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Claudio Pizarro: „Das ist bestimmt ein Idiot“

Claudio Pizarro: „Das ist bestimmt ein Idiot“

Claudio Pizarro beendet seine Karriere. Er war der letzte Schlawiner in der Bundesliga, doch zuhause ist der Stürmer von Werder Bremen ein strenger Papa. Ein Gespräch über das Vatersein, das leichte Leben und komische Gegenspieler.


Herr Pizarro, sind Sie eigentlich ein strenger Papa?

Meine Kinder behaupten das. Ich dagegen sehe das natürlich ganz anders. Mein Vater war sehr streng mit mir, ich weiß also, was das heißt. Ich finde mich eigentlich ganz locker, aber meine Kinder würden wohl eher das Gegenteil behaupten. In Südamerika läuft die Erziehung etwas anders ab als in Deutschland. Hier sind die Eltern deutlich entspannter, lockerer. Das hat wohl auch mit dem Sicherheitsaspekt zu tun, wenn man einigermaßen unbesorgt vor die Tür gehen kann. Ich sehe mich als Vertreter beider Erziehungsstile, in der Mitte zwischen Peru und Deutschland. Und natürlich picke ich mir aus beiden Welten nur die besten Dinge raus…

Sind Sie strenger als Ihre Frau?

Das kann man so sagen. Sie lässt mehr durchgehen als ich. Ein bisschen good cop, bad cop.

Wie viel bekommen Ihre Kinder von Ihrer Heimat Peru hier in Deutschland mit?

Ich hoffe, sehr viel. Wir fliegen mindestens zweimal im Jahr nach Hause. Dann gibt es große Treffen mit der Familie und mit Freunden. Wir wollen die peruanische Kultur vermitteln und natürlich auch die Sprache nicht verlernen. Das ist uns sehr wichtig. Und ich glaube auch, dass es ganz gut funktioniert. 

Inwiefern?

Meine Kinder würden selbst sagen, dass sie zwar in Deutschland geboren sind, aber trotzdem im Herzen Peruaner sind. Zu Hause reden wir nur Spanisch, sonst würden meine Kinder irgendwann ihren Wortschatz verlieren. Sie gehen auf eine internationale Schule, da wird Englisch gesprochen und im täglichen Leben um uns herum nur Deutsch. Würden wir nicht in unserer Muttersprache mit ihnen reden, wäre das Spanisch irgendwann weg. Jetzt besteht diese Gefahr nicht mehr so, weil die Kinder schon groß sind. Aber als sie noch klein waren, war es umso wichtiger, zu Hause Spanisch zu reden.



Der Artikel erschien zuerst in Ausgabe #8 im Juni 2017. Jetzt nachbestellen

Peru erscheint uns Mitteleuropäern unglaublich weit weg, man weiß im Grunde nicht viel über das Land und die Menschen dort. Gibt es klassische peruanische Klischees?

Eigentlich nicht. Die Südamerikaner sind in so vielen Dingen gleich. Da spielt es kaum eine Rolle, ob einer aus Bolivien oder Peru oder Venezuela kommt. Eine Sache aus Peru ist im Moment aber sehr angesagt: unser Essen. 

Was ist daran so besonders?

Die peruanische Küche ist auf dem Vormarsch, im Michelin-Ranking liegen wir weltweit mit ganz vorne. Also: Unser Essen ist hervorragend. Dann gibt es noch Machu Picchu, die alte Inka-Stadt. Und das war‘s. Keine weiteren Klischees.

Dafür aber leider immer wieder schlimme Naturkatastrophen, Überschwemmungen, die Probleme mit dem Trinkwasser. Ein anderes Problem ist der illegale Bergbau. Goldschürfer haben Teile des Urwalds verwüstet, die Regierung scheint machtlos.

Ich habe davon gehört. Aber ich habe keine Ahnung, wie die Politik diese Probleme lösen will.

Können Sie sich Peru als Lebensmittelpunkt nach Ihrer Karriere vorstellen?

Ich denke, dass wir in Deutschland bleiben. Unsere Überlegungen gehen dahin, dass wir zurück nach München gehen, wenn ich mit meiner aktiven Karriere aufhöre. Es gibt eine Tendenz, entschieden ist aber noch nichts.

Gibt es denn schon eine grobe Richtung, zu der Sie tendieren?

Ich werde auf jeden Fall im Fußballbereich bleiben. Im Prinzip kann ich mir alles vorstellen. Bis auf Trainer vielleicht. 

Zu viel Stress?

Jeden Tag Fußball, von morgens bis abends. Spielvorbereitung, Gegneranalyse, Einzelgespräche, Medien und PR-Termine. Aufwachen mit Fußball, ins Bett gehen mit Fußball. Das wäre mir zu viel. Ich hatte als Spieler schon genug mit Fußball um die Ohren. Später möchte ich mehr Zeit für meine Familie haben. Und für mich.

Vielleicht dann eher Berater?

Darüber habe ich schon nachgedacht. Ich spreche vier Sprachen, habe Beziehungen in Europa und nach Südamerika. Mein bester Kumpel in Peru ist Spielerberater.

Dafür kann auch eine gute Menschenkenntnis nicht schaden. Wie steht’s damit?

Manchmal sehe ich einen Gegenspieler auf dem Feld und denke mir sofort: ‚Das ist bestimmt ein Idiot, so wie der sich gibt.‘ Und dann lerne ich den näher kennen und es stellt sich heraus, dass das ein super Typ ist. Witzig, schlau, intelligent. Gut, manchmal ist es genau umgekehrt. Aber es passiert mir ab und zu, dass ich daneben liege mit meiner Einschätzung.

Der Fußballer Pizarro ist jedem bekannt. Wie sind Sie privat?

Eigentlich gibt es da keinen Unterschied. Ich versuche, immer optimistisch zu sein, immer positiv. Ich bin gerne fröhlich. Das geht auch nicht jeden Tag, aber man sollte es versuchen. Es macht ein paar Dinge leichter im Leben.

Müssen Sie sich für Ihre Zeit nach der aktiven Karriere umstellen, härter und ernster werden?

Das glaube und das hoffe ich nicht. Wenn ich streng sein muss, dann werde ich auch streng sein. Aber das bin ich jetzt ja auch schon…

Miroslav Klose, der einst wie Sie in Bremen und München gespielt hat, half bei der Nationalmannschaft aus, später in der Jugend des FC Bayern. Etwas für Sie?

Das könnte sein, ich will, wie gesagt, überhaupt nichts ausschließen. Wenn ich jungen Spielern etwas beibringen könnte, würde mich das schon reizen. Das würde ich wohl gerne machen. Aber es muss auch für mich passen. Das müsste ich mir im Detail anschauen und dann eine Entscheidung treffen. Ich halte mir alle Möglichkeiten offen.

Könnten Sie morgen als Spielerscout für den südamerikanischen Markt anfangen?

Ich verfolge den peruanischen Fußball und die Copa Libertadores, so gut es geht. Leider bekommen wir hier in Deutschland davon nicht so viel mit. Ich kenne einige junge Spieler, aber ich würde mir jetzt nicht anmaßen zu sagen, dass ich ein Insider wäre. Ich bekomme einiges über meinen Kumpel mit, ich kenne interessante Namen. Aber um mir wirklich ein umfassendes Bild machen zu können, müsste ich öfter vor Ort sein und mit den Jungs reden.

Ist ein neuer Pizarro dabei?

Schwer zu sagen. Es gibt genug Spieler mit Potenzial in Südamerika. Aber das alleine genügt nicht. Die Jungs müssen rauskommen und andere Dinge ausprobieren. Erst dann kann man einschätzen, ob es einer schaffen kann oder nicht.

Die Standards der Nachwuchsleistungszentren in Deutschland und anderen großen europäischen Verbände sind exzellent. Haben junge Spieler aus Südamerika da nicht einen natürlichen Wettbewerbsnachteil?

Ich fürchte schon. In Deutschland ist alles sehr professionell, sehr strukturiert, die Spieler können sich total auf den Fußball konzentrieren. Es ist viel Geld im Umlauf, das ist eine andere Welt. Die Spieler entwickeln sich zum Beispiel in Deutschland viel schneller und viel besser als in Südamerika. Und die Mentalität ist eben eine andere: Südamerikaner lassen sich schnell von der großen weiten Welt des Profi-Fußballs täuschen. Die schauen sich oft nicht nur die guten Dinge von älteren Spielern ab, sondern auch die weniger guten. Wenn die sehen, dass die Blödsinn machen können und damit durchkommen, dann machen die das auch. Dann machen die Eltern noch Druck oder falsche Freunde, das Umfeld lenkt die Jugendlichen in eine falsche Richtung. Und schon verliert sich ein Spieler auf dem Weg nach oben und findet nie mehr zurück. Es gibt dort so viel fußballerische Qualität. Aber die meisten packen es nicht, auf dem richtigen Weg zu bleiben.

Wenn es jetzt einen Peruaner gäbe, der in jungen Jahren nach Europa gegangen ist, es dort zu einer großen Karriere gebracht hat und den vielen Begabten in der Heimat mit seiner Erfahrung die nötige Hilfe leisten könnte… 

Das ist eine meiner konkreteren Überlegungen: dass ich mich um Spieler kümmere, die Potenzial haben und Beratung benötigen. Gespräche führen, ein bisschen auf den Freundeskreis achten. Sehr interessant.

Ist es aber im Umkehrschluss auch gar nicht so verkehrt für die Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen, wenn ihnen nicht alles abgenommen wird und sie sich um ein paar Dinge auch selbst kümmern müssen?

Klar gehört das auch dazu. Ein bisschen improvisieren, Dinge selbst erarbeiten. Aber die Unterschiede sind selbst in Deutschland da immer noch enorm. 

Inwiefern?

In einem großen Klub läuft das ganz anders ab als in einem kleineren Verein. In großen Klubs nehmen sie dir alles ab, kümmern sich, geben dir alles, was du brauchst. Du musst noch nicht mal eine Rechnung selbst überweisen, zum Amt gehen, ein Handy besorgen, ein Haus mieten. Das übernimmt alles der Klub. Es wird versucht, für eine hundertprozentige Sicherheit zu sorgen und dass der Spieler keine Ablenkung hat. Die bezahlen dich und du musst Leistung dafür bringen. Aber irgendwann ist es mit dem aktiven Fußball vorbei. Und dann scheitern einige Spieler an der Karriere nach der Karriere. Das ist die andere Seite, die weniger schön ist.

„Ich schaue nicht von oben herab“

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Daniel Baier wollte einst die 10, bekam sie aber nicht, weil er Thomas Häßler nicht beerben durfte. Beim FC Augsburg bekam er sie und schreibt seither eine Erfolgsgeschichte. Mit 35 ist er immer noch topfit, hat aber mit dem deutschen Fußball noch ein Hühnchen zu rupfen.

Sie sind nun seit fast zwei Jahrzehnten in Deutschland. Denken Sie darüber nach, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen?

Ich habe schon den italienischen Pass, bin also EU-Bürger. Aber ich denke schon darüber nach. Meine Kinder sind hier geboren, wir wollen hier bleiben. Für sie wäre es schon recht wichtig. Ich denke, ich werde das machen.

Sie waren und sind in München und in Bremen ein Publikumsliebling, auch eine Identifikationsfigur. Aber nie einer der Anführer, einer, der den Mund aufgemacht hat und auch mal in der Öffentlichkeit wachgerüttelt hat. Wieso?

Da muss man unterscheiden: Ich bin schon einer, der was zu sagen hat. Aber ich wollte nie, dass die Leute denken, ich wäre so ein Lautsprecher. Einer, der zu allem was zu sagen hat und auch mal poltert. Das ist durchaus eine Masche von mir. Ich will eher unter dem Radar bleiben. Wie dasdann intern ausgesehen hat, wissen die Leute, die es wissen müssen.

Hätten Sie auch mal lauter sein müssen?

Ich war immer laut, wenn ich laut sein musste. Ich will einfach nicht, dass jede Kleinigkeit nach draußen dringt.

Wäre es eine Aufgabe für die Zeit nach der Karriere, offensiver und öffentlicher aufzutreten?

Kommt halt darauf an, was ich dann mache. Aber ich werde mich wohl schon ein bisschen öffnen müssen, vielleicht ein bisschen mehr Verantwortung übernehmen.

Welchen Traum haben Sie sich noch nicht erfüllt?

Ich habe nie eine Weltmeisterschaft mit Peru gespielt. Das ist ein ganz großer Traum von mir, der leider nie in Erfüllung gegangen ist. Sonst habe ich als Fußballer alles erreicht, was ich erreichen wollte.

Dann müssen Sie ja doch Trainer werden und Perus Nationalmannschaft übernehmen.

Oder Teammanager werden. Der Oliver Bierhoff von Peru. Wir werden sehen…

Haben Sie Angst vor dem Tag, an dem das erste Ihrer Kinder von zu Hause auszieht?

Bei meinem Sohn ist es bald so weit. Er geht demnächst nach England zum Studieren. Physik, er ist naturwissenschaftlich ziemlich begabt. Ich kann sehr gut loslassen, glaube ich. Und ich beschäftige mich erst mit Dingen, wenn sie auch konkret werden. 

Auch bei Ihnen selbst? Irgendwann kommt der Tag, da spielen Sie Ihr letztes Spiel.

Ich werde darauf vorbereitet sein. Aber es bereitet mir keine Sorgen oder schlaflose Nächte. Vielleicht kommt das dann alles auf einmal, wenn mein Sohn tatsächlich nicht mehr jeden Morgen bei uns sitzt. Vielleicht denke ich dann doch: ‚Na ja, schon auch etwas blöd jetzt…‘ Bei meinem Sohn mache ich mir aber eher gar keine Sorgen. Bei meiner größeren Tochter schon eher. Sie ist künstlerisch begabt und wahrscheinlich will sie Theaterwissenschaften oder so etwas studieren.

Kein weiterer Fußballer im Hause Pizarro?

Doch, unsere Kleinste. Die wird Fußballerin. Spielt bei Werder in der Jugend. Aber jetzt kommt’s: Sie will unbedingt Torhüterin sein. 

Bei dem Vater…

Wie gesagt: Jeder darf das machen, was er will.

Können Sie Spieler Mitte zwanzig verstehen, denen eine große Karriere vorausgesagt wird, die dann aber trotzdem von Europa nach China wechseln? 

Ich kann das verstehen. Wenn einem zehn Millionen Euro auf dem Konto wichtiger sind als der Gewinn der Champions League, dann muss er das machen. Für mich wäre das nichts, aber ich verteufle diese Denkweise auch nicht. Mein größtes Ziel war immer, die Champions League zu gewinnen. Deswegen bin ich zweimal zu den Bayern gewechselt. Und ich war mir 2012 nach ein paar Tagen im Training absolut sicher, dass wir den Pott auch holen. Das konnte man vom ersten Tag an spüren, nachdem die Mannschaft ein paar Wochen gegen Chelsea im eigenen Stadion verloren hatte.

Welche Geschichten sind in Ihrem Leben noch nicht geschrieben?

Es wird auf jeden Fall so sein wie in meiner Karriere als Spieler: Ich setze mir Ziele und unternehme dann alles, um diese auch zu erreichen. Man muss groß denken. Aber es muss auch meiner Familie und mir dabei gut gehen. Geld spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

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