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Das Rezept

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Jean-François Domergue war der geheime Held hinter Frankreichs EM-Sieg im Jahre 1984. Wir sprachen mit Domergue, der heute als Leiter der UEFA-Abteilung Fußballentwicklung arbeitet, über die neue französische Welle und die Nachwuchsförderung.


Lilian Thurams zwei Tore im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1998 gehören zu den wichtigsten Momenten der Fußballgeschichte. Wie bedeutend die Rolle des erfahrenen Rechtsverteidigers beim Sieg war, ist unumstritten. Aber die Bleus hatten vor Thuram einen anderen Helden: Jean-François Domergue, der als Linksaußen spielte, hatte im Halbfinale der Europameisterschaft 1984 ebenfalls zwei Tore geschossen und beim ersten großen internationalen Erfolg seines Landes eine der Hauptrollen gespielt.

Monsieur Domergue, Michel Platini spielte zwar bei der Europameisterschaft 1984 die Hauptrolle, aber auch Sie hatten mit ihren zwei Toren im Halbfinale einen erheblichen Anteil am französischen Erfolg. Wie erinnern Sie sich an jene Europameisterschaft?

Es war für mich eine interessante Zeit, da ich erst durch die rote Karte von Manuel Amoros aufgestellt wurde und mich danach in der ersten Elf etablierte. Das Unvergesslichste ist natürlich das Halbfinale in Marseille gegen Portugal. Mein erstes Tor resultierte aus einem Freistoß. Das zweite erzielte ich kurz vor dem Ende des Spiels. Und dann schoss Platini das dritte Tor und ebnete uns den Weg ins Finale. Dort besiegten wir Spanien und wurden Europameister. Das ist die schönste Erinnerung an meine Fußballkarriere.

Die Generation 1998 legte die Messlatte noch einmal höher. Was war der Unterschied zwischen diesen beiden Generationen?

Keine besonders großen. Wir waren zwei verschiedene Generationen, die sich aus derselben Quelle nährten. Wir teilten die gleichen menschlichen und kollektiven Werte. In beiden Generationen gab es individuell gesehen sehr große Talente und Führungspers.nlichkeiten, aber jeder wusste, dass der Erfolg ohne ein starkes Kollektiv nicht kommen würde. Also standen sich die beiden Generationen in Hinblick auf ihren Geist sehr nahe. Und es war klar, dass die Erfolge kommen würden. Es gibt auch andere Parallelen.

Welche genau?

Sie machten Schule. Zum Beispiel entwickelte sich Platini in Italien im Juventus-Trikot viel weiter. Zum Beispiel spielte Didier Six in Deutschland und in der Türkei. Die Generation von 1984 zeigte, wie wichtig es war, im Ausland Erfahrungen zu sammeln. Wenn man sich den Kader anguckt, der 1998 die Weltmeisterschaft und 2000 die Europameisterschaft gewann, sieht man, dass fast alle von ihnen im Ausland spielten. Das hatte natürlich auch viel mit den Bosman-Regeln zu tun. Französische Spieler gingen dank dieser Regeln, die Bewegungsfreiheit von Fußballspielern sichern, zunächst zu italienischen Vereinen und später zu deutschen und spanischen Mannschaften. In diesem Zusammenhang kann man behaupten, dass die Generation von 1998 von verschiedenen Fußballkulturen profitierte.

Das Interview erschein in Ausgabe #38: Jetzt nachbestellen

Es gibt natürlich noch die Generation von 2018. Seit der letzten Weltmeisterschaft sprechen alle über junge französische Talente. Man spricht über die tolle Arbeit der Akademien wie Clairefontaine. Wie hat sich der französische Fußball Ihrer Meinung nach verändert?

Dieser Erfolg hat seine Wurzeln in den 1970er Jahren. Georges Boulogne, der von 1969 bis 1973 die Nationalmannschaft trainierte, und Ștefan Kovács, sein Nachfolger, spielten bei dieser Veränderung eine Schlüsselrolle. Sie übernahmen eine Rolle bei der Entwicklung und Umsetzung einer richtigen Sportpolitik. Ihre Projekte wurden vom französischen Fußballverband unterstützt und von den Mannschaften in der ersten und zweiten Liga angenommen. Die Ideen dieser Trainer wurden in eine Sportpolitik verwandelt, die in verschiedenen Teilen Frankreichs ins Leben gerufen wurde. Man entdeckte talentierte Jugendliche und bildete sie im Rahmen eines sorgfältigen Programms aus, sodass sie höhere Niveaus erreichten. Das Ausschlaggebende ist, dass die Menschen kamen und gingen, die Gesichter sich abwechselten, dass das System und die Politik gleichblieben. Auch diese Kontinuität führte zum Erfolg. Das ist aber nicht alles. 

Wir sind ganz Ohr.

Eine der erfolgreichsten Projekte des Fußballverbandes war „Pôle Espoir Interrégional FFF“. Dank dieses Systems erhalten 13, 14 Jahre alte Kinder die Möglichkeit, fünfmal in der Woche zu trainieren und in Jugendeinrichtungen ausgebildet zu werden. Dann fahren sie am Wochenende zu ihren Eltern, spielen dort im nächstgelegenen Fußballverein und sammeln Erfahrungen. So kommt es zu einer Zusammenarbeit zwischen Fußball, Schule und familiärer Erziehung. Diese Ideen, die mit Clairefontaine entstanden und dort weiterhin umgesetzt werden, werden an fünfundzwanzig verschiedenen Punkten in Frankreich angewandt. So erhalten Kinder aus allen Regionen die Chance, Teil des Systems zu sein und sich weiter zu entwickeln.

Diese Stars verdienen schon in sehr jungem Alter sehr viel Geld – wie Paul Pogba und Kylian Mbappé zum Beispiel. Können sie sich aber vor dem großen Interesse, das ihnen entgegengebracht wird, und dem Reichtum schützen? Erhalten sie Bildung dazu?

Hier muss man – meines Erachtens – ganz unten ansetzen. Die familiäre Erziehung spielt dabei die Schlüsselrolle. Ebenfalls von großer Wichtigkeit ist, wie sehr diese Fußballspieler ihre Arbeit lieben, wie sehr sie sie genießen. Hinzu kommt das Niveau der Menschen, die sich um sie scharen. Aber an erster Stelle kommen die Familien, denn die heutigen Stars erlangen bereits sehr früh eine ernsthafte Beliebtheit und halten sich in jungem Alter für unantastbar.

In der Sportwelt sagte man „Franzosen sind gerne Zweiter“, aber bei der letzten Weltmeisterschaft bekamen wir eine französische Nationalmannschaft zu sehen, die aus jungen Spielern bestand, die diesen Druck auszuhalten wussten.

Lassen Sie mich ein Beispiel aus dem Radsport geben. Es gibt ein Klischee, das man in Frankreich immer wieder zu hören bekommt: Während der Karriere der beiden hat Jacques Anquetil immer gewonnen und Raymond Poulidor war immer Zweiter, aber Poulidor war damals der größte Liebling der Franzosen. In Frankreich mögen oder vielmehr mochten wir keine Gewinner. Im Fußball änderte sich diese Denkweise allmählich. Nun redet man auch über die Bedeutung des Gewinnens.

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Kingsley Coman spricht nicht so gerne. Es sei denn, es gibt Kekse oder er darf über Fußball sprechen. Wenn er das tut, schwärmt er. Von Pep, von Robben, von Kimmich.

Im Fußball hat es sich schnell durchgesetzt.

Meines Erachtens signalisierte diese neue Generation schon, dass sie die Weltmeisterschaft gewinnen würde. Sie bekamen das Schwierigste hin, indem sie ruhig blieben, und holten den Weltmeisterschaftstitel nach Frankreich. Früher gerieten wir manchmal in Schwierigkeiten, wenn wir – wie bei der letzten Europameisterschaft – als Favorit angesehen wurden. Da hatten wir gedacht, alles wäre nun vorbei, wir wären Meister geworden, als wir im Halbfinale gegen Deutschland gewonnen hatten. Es ist natürlich wichtig, dass man seinen eigenen Fähigkeiten vertraut, aber man kann nicht gewinnen, bevor man gespielt hat.

Wie wirkt sich aus Ihrer Sicht der Umstand, dass viele französische Spieler in ausländischen Ligen spielen, auf die Nationalmannschaft aus?

Die Trainer werden auf die Probe gestellt: Man hat zwei Spiele in acht Tagen und davor nur kurze Zeit für die Vorbereitungen. Vielleicht kann man dabei keine taktische Erneuerung im großen Stil verwirklichen, man kann sich aber sehr wohl auf die Spieler, auf ihre psychische Verfassung einlassen.  Fühlen sich die Spieler in dieser Struktur wohl? Glauben sie an den vom Nationaltrainer gestellten sportlichen Rahmen? Das sind Fragen, über die man sich Gedanken machen muss. Dass die Spieler in ausländischen Ligen spielen, bietet dabei folgenden Vorteil: Erstens gefällt es ihnen, nach Frankreich zu kommen und etwas für ihr Land zu tun; zweitens bringen sie die Erfahrungen mit, die sie im Ausland gemacht haben, und das steigert das Niveau der Nationalmannschaft.

Sie sprachen von Psychologie: Im französischen Nachwuchsprogramm wird auch darauf ein großer Wert gelegt, oder?

Ja, mit Sicherheit. Indem man sich mit Psycho-Pädagogie befasst, kann man zur Entwicklung von Kindern beitragen – vor allem im Alter von 14, 15, 16… Kindern in diesem Alter Fragen zu stellen und sie auf diese Fragen selbst Antworten finden zu lassen, ist sehr wichtig. Schließlich haben die Spieler in diesem Rahmen die Hauptrolle zu spielen. Der Trainer ist wie ein Regisseur, die Spieler sind es aber, die auf der Bühne schauspielern müssen.

In den letzten Jahren nahm in der Bundesliga die Zahl der französischen Spieler zu – genauso wie überall in Europa. Was für eine Kultur bringen diese Spieler ihrer Meinung nach aus der französischen Liga mit?

In der französischen Liga gibt es Mannschaften, in denen zu spielen Spaß macht, und es ist ein hervorragender Stopp für die Entwicklung von Spielern. Neben diesen beiden Eigenschaften gibt es aber auch eine Sache, die wir weiter entwickeln sollten: Umschaltspiel. In Frankreich neigen wir dazu, zu unseren Positionen zurückzukehren und uns hinter dem Ball aufzustellen. In Deutschland und Spanien sehen wir, dass sie in der gleichen Situation auf den Gegner losgehen und versuchen, den Ball mit Gegenpressing zurückzugewinnen. Wir könnten auch diese Mentalität etablieren. 

Wenn es um Nachwuchssysteme geht, thematisiert man häufig die Schwierigkeiten, die viele Spieler mit großem Potenzial erleben, wenn sie das erste Mal auf professionellem Niveau spielen. Worauf führen sie diese Schwierigkeiten zurück? 

Das Problem ist, dass junge Spieler spielen müssen. Wenn man sie auf professionellem Niveau nutzen will, muss man sie aufstellen. Einige französische Vereine wie Nizza, Lorient, Toulouse, Montpellier, Nantes und Rennes schicken junge Spieler bereits in sehr frühem Alter auf das Spielfeld. Natürlich finden sie bei PSG nicht die gleichen Chancen, dort ist es schwerer. Trotzdem können sie aber in anderen Vereinen mitspielen. Die Antwort dieser Frage liegt in der Philosophie und Vision des jeweiligen Landes. Leistung und Weiterentwicklung sind die beiden Sachen, über die man sich am meisten Gedanken machen sollte.

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