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Jeden Tag ein anderes 7:1

Jeden Tag ein anderes 7:1

Das 1:7-Debakel gegen Deutschland im WM-Halbfinale 2014 war mehr als nur ein verlorenes Fußballspiel, und bringt die Brasilianer noch heute zum Nachdenken. 


Als mitten in der Wiederholungsstaffel historischer Selecao-Spiele der Ruf nach dem 7:1 ertönte, raunte Brasiliens Kommentator-Legende Galvao Bueno, der die WM-Titel 1994 und 2002 in Brasiliens Wohnzimmer schrie, nur kopfschüttelnd: "Ihr seid verrückt." Die Coronavirus-Zeit sei schlimm genug, warum sich eines Fußballspiels erinnern, das eigentlich alle Brasilianer am liebsten vergessen wollten?

Am Mittwoch jährt sich zum sechsten Mal jener desaströse Abend im Mineirao-Stadion von Belo Horizonte, als der WM-Rekord-Champion vom späteren Weltmeister Deutschland in Grund und Boden gespielt wurde. Als Thomas Müller, Miroslav Klose, Toni Kroos (2), Sami Khedira und Andre Schürrle (2) mit ihren Toren nicht nur die Euphorie Buenos in ein immer monotoneres "Gol da Alemanha" verwandelten. 

Letztlich hatte Brasiliens TV-Gigant Globo nicht die Traute, die Nation in seinem für alle offenen Programm erstmals auf die Reise in die schmerzvolle Vergangenheit zu schicken, versteckte die Schmach im Pay-TV-Kanal SporTV, und erreichte dort dennoch am 31. Mai Spitzenwerte bei den Zuschauerzahlen. 



Der große Glanz fehlte

Zurück blieb vor sechs Jahren kein Trauma, sondern die traurige Gewissheit von etwas, das man schon lange ahnte. Das Verhältnis zur Selecao hat sich in der brasilianischen Fußball-Seele gewandelt. Die WM-Triumphe 1958, 1962 und 1970 haben die große Mehrzahl der  Brasilianer fast vor Stolz platzen lassen. Die Titel 1994 und 2002 wurden schon weitaus weniger berauschend "erarbeitet". Der große Glanz fehlte. Aus dieser Perspektive ist das damalige Drama keine offene Wunde. 

Das "Sete a Um", das 7:1, ist vielmehr als geflügeltes Wort in den Sprachgebrauch der Brasilianer geflossen. "Es wurde Synonym für Inkompetenz, Arroganz und Ignoranz", schrieb der renommierte Journalist Sergio Xavier schon ein Jahr nach der Katastrophe in einer Kolumne. Und ist heute mit seiner Einschätzung treffender als je zuvor.

"Bolsonaro geht in dieses Spiel genauso wie Felipao ins 1:7 gegen Deutschland. Er wettet hoch, um dann zu sehen, dass es so nicht funktioniert", twitterte Ex-Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva im April und sagte dem amtierenden Regierungschef im Kampf gegen das Coronavirus eine Bruchlandung wie dem damaligen Nationaltrainer und nun seit zehn Monaten klublosen Luiz Felipe Scolari voraus.



Zwei Millionen neue Arbeitslose

Die vom rechtspopulistisch agitierenden Jair Messias Bolsonaro als "Gripezinha" (leichte Grippe) eingestufte Corona-Pandemie hat laut Weltgesundheitsorganisation im Land mit kontinentalen Ausmaßen bereits mehr als 65.000 Leben gekostet und damit Brasilien zur Nummer zwei hinter den USA gemacht. Nach zwei Ärzten werkelt nun ein fachfremder General als Interimslösung im Gesundheitsministerium. 

"Jeder Tag ist ein anderes 7:1", heißt es vielsagend im Volksmund. Die Regierung verteilt derzeit 600 Real monatlich als Almosen an rund 50 Millionen Brasilianern, das Land verzeichnete aber allein in den zurückliegenden fünf Wochen zwei Millionen neue Arbeitslose. Im Vergleich zum US-Dollar verlor der Real seit Jahresbeginn knapp 30 Prozent, schwächer war nur Venezuelas Bolivar. 

Und Brasiliens Fußball? Die Selecao hat im vergangenen Jahr mit dem Gewinn der Copa America Vertrauen bei den Fans zurückgewonnen. Mehr auch nicht. Denn die Klubs spielen weiter verrückt, wollen gerade Fußball um jeden Preis und, wenn es geht, gar mit Publikum. 

Gestern Cruzeiro, heute Corinthians, morgen wer? Die Unvernunft, das Missmanagement der Funktionäre bringt selbst traditionelle Klubs Tag um Tag in finanzielle Schieflage. Ein ewiges 7:1. Wie der immer währende Exodus der Talente zu Europas Topklubs. 

Manche Lehren zieht Brasilien nie...

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