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Das Match des Jahrhunderts

Das Match des Jahrhunderts

Schach war in fester Hand der Sowjets – bis der Amerikaner Bobby Fisher den Weltmeister herausforderte und nicht weniger als das Match des Jahrhunderts gespielt wurde.


Es wird als „Match des Jahrhunderts“ bezeichnet, das Duell um die Schachweltmeisterschaft im Jahre 1972. Es verdient diesen Titel vor allen Dingen aufgrund der Bedeutung des Matches abseits des Schachbretts.

Nie war die öffentliche Wahrnehmung eines Schachwettkampfes so groß gewesen. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges stand die Weltpolitik im Zeichen des Kalten Krieges. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges war der Titel des Schachweltmeisters in sowjetischer Hand. Es gab sogar schon Vorschläge, die russische Meisterschaft direkt zur Weltmeisterschaft zu erklären.



"Eines Tages zeigen, wer der Beste ist"

Denn auch die Herausforderer stammten stets aus der sowjetischen Schachschule. Im Jahr 1972 sollte sich das ändern, denn der Amerikaner Robert James Fischer, genannt „Bobby“, trat als Herausforderer des sowjetischen Weltmeisters Boris Spasski an. Den Traum, eines Tages selbst gegen diese „besten Schachspieler der Welt“ für seine amerikanische Nation antreten zu dürfen, hegte der junge Amerikaner laut Biograph Frank Brady bereits von Kindesbeinen an. 

Er würde „eines Tages derjenige sein, der diesen ‚Russen‘ zeigt, dass der beste Schachspieler der Welt ein Amerikaner ist, der Robert James Fischer heißt. Jeden einzelnen von ihnen würde er unerbittlich besiegen.“

Schon in den Jahren vor dem Weltmeisterschaftskampf 1972 erregte das amerikanische Ausnahmetalent viel Aufsehen mit Aussagen wie „Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich sehe, wie sich mein Gegner im Todeskampf windet“ oder „Wenn ich Weiß habe, gewinne ich, weil ich Weiß habe, und wenn ich Schwarz habe, gewinne ich, weil ich Fischer bin“. Er genoss es regelrecht, wenn er seinen jeweiligen Gegner „seelisch zertrümmern“ konnte.



Immer wieder Querelen

Der Weltmeister Boris Spasski wirkte im Vergleich zu Fischer wie ein Vorzeigeathlet. Kampfeslust, eine große Ausdauer und Vielseitigkeit wurden dem sowjetischen Großmeister nachgesagt. Schach genoss ein hohes gesellschaftliches Ansehen und eine gute staatliche Förderung in der Sowjetunion. Vor und während des Matches wurde Spasski von mehreren sowjetischen Großmeisterkollegen unterstützt.

Fischer agierte hingegen hauptsächlich als Einzelkämpfer. Er vertraute kaum jemandem und war sehr misstrauisch. Der Gedanke, „die Russen“ wollten ihn sabotieren, verfolgte ihn. Das Duell zwischen den USA und der Sowjetunion, das Duell der Systeme, das Duell zwischen Robert James Fischer und Boris Spasski, es war in vielerlei Hinsicht besonders. Die politische Situation, die sportliche Historie, die außerordentlich hohe Preisgeldsumme und nicht zuletzt die so verschiedenen Kontrahenten machen dieses Match einzigartig in der Sportgeschichte. 

Daher begann das Duell bereits im Vorfeld des eigentlichen Matches. Nach ersten Querelen des amerikanischen Herausforderers, unter anderem wegen der Konditionen, wurde das Match für den 1. Juli 1972 in Reykjavík mit einem Preisgeld von 150.000 Dollar angesetzt. Doch zur Eröffnungsfeier blieb der Stuhl des divenhaften Herausforderers leer. Auch zur ersten Partie am 2. Juli erschien er nicht.

Anruf von Kissinger

Es bedurfte eines Anrufs Henry Kissingers, Nationaler Sicherheitsberater der USA zu dieser Zeit, und eines Londoner Bankiers, der das Preisgeld kurzfristig um umgerechnet etwa 125.000 Dollar erhöhte, damit Fischer in ein Flugzeug stieg und am 4. Juli in Reykjavík landete. Kissinger sagte am Telefon zu Bobby Fischer: „Amerika möchte, dass Sie dorthin gehen und die Russen besiegen. Schieben Sie Ihren Hintern nach Island.“ Die geplante Auslosung verschlief der Amerikaner anschließend. Später entschuldigte er sich bei Spasski und die erste Partie wurde für den 11. Juli festgelegt.

Fischers Selbstverständnis und Arroganz bescherten Spasski den Sieg in der ersten Partie. In ausgeglichener Stellung wollte Fischer mit Schwarz unbedingt gewinnen und bezahlte mit einer Niederlage. Zur zweiten Partie erschien der Amerikaner nicht. Er protestierte damit gegen die Fernsehübertragung des Wettkampfs und den Lärm im Spielsaal. Nach einem weiteren Anruf Kissingers und Vermittelns des Schiedsrichters wurde die dritte Partie in einem abgetrennten Raum ohne Publikum gespielt.

Allgemeines Aufatmen folgte, denn entgegen vieler Befürchtungen wurde das Match doch fortgeführt. Untersuchungen des Spielsaals nach elektronischen Vorrichtungen und chemischen Präparaten begleiteten das Match im weiteren Verlauf. Es war gespickt mit psychologischen Tricks. Nach 21 Partien endete es mit einem Sieg für den Herausforderer. Bobby Fischer wurde neuer Schachweltmeister. Die Ära der sowjetischen Weltmeister war gebrochen.

Später verzichtete Fischer auf die Verteidigung seines Titels, da ihm die Bedingungen nicht passten. Mit Anatoli Karpow folgte 1975 abermals ein Russe auf dem Schachthron.

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