man auch besser auf dem Platz. Daran glaube ich.

Sie haben mal verraten, dass Sie sich intensiv hinterfragen. Was bedeutet das?

Das bedeutet tatsächlich, dass ich mir selbst viele Fragen stelle und mich jeden Tag bemühe, ein besserer Mensch zu werden. Um das zu erreichen, muss man mit sich selbst im Reinen sein. Ich versuche zu verstehen, warum ich mich wie verhalte und wie ich mein Verhalten verbessern kann. Es ist ein langer Prozess. Ich rede von Jahren.

Sie sind in Gladbach grandios eingeschlagen, aber jeder Stürmer kommt irgendwann einmal in eine Phase, in der es nicht läuft. Das kennen Sie auch. Kann man sich darauf vorbereiten?

Nein, das kann man nicht, sonst würde die Schwächephase schon früher kommen! (lacht) Man muss jedes Spiel nehmen, wie es ist. Wenn man zehn Spiele lang kein Tor geschossen hat, muss man sich auf das elfte genauso vorbereiten, als hätte man in den Spielen davor getroffen. Man darf sich nichts einreden. Umgekehrt ist es genauso: Wenn man eine Serie hat, darf man sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Das Wichtigste ist aber, gut zu spielen. Tore zu schießen ist die Belohnung für eine gute Leistung auf dem Platz. 

Hatten Sie schon mal so eine Hochphase?

Ich habe schon mal gut gespielt, sonst wäre ich nicht hier. (lacht) In der Saison zuvor für Guingamp war ich in der Hinrunde schon auf einem ganz guten Niveau. Auch in der Coupe Gambardella, das ist ein Pokalwettbewerb für Jugendmannschaften in Frankreich, war ich schon mal ganz gut. Es ist allerdings das erste Mal in meiner Karriere, dass ich in einer so guten Mannschaft spiele.

Die beiden Tore Ihres Vaters Lilian im WM-Halbfinale 1998 gegen Kroatien sind zwei der besten Beispiele für Siegermentalität im französischen Sport. Wie gehen Sie damit in der Familie um? 

Wenn ich mit ihm darüber spreche, dann immer, um mich über ihn lustig zu machen. Oder er macht sich selbst lustig darüber. Er war ein großer Fußballer, was seine mentale Stärke angeht vielleicht einer der besten aller Zeiten. Technisch gesehen ist das aber eine andere Geschichte. (lacht)

Man muss dazusagen: Ihr Vater war Verteidiger und hat in 140 Länderspielen genau zwei Tore geschossen– und diese beiden ausgerechnet zum 2:1 im WM-Halbfinale. Wie finden Sie persönlich diese beiden Treffer? Sehen Sie Lilian Thuram, den Fußballstar oder Ihren Vater?

Ich sehe ganz jemand anderen! Er war es nicht, da bin ich mir ganz sicher! Es war eine Filmmontage! Auch er weiß, dass er es nicht war! Nur Ihr, die Fernsehzuschauer, glaubt, dass er die zwei Tore geschossen hat! Er war es nicht. 

Okay, wieder was gelernt. Stört es Sie, dass Ihr Vater viel Raum einnimmt?

Nein, überhaupt nicht. Ich weiß seit meiner Kindheit: Ich bin ich und er ist er. Ich habe aber Glück, dass ich kein Verteidiger bin, denn dann hätte man mich noch mehr mit ihm verglichen und es wäre vielleicht härter gewesen. Die Leute, die mich auf „den Sohn von Lilian Thuram“ reduzieren, sind die Journalisten. Die Kollegen und die Trainer wissen, dass es zwei verschiedene Personen gibt. Außerdem habe ich nicht das gleiche Temperament wie mein Vater. Mehr kann ich nicht sagen. (lacht) Es ist schon vorgekommen, dass ich in einem Interview 15 Fragen zu meinem Vater gestellt bekam und nur sechs zu mir selbst. Ich finde das aber legitim. Wenn Dein Vater Weltmeister wäre, hätte ich auch was zu ihm gefragt. (lacht)

Es stört Sie wirklich nicht? 

Nein. Er ist mein Vater. Ich bin stolz, sein Sohn zu sein. Soll ich etwa eifersüchtig sein? Das wäre doch verrückt!

Verstanden. Aber Sie könnten es ja manchmal satthaben und einfach mal sagen: „Hey, mich gibt es auch noch!“

Machen Sie sich keine Sorgen: Ich weiß schon, dass ich existiere. Ein bisschen zu viel, manchmal. (lacht)

Sie scheinen ein gutes Verhältnis zu Marco Rose zu haben. Warum?

Er ist ein Trainer, der gut trennen kann. Abseits des Platzes macht er zwei, drei Scherze mit dir und nur wenige Minuten später auf dem Feld brüllt er dich zusammen, wie es noch niemand zuvor getan hat. Er weiß genau, es gibt Momente, in denen wir Spaß haben können und andere, in denen wir Ernst machen müssen. Er kann das sehr gut und ich schätze diese Art an ihm sehr. 

Was haben Sie noch hier gelernt?

Die deutsche Sprache. (lacht)

Und fußballerisch?

Ich versuche, jeden Tag Fortschritte zu machen. Als Spieler und als Mensch. Ich kann kein konkretes Beispiel nennen, ich weiß aber, dass ich nicht mehr der Spieler bin, der ich noch vor ein paar Monaten war. Ich würde sagen, ich verhalte mich besser auf dem Platz. Aber konkret benennen kann ich das nicht.

Würden Sie französischen Spielern raten, hierher zu kommen?

Das kann man nicht pauschal sagen. Es hängt von jedem einzelnen Charakter ab und davon, was der Spieler will. Es ist doch alles sehr komplex. Fußballer sind komplex, Menschen sind komplex. Für einige wäre es sicher schwer, weil die Spielweise in Deutschland sehr besonders ist. Für andere wäre es das nicht.

Ganz was anderes: Was können Sie uns über „Tikus“ erzählen?

(lacht) Das ist mein echter Name. Ich werde ihn in meinen Pass eintragen lassen. Tikus ist besser als Marcus. Tikus setzt sich zusammen aus dem Adjektiv „petit“ und Ihrem Vornamen, soll also kleiner Marcus oder Markus heißen.

Dabei sind Sie gar nicht klein, sondern knapp 1,90 Meter?

Das war mein Spitzname als Kind und er ist es bis heute geblieben. Ich glaube, es ist ein guter Spitzname, weil jeder Erwachsene einen Teil seiner Kindheit behalten sollte. Nicht zu viel, sonst ergibt das gefährliche Erwachsene. (lacht) Dann kommen da Peter Pans raus. (lacht weiter) Wenn ich ins Stadion gehe, und es ist ein Europa- League-Spiel, das Stadion ist voll und alles ist grün – dann kann ich nicht vergessen, wie ich als Kind im Park gespielt haben. Ich bin beeindruckt. Wenn ein Spieler davon nicht beeindruckt ist, heißt das, er hat diesen Teil vergessen. Man darf nicht vergessen, warum man Fußball spielt. Als Kinder träumen wir alle davon, in einem Stadion mit 50.000 Zuschauern aufzulaufen. Das darf man einfach nicht vergessen.

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