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Dominique Rocheteau: "Wir haben die Pfosten gekauft"

Dominique Rocheteau: "Wir haben die Pfosten gekauft"

Als AS Saint-Étienne sich 1976 Schritt für Schritt dem Finale des Europapokals Landesmeister näherte, zog ein junger, langhaariger Stürmer die Aufmerksamkeit auf sich. Dominique Rocheteau war damals der Star der Mannschaft, aber er lehnte diesen Status ab, hörte lieber Rock und vermied die Massen. Ein Gespräch über damals.


Wie konnte AS Saint-Étienne den 1970er Jahren ihren Stempel aufdrücken?

Weil Saint-Étienne in vielerlei Hinsicht ihren Konkurrenten überlegen war. In Hinblick auf Verwaltung, Medizin und Professionalität war der Verein viel weiter als die Konkurrenten. Unsere Reisen waren sehr gut organisiert. Innerhalb des Vereins gab es einen Informationsaustausch auf sehr hohem Niveau. Man hielt uns für die formal am besten funktionierende Mannschaft. Pierre Garonnaire wusste die richtigen Spieler für den Kader zu holen. Unser Trainer war Robert Herbin und er kannte den Verein sehr gut. All das trug dazu bei.

Das übertrug sich auf die Stadt.

Ja! Saint-Étienne ist eine Arbeiterstadt, eine Kumpelstadt. Die Menschen, die hier leben, haben viele gemeinsame Werte und sie stehen hinter der Fußballmannschaft. Solidarität kommt dabei an erster Stelle. Arbeit wird wertgeschätzt. Das war auch die Basis unseres Erfolges. Saint-Étienne war vor allem eine Struktur, die den Menschen der Stadt gehörte. Es gab Männer, die im Verein diese Werte eingeführt hatten; als Trainer waren – vor Herbin – Jean Snella und Albert Batteux sehr einflussreich gewesen. Der Präsident Roger Rocher hatte dazu ebenfalls einen großen Beitrag geleistet. Diese Männer hatten den Verein aufgebaut.

Hatte das Zusammenleben in Saint-Étienne, einer kleinen Stadt, eine positive Auswirkung auf den Zusammenhalt in der Mannschaft?

Natürlich spielte es eine große Rolle. Das Stade Geoffroy-Guichard, wo wir spielten, wird Le Chaudron genannt, was „kleiner Kessel“ bedeutet. Das ist eine Anspielung auf die „brodelnde“ Atmosphäre im Stadion. Wir gewannen die Spiele dank dieser Atmosphäre, die die Bevölkerung und die Fans schufen. 40.000 Zuschauer schufen ein bezauberndes Ambiente. Die Saint-Étienne-Legende der 70er Jahre ist größtenteils auf unser Zuhause zurückzuführen. Denn häufig verloren wir die Auswärtsspiele, konnten es aber im eigenen Stadion wiedergutmachen. Gegen Hajduk Split und Dynamo Kiew hatten wir auswärts verloren, die Heimsiege erlaubten uns aber weiterzukommen. Das wurde dank der Fans möglich.

1976 standen Sie im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister Dynamo Kiew gegenüber – eines Ihrer wichtigsten Spiele auf dem Weg zum Finale. Das erste Spiel fand in einer recht schwierigen Atmosphäre statt. Wie war es in der Ukraine?

Wegen eines starken Schneesturms fand das Spiel nicht in Kiew statt, sondern in der Nähe des Schwarzen Meeres, in Simferopol. Der Boden war für Fußball überhaupt nicht geeignet. Deswegen fegten sie uns hinweg; wir verloren 0:2. Aber im Rückspiel konnten wir gegen sie 3:0 gewinnen. Nach dem ersten Spiel hatten wir unseren Glauben nicht aufgegeben, wir setzten auf das zweite Spiel. Wir wussten, dass wir ganz anders spielen und eine Legende schaffen könnten. Wir hatten in der Vergangenheit ähnliches geschafft. Und so ging das zweite Spiel in die Geschichte ein. Es war ein sehr außergewöhnliches Spiel. Dynamo Kiew war damals sehr stark; sie waren unter der Führung des Ballon-d’Or-Gewinners Oleh Blochin zur besten Mannschaft in Europa geworden. Deswegen bedurfte es einer phantastischen Leistung, um uns gegen sie zu behaupten und weiterzukommen. 

Im Rückspiel gibt es eine interessante Szene. Nach einem Eckball fiel der Ball vor Blochin, der mit seinem einmaligen Dribblingsstil bis in Ihren Strafraum durchdrang, dort aber den Ball verlor. Es war das 1:0. War das der Wendepunkt, auch psychologisch?

Christian Lopez war es, der den Ball von Blochin zurückeroberte. Dann spielte er den Ball Osvaldo Piazza zu, der ihn wiederum Patrick Revelli gab. Nach Patricks Flanke schoss Hervé Revelli das Tor. Kurz davor hätte auch Kiew ein Tor machen können, aber es kam, wie es kam. Wie könnte man solche Momente vergessen? All das schmückt die Wände des Saint-Étienne-Museums. Wir sind übrigens der einzige französische Verein, der ein Museum hat. Die Fotos jenes Kiew-Spiels sind überall; es war ein legendärer Kampf. 

Das Tor, das Ihr Weiterkommen sicherte, kam von Ihnen. Was ist Ihnen von jenem Moment in Erinnerung geblieben?

Es ist eine fesselnde Erinnerung. Ich konnte eigentlich in jenen Minuten nicht mehr laufen. Ich hatte mich verletzt. Patrick Revelli drang auf dem rechten Flügel mit dem Ball vorwärts. Ich stand im Strafraum. Der Ball landete vor mir und ich machte das Ding rein. Ich hatte plötzlich die Schmerzen in meinen Waden vergessen und rannte wie verrückt herum. Wenn Sie sich die Videoaufnahmen anschauen, werden Sie Zuschauer sehen, die auf das Spielfeld heruntergesprungen waren. Die Fotographen rannten herum. Es war ein wirklich besonderer Moment. 

Nach dem Sieg nahmen viele Ihrer Mitspieler an der Feier in der Stadt teil, aber Sie entschieden sich dafür, nach Hause zu gehen, um dort Musik zu hören. Warum haben Sie es getan?

Ich wollte alleine bleiben, denn es war ein physisch und psychisch belastendes Spiel gewesen. Danach wollte ich alleine sein und meine Ruhe haben. Aber das habe ich am Anfang natürlich nicht ganz geschafft. Es hat erst ein paar Stunden später geklappt. 

Können Sie sich noch erinnern, was Sie jene Nacht gehört haben?

Ich mochte amerikanische Rockmusik aus Kalifornien, aber ich dürfte in jener Nacht eine ruhigere Ballade gehört haben, auch wenn ich es nicht mehr genau weiß.

Wir wissen, dass Sie sich sehr für Musik interessieren. Hatten Sie damals Mitspieler, die dieses Interesse mit Ihnen teilten?

Es gab Dominique Bathenay und Piazza, aber mein Leben spielte sich nicht ausschließlich im Verein ab. Ich hatte in der Stadt viele Freunde, die mit professionellem Fußball nichts am Hut hatten. Ich hing meistens mit ihnen herum und wir hörten Musik.

Wenn wir schon über Ihre Mitspieler reden: Nachdem Sie gegen Kiew gewonnen hatten, trafen Sie in der nächsten Runde auf PSV Eindhoven. Vor allem im Rückspiel war der Torhüter Ivan Ćurković der Spieler des Spiels. Jean-Michel Larqué schoss, genauso wie gegen Kiew, ein Freistoßtor. Wie beurteilen Sie Ihre Leistung? 

Ćurković war ein hervorragender Torhüter und dazu noch ein sehr guter Freund. Er kommt heute noch manchmal in die Stadt und wir treffen uns. Was Ćurković auszeichnete, war sein Beitrag zum Verein. Er war ein echter Profi und mit dieser Eigenschaft war er ein Vorbild für alle. In dieser Hinsicht war er sehr streng. Jean-Michel Larqué war unser Kapitän. Er war ein unglaublich guter Spieler mit ausgezeichneten technischen Fähigkeiten. Wir verstanden uns auf dem Spielfeld wirklich sehr gut und waren eng miteinander verbunden. Vor ein paar Jahren trafen wir uns zum vierzigsten Jahrestag des Erfolges 1976. Eine Woche lang fanden in Saint-Étienne wunderschöne Feiern statt. Es waren vierzig Jahre vergangen, seitdem wir im Finale des Europapokals der Landesmeister gestanden hatten.

Zu Beginn unseres Gesprächs sprachen Sie von Robert Herbins Beitrag zum Verein als Trainer. Was zeichnete die Mannschaft unter seiner Führung aus?

Wir unterschieden uns von anderen dadurch, dass wir sehr gute Spieler, aber keinen Star hatten. Aus diesem Grund mussten wir alles gemeinsam und kollektiv tun. Unsere Kommunikation war sehr gut, wir verstanden einander. Es herrschte also in der Mannschaft richtige Solidarität. Herbin war wirklich sehr charismatisch. Im Verein wurde er sehr respektiert, da er in der Vergangenheit für Saint-Étienne gespielt hatte und damals sehr erfolgreich gewesen war. Ich kann sagen, dass er ein toller Trainer war. Damals hat er Ajax sehr gerne zugeschaut; ihre Taktik hat ihn sehr beeindruckt. Er wollte, dass wir wie Ajax spielten.

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Im Finale haben Sie dann gegen Bayern München gut begonnen. Ahnten Sie da, dass Sie das Spiel gewinnen können?

An dem Tag waren 30.000 Saint-Étienne-Fans im Stadion. 30.000! Sie waren alle nach Glasgow, in den Hampden Park, gekommen. Das ganze Stadion war grün, es war eine unglaublich schöne Atmosphäre. Wir fühlten uns an jenem Abend nahezu zu Hause. Und wir spielten, ohne unseren Gegner zu fürchten. Wir waren uns unserer Stärke bewusst. Aber es war eine sehr bittere Niederlage, eine sehr große Enttäuschung. Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier… Die Bayern hatten einen sehr erfahrenen Kader und das war auch der Faktor, der das Spiel zu ihren Gunsten entschieden hat.

Sie hatten im Finale mehr Torchancen, konnten sie aber nicht verwerten.

Zweimal scheiterten wir am Pfosten, das waren zwei große Torchancen gewesen. Jahre später kauften wir diese Pfosten, jetzt stehen sie im Saint-Étienne-Museum. Leider wollte der Ball irgendwie nicht reingehen und die Pfosten wurden zu einer Legende. Natürlich haben wir später vieles bereut, was an jenem Abend geschehen war. Trotzdem wurden wir auf der Champs-Élysées super empfangen. Ganz Frankreich stand damals hinter Saint-Étienne. Das ist heutzutage nicht mehr vorstellbar. Jetzt hat man auf der einen Seite die Marseille-Fans, auf der anderen die Paris-Saint-Germain-Fans. Aber 1976 standen alle hinter Saint-Étienne. Wir waren so etwas wie die französische Nationalmannschaft. Heute noch ist Saint-Étienne der einzige Verein, der überall in Frankreich Fans hat.

Sie standen im Finale wegen Ihrer Verletzung nicht in der Startelf. Wie ging es Ihnen damit?

Ich war enttäuscht, weil ich im Finale nicht auf dem Rasen stand, obwohl ich bis dahin in allen Spielen dabei war. Ich war am Oberschenkel verletzt. Es war für mich ein sehr schmerzhaftes Unglück. Gegen Ende wurde ich schon eingewechselt, aber nach dem Finale wurde ich operiert. Es war also eine sehr schwierige Situation, die mich sehr traurig machte.

Warum war Saint-Étienne nach 1976 in Europa nie wieder so erfolgreich?

Weil es das Ende einer Generation war… Jean-Michel Larqué beendete seine Karriere, Piazza und Bathenay verließen den Verein. Auch ich wechselte später zu PSG. Als unsere Generation sich vom Verein verabschiedete, kam Michel Platini zu Saint-Étienne. 1977 zeigten Sie im Europapokal der Landesmeister wieder gute Leistungen, aber sind gegen Liverpool, den Verein, der später das Turnier gewann, ausgeschieden.

Die Niederlage gegen Liverpool war eine Art Wendepunkt, oder?

Mit Sicherheit. Liverpool gewann jenes Jahr den Europapokal der Landesmeister. Wenn wir gegen sie gewonnen hätten, wären wir vielleicht Meister geworden. Im Hinspiel gewannen wir zu Hause 1:0. In England spielte Piazza nicht mit; er fehlte uns sehr. Jenes Liverpool–Saint-Étienne-Spiel ist in die Geschichte eingegangen. Es ist eines der wenigen legendären Spiele, die im Liverpool-Museum ihren Platz finden. Liverpool und Saint-Étienne sind zwei Vereine, die den gleichen Geist haben. Auch hinter ihnen steht eine bezaubernde Bevölkerung, die ihre Mannschaft immer unterstützt.

Nach Saint-Étienne war Marseille der erste französische Verein, der in Europa ähnlichen Erfolg hatte. Aber die damalige Bestechungsaffäre führte dazu, dass Erinnerungen an ihn nicht so schön sind…

Marseille ist ein sehr populärer Verein. Für mich gibt es drei Vereine im französischen Fußball, die wirklich populär sind: Saint-Étienne, Marseille und Lens. Heutzutage spielt Lens in der zweiten Liga, aber trotzdem ist es ein sehr wichtiger Verein. Er ähnelt mit seinen Fans und seinem Stil englischen Vereinen… Danach kommen PSG, Lyon und Monaco. Aber unter diesen Vereinen sind es die ersten drei, die wirklich populär sind…

War der französische Fußball vor Ihrem Erfolg in einer Krise? 

Ja, wir hatten kein erfolgreiches Vorbild vor uns. Saint-Étienne war eine Initialzündung, wir brachten den französischen Fußball zum Explodieren. Wir lösten die Probleme, die die großen Mannschaften erlebten. Auch die Spieler, die wir zur Nationalmannschaft schickten, haben unter der Führung von Michel Platini Großes erreicht. Saint-Étienne leitete im französischen Fußball ein ganz neues Niveau ein. 

Ihr Wirken in der Nationalmannschaft war dabei von großer Bedeutung…

Zweifellos. Vor allem Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre veränderten wir die Nationalmannschaft. Bei der Weltmeisterschaft 1978 war ich leicht verletzt, aber mit mir waren vier bis fünf Saint-Étienne-Spieler in der Nationalmannschaft. Als später noch Spieler wie Michel Platini, Alain Giresse und Jean Tigana dazu kamen, hatte die Nationalmannschaft große Erfolge. Aber am Anfang dieses Weges, 1976 und 1978, war die Rolle von Saint-Étienne ziemlich groß.

Später wurde jene Nationalmannschaft Europameister…

Ja. Meiner Meinung nach waren die Mannschaften 1982 und 1984 die besten in der französischen Geschichte. Ich kann sogar sagen, dass die Nationalmannschaft, die 1982 an der Weltmeisterschaft in Spanien teilnahm, die größte unserer Geschichte war. 

Früher sagten Sie, dass Sie den Namen L’ange vert (grüner Engel) nicht mochten. Wie geht es Ihnen jetzt damit?

Jetzt ist alles in Ordnung. Ich habe mittlerweile ein besseres Verhältnis zu diesem Spitznamen. Es ist eine schöne Art, wie die Leute sich an einen erinnern. Es ist ein sympathischer Spitzname. 

Interessieren Sie sich immer noch für Rockmusik?

Ja, ich verfolge ein paar der gegenwärtigen Bands. Zum Beispiel mag ich Coldplay. Als sie nach Paris kamen, gingen wir zu ihrem Konzert. Ansonsten mag ich eher Musiker aus meiner Zeit – wie Roger Waters zum Beispiel.

Wie finden Sie es, berühmt zu sein? In der Vergangenheit hatten Sie einen rebellischen Charakter…

Rebellisch ist ein großes Wort. Ich weiß es nicht. Ja, ich hatte andere, humanistische Meinungen. Ich hatte ein gutes Verhältnis zur Musik, liebte Rock und hatte lange Haare. Wieso mochte ich es nicht, berühmt zu sein? Weil ich ein ruhiges und einfaches Leben führen wollte.

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